Expressionismus hier und jetzt im Dortmunder U

Unter dem Motto „Expressionismus hier und jetzt! Sammlung Horn zu Gast“ ist auf der Ebene 6 Museum Ostwall im Dortmunder U vom 28.10.2023 bis zum 18.02. 2024 eine besondere Sonderausstellung mit 120 Werken zu sehen. Zum ersten Mal wird in unserer Stadt die hochkarätige Sammlung der Stiftung Rolf Horn (Schleswig-Holstein, Schloss Gottorf) zu sehen sein. Bedeutende und bekannte expressionistische Werke von Mitgliedern der Künstlergruppe Brücke, Käthe Kollwitz, Alexej von Jawlensky, Ernst-Ludwig Kirchner oder Christian Rohlfs treten in einen spannenden Dialog mit der Sammlung des Museums Ostwall, Werken aus dem Kirchner Museums Davos und zeitgenössischen Arbeiten von fünf Künstler*innen.



Die Reise der Sammlung Horn war Anfang des Jahres in Davos gestartet und wird nach dem Dortmunder U im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale enden.

War in Davos die Ausstellung nach Künstlern geordnet, haben sich die für die Dortmunder Wechselausstellung zuständigen Kurator*innen für eine Thematische entschieden. Es geht um Fragen des Expressionismus in Bezug zur aktuellen „Umbruchzeit“. Wie wirkte sich die Industrialisierung auf die Kunstschaffenden damals aus?

Einerseits die Faszination der hektischen Großstädte mit ihren Verlockungen (für diejenigen, die es sich leisten konnten), andererseits die Sehnsucht nach Natur, Natürlichkeit, Transzendenz sowie expressiver Ausdruckskraft. Folgen des rasanten Technologiewandels, den zunehmenden Einfluss der Medien auf Menschenbilder und Formsprache? Wie wirkten sich Kriegserfahrung (1. Weltkrieg) auf die Bildsprache des Expressionismus (Beispiel: Käthe Kollwitz)

Drei der zeitgenössischen Künstler*innen waren beim Presserundgang am 26.10.2023 mit dabei.

Einen wichtigen Raum nehmen Kolonialismus und die kulturelle Aneignung auf den Expressionismus ein. Der Künstler Moses März zeichnet transnationale geschichtliche, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse und Verflechtungen nach. Fünf Karten behandeln die Themen Kunstmarkt, Expressionismus, deutscher Kolonialismus, Exotismus und antikolonialer Widerstand.

Gast-Kuratorin und Künstlerin Natasha A. Kelly eröffnet mit ihrem Dokumentarfilm „Millis Erwachen“ und dem Kurzfilm „Milli’s Rising“ mittels Tanzes und dem gesprochenen Wort neue Erzählperspektiven auf die Lebensperspektiven von schwarzen Frauen in Deutschland entgegen den kolonialisierten Sehgewohnheiten.

Luiza Prado hinterfragt mit ihrer Arbeit „You travelled all this way and I got was this lousy postcard” die Darstellungsweisen der früheren Kolonien in Werbefilmen und Postkartenidyll. Als Symbol dient ihr die Flora der Ex-Kolonien.

Moderne Videotechnik wurde geschickt eingesetzt.

Zu der Sonderausstellung gibt es bis zu deren Ende ein umfangreiches Begleitprogramm. Dazu gibt es eine Broschüre und zusätzlich besteht die Möglichkeit, einen Katalog zu erwerben.




Schwanensee und der Kampf mit den inneren Dämonen

Xin Peng Wang (Intendant Ballett Dortmund) hat sich in seinem 20. Jubiläumsjahr zum dritten Mal an das komplexe und wohl bekannteste klassische Ballett Schwanensee von Peter Tschaikowsky (Musik) herangewagt und eine Neufassung 2023 kreiert.



Sein Konzept bietet einen neuen Blickwinkel auf das Handlungsgeschehen, übernimmt jedoch den zweiten und vierten Akt der tradierten Schwanensee-Choreografie.

Die Premiere fand am 21.10.2023 im Dortmunder Opernhaus statt.

Im Zentrum steht jetzt Siegfried, hier ein empfindsamer, nostalgischer aber wohlhabender Künstler. Er wird von dunklen Wahnvorstellungen (personifiziert von Rotbart), seinen Sehnsüchten und innerer Zerrissenheit geplagt. Sein Atelier ist voll von (teils unfertigen) Bildern von Seerosen und Schwänen.

Iana Salenko & Dinu Tamazlacaru. Foto: (c) Leszek Januszewski
Iana Salenko & Dinu Tamazlacaru. Foto: (c) Leszek Januszewski

Immer mehr steigert er sich in seine Halluzinationen hinein und flüchtet in seine Fantasiewelt „Schwanensee“. Odette ist hier nur ein Produkt seiner Sehnsüchte, Sinnbild für die Suche nach wahrer Liebe, Identität und Befreiung.

Odile (schwarzer Schwan), ebenfalls seiner Imagination entsprungen, verkörpert seine geheime dunkle Seite. und Fantasien. Die neue Version von Schwanensee bietet einen tiefen Einblick in die Seele und den Kampf mit der dunklen Seite Siegfrieds. Diese Ambivalenz und innere Konflikte bewegen ja auch heute viele Menschen und treiben sie zu fluchten in Phantasiewelten oder Drogen.

Die bewegende Musik Tschaikowskys, mal sanft melancholisch, dann wieder kraftvoll leidenschaftlich, wurde von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz mit viel Empathie live passgenau zur Handlung live gespielt.

Das große Aufgebot an Balletttänzer*innen, vom hiesigen Ballettensemble, Juniorballett NRW bis zu auswärtigen Gästen und Stipendiaten, bot klassischen Spitzentanz auf hohem Niveau.

Neben ihrem besonderen tänzerischen Können überzeugten Gastsolist Dino Tamazlacaru (Siegfried), Gastsolistin Iana Salenko (Odette/Odile), Simon Jones (Rotbart), Amanda Vieira (Siegfrieds Mutter), Márcio Barros Mota (Freund Benno) mit ihrer Darstellung der unterschiedlichen Charaktere und Emotionen.

Der Ballettabend ein vielschichtiges und emotional mitreißendes Tanzerlebnis, geschickt mit Projektionen und Spiegelungen verstärkt.

Die gelungene Mischung von traditionellem klassischem Ballett der Extraklasse und dynamischen neoklassischen Elementen und Ausdrucksformen und ein interessanter Blick der neuen Schwanensee-Version wurde vom Publikum mit viel Applaus begeistert gefeiert.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222




Eindrucksvolle Pressefotos im Depot

In der großen Halle des Kulturort Depot Dortmund (Immermannstraße 29) ist vom 21.10.2023 bis zum 12.11.2023  die World Press Photo Ausstellung mit einer Auswahl von etwa 120 der aktuellen prämierten Fotos aus 60.000 eingereichten Fotografien und Fotogeschichten aus dem exklusiven Pool des Jahres 2022 zu sehen. Nicht nur das: Es gibt dieses Mal nicht nur eine Auswahl dieser aktuellen Fotos zusehen, sondern zudem ist am Ende eine „Winner Wall“ aufgestellt, wo alle Fotografien abgebildet sind, die seit der Premiere des Wettbewerbes im Jahr 1955 mit dem Titel Pressefoto des Jahres ausgezeichnet wurden. Eine besondere fotografische Zeitreise durch vergangene Jahrzehnte, die sich in das Gedächtnis verschiedener Generationen eingebrannt haben.

Jedes Jahr zeichnet die World Press Photo Foundation in einem internationalen Wettbewerb die besten Pressefotografien der Welt aus. Die ausgelobten 30.000 Euro werden jetzt gleichmäßig auf die teilnehmenden Kontinente verteilt. Neben Europa sind Afrika, Nordamerika, Mittelamerika (Mexiko), Südamerika (Argentinien), Südostasien und Ozeanien beteiligt. Sie werden in verschiedenen Kategorien verliehen. Die Ausgezeichneten sind den jeweiligen Kontinenten zugeordnet und erhalten einen kleineren Preisbetrag.



Themenschwerpunkte sind neben dem aktuellen Ukraine-Krieg, Freiheitkampf der iranischen Frauen, der Klimawandel und seine Auswirkungen, (Wasserknappheit, Hunger, Vertreibung, Artensterben, Umweltverschmutzung) sowie der Umgang damit. Außerdem spielen die Flüchtlingsbewegungen und Probleme mit Homophobie (Beispiel Philippinen) eine Rolle. Neben den eindringlichen und bedrückenden Fotos im Großformat ist auch eines von jubelnden Fans der Argentinischen Fußball-Nationalmannschaft nach deren Gewinn der Weltmeisterschaft zu sehen.

Blick in die Ausstellung „World Press Photo“ in der Halle des Depots Dortmund. (Foto: (c) Depot Dortmund)

Eintritt: 8.00 Euro, ermäßigt: 6.00 Euro

Familienticket 1 (Zwei Erwachsene mit max. drei Kindern bis 18.Jahre) 20.00 Euro, Familienticket 2 (Eine erwachsene Person mit max. drei Kindern bis 18 Jahre): 12.00 Euro.

Außerdem können Interessierte sich zunächst umsonst die Ausstellung „Rückblende 2022“ (hoch dotierter deutsche Preis für politische Fotografie und Karikatur) bestaunen. Schon zum fünften Mal wird dieser humorvolle Rückblick auf das vergangene Jahr in unserer Stadt gezeigt.

Weitere Infos zum speziellen Rahmenprogramm rund um die

World Press Photo Ausstellung 2023 unter www.depotdortmund.de . Anmeldungen zu Gruppen-Führungen (Zusatzgebühr: 4.00 Euro) bitte Anfragen per E-Mail kultur@depotdortmund.de.




Stutenbeißen Deluxe – Los(ge)lassen

In der Schauburg Dortmund präsentierten Triarte International und Schnitger Film am 08.10.2023 vorab den neuen Spielfilm von Regisseurin Brigitte Drodtloff „LOS(GE)LASSEN“. Das Drehbuch (Produktion) stammt von Brigitte Drodtloff & Jörg Schnitger, die atmosphärische passende klassische Musik von Anne Nikitin & Tom Kelly.



Der Plot spielt in der Umgebung Münchens während eines kräftigen Schneesturms. Die Stadt wurde vom Blitzeis getroffen und alles ist lahmlegt. Die hochschwangere Alina, eindringlich gespielt von Josefina Vilsmaier – Tochter der Schauspielerin Dana Vávrová (1967-2009) und des Regisseurs Joseph Vilsmaier (1939-2020) – wurde vom Kindsvater und Chef verlassen und lebt aus Kostengründen in einer WG. Sie lebt dort zusammen mit der verbitterten ehemalige Skiläuferin Christa (Mirjam Verena Jeremic), die ihr Bein bei einem Unfall verlor, in der Wohnung der zynisch-hart auftretenden Lucy (Silke Popp). Die hält sich so finanziell über Wasser und pflegt eine offene lesbische Beziehung zu Jessica (Salber Williams), die vor einiger Zeit von Somalia nach Deutschland kam.

Alina ist am Anfang eher eine graue Maus, die unter der Fuchtel ihrer Helikopter-Mutter (Ute Bronder) steckt. Der gelingt sogar der gefährliche Weg zur Tochter. Dann gibt es da noch die Esoterik-Nachbarin Melissa (Valentina Sauca).

Die sechs Frauen mit ihren unterschiedlich-belastenden Päckchen und Lebenseinstellungen im Hintergrundzicken sich sich in erster Linie gegenseitig an, wobei die schüchterne Alina meist das Opfer ist. Durch das Unwetter sind sie aber in dieser Situation auf engem komprimiertem Raum aufeinander angewiesen. In der sich zuspitzenden Situation bröckeln allmählich die Schutzfassaden…

Es ist eine Art Kammerspiel, dass auch für das Theater gut geeignet wäre. Alle möglichen Probleme der Frauen werden oft ironisch-überspitzt und in geballter Form dargestellt. Auch die verschiedenen Ansichten der Generationen aus ihrer Lebensgeschichte werden deutlich.

Den Schauspielerinnen ist es sehr gut gelungen, sich in verschiedenen Persönlichkeiten und deren Situation hinein zu versetzen. Unterstützt wurden sie dabei durch eine sensible Kameraführung (Frank Glencairn).

Es ist (natürlich) kein Film für Action-Fans. In der Problematik der sechs Frauen können viele Zuschauerinnen etwas aus ihrer Lebensrealität widerfinden.

Der Film ist ab Sonntag, dem 15.10.2023 um 13:30 Uhr in der Schauburg (Dortmund) zu sehen. Einlass ist ab 13:00 Uhr.




Eine musikalische Perle des Frühbarocks

Im Rahmen des Klagvokal Musikfestivals Dortmund wurde am 02.10.2023 im hiesigen Reinoldihaus mit Emilio de Cavalieris (1550-1602) „Rappresentatione di Anima, et di Corpo“ (1600) die erste erst vollständig erhaltene Oper konzertant aufgeführt. Das Spiel um Seele und Körper in drei Akten hatte seine Uraufführung im Betsaal der Kirche Santa Maria in Vallicella (Rom).



Mit dieser geistlichen Oper markierte der vielseitig begabte italienische Komponist als ein wesentlicher Impulsgeber den Beginn der frühen Barockzeit mit Monodie (solistischer Gesang mit akkordischer Instrumentalbegleitung) und Generalbass.

Das Ensemble und die beiden Solisten entführten das Reinoldihaus in die Zeit des Frühbarocks. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)
Das Ensemble und die beiden Solisten entführten das Reinoldihaus in die Zeit des Frühbarocks. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)

Im Wesentlichen geht es in der Oper um die damals für den Menschen entscheidende Frage: Genieße ich das irdische Leben in vollen Zügen, ungeachtet der Folgen? Oder richtet man schon jetzt den Blick auf das, was nach dem Tod (laut religiöser Verheißung) folgen wird?

Die (musikalische) Zwiesprache zwischen „Seele“ und „Körper“ mit widersprüchlichen Gefühlen, den Versuchungen und Verunsicherungen. Bildet das Zentrum der Oper. Die weiteren handelnden Figuren (Welt, Rat, Vergnügen, Geist, Weisheit, Vernunft, Schutzengel…) sind vorrangig Allegorien. Nur bei den „Titelfiguren“ (Seele und Körper) handelt es sich um echte Menschen.

Die niederländische Mezzosopranistin Sophia Faltas (Seele) und der Tenor Raffaele Giordati (Körper) gaben den inneren Konflikten zwischen Seele und Körper eine starke eindringliche Stimme.

Der 2004 gegründete belgische Vokalensemble für Musik der Renaissance und Barock begeisterte als Chor, mit ihren einzelnen Stimmen für die weiteren handelnden Figuren aber vor allem auch mit dem ausdruckstarken Zusammenspiel unterschiedlichster Instrumente (Harfe, Viola, Violine, imposanter Posaune, Gitarre, Cembalo, Truhenorgel, Gamba und Theorbe).

Eine Musik voll Anmut und Intensität, mit emotionalen Lamenti, glanzvollem Chor und Einflüssen traditioneller Volksmusik. Sie fand danach bei Claudia Monteverdi ihren Meister.

In der Gegenwart ist die Frage nach den Folgen unseres Handelns (für Umwelt und Gesellschaft) durchaus aktuell. Der religiöse Kontext ist für viele Menschen heutzutage befremdlich. Auch ohne die Hoffnung auf eine „himmlische Belohnung“ nach dem Tod für ein “gottgefälliges“ Leben gibt es genug humanistische Gründe, sich über Gedanken über ein achtsames Verhalten gegenüber uns selbst, anderen Menschen oder der Umwelt im Diesseits zu machen.




Blattgetreten – Hommage an das Blatt, was am Boden lag

Das Kunstbonbon präsentiert die nächste Vernissage am 07.10.2023 um 15 Uhr, Ausstellung bis zum 04.11.2023.



Passend zur herbstlichen Jahreszeit gibt es jede Menge Blätter von der Künstlerin Ingrid Lacher im Kunstbonbon zu sehen.

Dabei sind nicht leuchtende Herbstfärbungen das Thema, sondern der Schwerpunkt liegt auf dem Zerfall, dessen Zustand fotografisch eingefangen wurde.

Die Inspiration zu dieser Werkreihe kam im Corona-Jahr 2020. Spazierengehen war ja mehr oder weniger die einzige Abwechslung, die man sich im Alltag gönnen konnte und so spazierte Ingrid Lacher unermüdlich umher, senkte dabei den Blick zu Boden und sah auf herabgefallene Blätter.

Die plattgetretenen Blätter, die sich teilweise kaum noch vom umgebenden Boden unterschieden, inspirierten sie dabei besonders.

Diese korrespondierten damals so sehr mit der „niedergedrückten“ Stimmung in Pandemiezeiten, dass eine vage Idee für das Kunstprojekt „Blattgetreten“ (dieser Ausdruck kam Ingrid Lacher in den Kopf und wurde dann auch schnell als Ausstellungstitel gewählt) entstand.

Während der Coronajahre wurden also von der Künstlerin Unmengen von Blättern fotografiert. Einige Ausgewählte wurden dann digital bearbeitet, um so die verborgene Schönheit und die Unterschiedlichkeit in Form, Farbe und Konsistenz zum Vorschein zu bringen.

Bei späteren Ausarbeitungen versuchte Ingrid Lacher die Spuren des Verfalls positiv zu aufzunehmen und so die „Ästhetik der Vergänglichkeit“ hervorzuheben. In mühevoller Kleinarbeit befreite sie die digital aufbereiteten Blätter aus der Umgebung und ließ sie quasi „schweben“ und bei der Betrachtung weiß man nicht: sehen wir hier eine Art „Auferstehung“ und schweben sie zurück an den Baum oder sinken sie elegant zu
Boden.

Aber die unglaubliche Filigranität eines zerfallenden Blattes zieht die Aufmerksamkeit in jedem Fall auf sich und wieder einmal wird einem klar, wie wunderbar die Natur auch Kleinigkeiten konstruiert.

Weitere großformatige Arbeiten zeigen bearbeitete Fotos, in denen mit Blattgold akribisch feinste Details ausgearbeitet sind: gedacht als „Grabbeigaben“ für die morbide Schönheit eines toten Blattes.

Nach drei Jahren hatte Ingrid Lacher so viele Werke hervorgebracht, dass eine vielseitige Ausstellung damit bestückt werden kann.

Aber es sind nicht nur Fotos zu sehen, sondern es gibt auch einige frühere Werke, in denen echte Pflanzenteile erscheinen.

So unterschiedlich die Schaffensprozesse der Exponate waren, so unterschiedlich ist auch die Präsentation, denn die Künstlerin hängt nicht einfach nur Fotos und Bilder an die Wände, sondern hat sich wieder mal was einfallen lassen.

Wer also einen Blick dafür bekommen möchte, was wir im Allgemeinen so mit Füßen treten, der ist in der Ausstellung „Blattgetreten“ genau richtig.




Musical „RENT“ rockt Dortmunder Opernhaus

Erst Anfang September 2023 hatte Puccinis Oper „La Bohéme“ unter der Regie von Gil Mehmert seine bewegende Premiere im Dortmunder Opernhaus.



Am 30.09.2023 startete nun das in den 1990-iger Jahren (New York) zur Weihnachts- und Silvesterzeit verlegte moderne Musical-Pendant „RENT“ (Miete) in der Inszenierung des Regisseurs am gleichen Ort. Buch, Musik und Liedertexte sind von Jonathan Larson, (Deutsch von Wolfgang Adenberg). Das Originalkonzept und die zusätzlichen Liedtexte stammen von Billy Aronso.

Die drei jungen Bohemians (Gespielte von Christof Messner, Alex Snova und Lukas Mayer). Foto: (c) Thomas M. Jauk
Die drei jungen Bohemians (Gespielte von Christof Messner, Alex Snova und Lukas Mayer). Foto: (c) Thomas M. Jauk

Hier werden (vordergründig) ähnliche Geschichten erzählt. Mehmert hat nicht nur das Bühnenbild mit dem Dach-Appartement übernommen, sondern auch einige kleine Anlehnungen an die „La Bohème“-Inszenierung übernommen.

Begleitet wird die Story musikalisch sensibel und rockig von einer Band unter der Leitung von Jürgen Grimm.

Junge Bohemiens kämpfen auch bei RENT um ihre nackte Existenz und Leben in einem schäbigen „Loft“ über den Dächern von New York. Ihnen wird hier jedoch unter anderem bewusst die Obdachlosen auf der Straße unten gegenübergestellt.

Beide Gruppen sind von den Plänen Vermieters und ehemaligen Mitbewohners des Appartements bedroht, der der die Mieter aus der Wohnung heraushaben will, um sie in eine Luxusimmobilie zu verwandeln. Der Filmemacher Mark (Christof Messner) und Musiker Roger (David Jacobs), beide noch Mieter des Appartements, bekommen Unterstützung von Marks Ex-Freundin Maureen (Bettina Mönch), deren neue Partnerin Joanne (Amani Robinson), dem arbeitslosen Universitätsprofessor Tom (Alex Snova) sowie dessen neue Liebe Drag-Künstler Angel ( Lukas Mayer). Dazu kommt die drogenabhängige und schwer kranke Mimi, in die sich Roger allmählich verliebt.

Die harte Lebenswirklichkeit holt die Paare bald ein….

Das Musical besticht durch rasante Choreografien, starken Stimmen der Darstellenden und eindringlichen geschickt wechselnden Bühnenbildern auf verschiedenen Ebenen.

Während bei Puccini Mimi an Tuberkulose leidet, spielt bei Larson Drogensucht und die in den 1990-iger Jahren akute Aids-Problematik eine Rolle. Viel ist aus seiner eigenen Lebenswirklichkeit entnommen. Ungleichheit, Armut, Gentrifizierung, Obdachlosigkeit, Homophobie werden ebenfalls schonungslos aufgezeigt.

Leider haben diese Probleme auch heutzutage nichts von ihrer Brisanz verloren.

Optisch am Auffallendsten war sicherlich Lukas Mayer in seiner Rolle als „Drag-Queen“. Bei all den tollen Stimmen beeindruckte mich persönlich besonders Amani Robinson.

Humorvoll unterstützt wurden die Hauptakteure von dem Rest des Ensembles in ihren verschiedenen Rollen.

RENT ist etwas für von Musical-Freunde wie auch Fans von romantischen Rockballaden und fetzigem Rock. Modern, aktuell, frisch und mit einer Prise Erotik.

Es ist eine musikalische Feier der Liebe („Seasons of Love“, einziger Song in englischer Sprache), der Bohème, und vor allem des „Leben im Jetzt“.

Die Premiere wurde vom Publikum stürmisch gefeiert. Weiter Aufführungstermine erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de  oder Tel.: 0231/50 27 222




Instame – Gefährliche Vermengung von Internet und Real Life

Im Operntreff der Oper Dortmund konnte das junge Publikum am 27.09.2023 die Uraufführung des Auftragswerks „Instame“ erleben.



Es handelt sich hierbei um eine moderne und frische Oper, die sich mit den Gefahren, die aus einer Vermengung der beiden Daseinsebenen (digitale und reale Welt) musikalisch und theatral auseinandersetzt.

Franz Schilling (Batman, im Hintergrund), Cosima Büsing (Linny), Wendy Krikken (Sanny)
Foto: (c) Björn Hickmann
Franz Schilling (Batman, im Hintergrund), Cosima Büsing (Linny), Wendy Krikken (Sanny)
Foto: (c) Björn Hickmann 

Es geht um ein brisantes Thema, das die Realität der Jugendlichen betrifft und sie eventuell für das Genre „Oper“ zugänglich macht.

 Die Oper von Kathrin A. Denner unter der Regie von Lukas Wachernig ist in Kooperation mit der Akademie für Theater und Digitalität entstanden.

Musikalisch begleitet wurde die Oper von einer kleinen Abordnung der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Olivia Lee-Gundermann.

Die verschiedenen Stimmungslagen, ob spielerisch-humorvoll bedrohlich, fanden ihren atmosphärischen Ausdruck in Geräuschen und der Musik.

In „Istame“ wird der digitale Raum auf eine Bühne (Ort der Selbstdarstellung) verlegt. Das Publikum blickt unmittelbar in das Jugendzimmer der Influencer*in Sanny (Wendy Krikken), die wie ihre Freundin Linny (Cosima Büsing, neu im Junge Oper-Ensemble) ständig online ist. Es geht nur um Selbstdarstellung, „Likes“, viele „Follower“, Geld, Werbegeschenke und Shoppen. Als sich Sanny im den geheimnisvollen „Schiller“ verliebt und die Reality (OMG) in Form des „ertinderten Batmans“ die Lebenswirklichkeit bedroht, sind die beiden Insta-Girls überfordert. Das System ist überlastet und stürzt ab…

Das neue Ensemble-Mitglied der Jungen Oper spielte sowohl den als witziges Einhorn verkleideten „Happycorn“ vom Shopping-Lieferdienst wie auch den „Batman“ mit viel Herzblut. Alle drei Darsteller*innen konnten sowohl mit ihren Stimmen als auch ihrer schauspielerischen Darstellung der Typen.

Oft humorvoll-ironisch überzeichnet, doch auch provokant-radikal, weist die Oper deutlich auf mögliche Gefahren mit katastrophalen Folgen hin, wenn sich digitale und reale Welt konfliktreich vermengen.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Supertrumpf – Essstörung als familiäre Belastungsprobe

Im Dortmunder Kinder und Jugendtheater (KJT) steht aktuell das Stück „Supertrumpf“ (Premiere war am 22.09.2023) ab 10 Jahre (Esther Becker) unter der Regie von Antje Sieber auf dem Programm.



Behandelt wird hier sowohl für die betroffenen Personen wie auch das familiäre Umfeld das sensible und komplexe Thema Essstörung.

Sar Adina Scheer (vorne), Thomas Ehrlichmann, Annika Hauffe, Bianka Lammert
(c) Birgit Hupfeld
Sar Adina Scheer (vorne), Thomas Ehrlichmann, Annika Hauffe, Bianka Lammert
Foto (c) Birgit Hupfeld

Aus der Perspektive der zehnjährigen Lou (eigentlich Marie-Louise) wird vom schwierigen Familienleben nach der Entlassung ihrer magersüchtigen vierzehnjährigen Schwester Maya nach drei Monaten erzählt.

Mit viel Empathie versetzen sich die neuen Schauspieler*innen Annika Hauffe (Lou) und Sar Adina Scheer (Maya) in die Situation der Schwestern. Während des dreimonatigen Klinikaufenthalt von Maya hat sich Lou die Zeit mit ihrem Lieblingsspiel Supertrumpf (gerne als Bezeichnung für Autoquartett) vertrieben und sich abgelenkt.

Der Aufbau der Bühne (Ausstattung: Julia Schiller) in Form von unterschiedlichen Podesten und Höhen verdeutlichte die Schwierigkeiten im alltäglichen Leben und dient gleichzeitig als eindrucksvolle Video-Projektionsfläche für bekannte Ratschläge und Sprüche für den Umgang mit Essstörungen. Für Musik, Geräusche und Video zeichnet Peter Kirschke verantwortlich.

Die ambivalente Gefühlswelt der Schwestern wird mit prägnanten Dialogen, klaren Bildern, wenig Pathos, Humor und herzlichen Momenten dargestellt.  Lou kämpft zum einen um Beachtung in ihrer Familie, wo gerade die zurück gekommenen Maya im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Andererseits liebt sie ihre Schwester und hat Angst um das Leben von Maya. Es entsteht eine Stimmung von Misstrauen und Kontrollzwang. Drunter leidet Maya, die ja extreme Kontrolle schon genug in der Klinik erlebt hat.

Die Verunsicherung der Eltern und Freunde von Lou verkörpern wunderbar Bianka Lammert und Thomas Ehrlichmann.

Ganz langsam finden wieder eine Annäherung und Vertrauensbildung statt.

Während der Aufführung wird geschickt zwischen Erzählung und direktem Konfrontationsspiel changiert.

Ein sensibler Umgang mit dem Thema Essstörungen. Die eine und einzige Ursache für deren Entstehen gibt es nicht. Allen Betroffenen gemein ist eine gestörte Selbstkontrolle. Da sind viel Geduld und vertrauensbildende Maßnahmen notwendig.

Weitere Aufführungstermine erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Differenziert-kritischer Blick auf das Western-Genre

Nach „Going West!“ folgt im Dortmunder schauraum: comic und cartoon (nahe der Stadt und Landesbibliothek) mit der Ausstellung „Staying West! Comics vom Wilden Westen“ vom 22. September 2023 bis 3. März 2024 eine Fortsetzung.



Das Western-Genre prägte mit verschiedenen Filmen (Kino und TV), Groschenromanen und eben auch Comics das 20. Jahrhundert. Gerade in letzter Zeit tobte eine lebhafte Debatte um kulturelle Aneignung aus indigenen Kulturkreisen. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte entbrannte der Streit oft an dem Gebrauch bestimmter Begriffe wie zum Beispiel „Indianer“. Dieser wird von den Vertretern der angesprochenen indigenen Völker im Westen der USA als Überbegriff gesehen und sogar in ihrem Namen geführt.

Kurator Dr. Alexander Braun in der Ausstellung (© Maximilian Mann)
Kurator Dr. Alexander Braun in der Ausstellung (© Maximilian Mann)

Zurecht kritisieren sie jedoch das Beharren auf Stereotype (z.B. Marterpfahl, Skalpieren.). Es ist eine Beleidigung gegenüber der Vielfalt und Diversität indigener Kultur. Es geht um Respekt und Umgang auf Augenhöhe.

Die Ausstellung zeigt eine interessante Auswahl aus der Geschichte der Western-Comics verschiedener Länder.

Die Comics sind ein Spiegel der Ambivalenz des Western-Genres zwischen „heroischen Pioniertaten“, „Abenteuer“, Völkermord und Raubbau an der Natur.

 Zeichner wie Harold Foster (1892-1982) oder James Swinnerton (1875-1974 „Canyon Kiddies“) zeichneten schon in den 1920iger Jahren einen klischeefreien und authentisch-respektvollen Indian-Spirit. Da wurde in Hollywood noch skalpiert und auf Angst und Gewalt-Potenzial gezielt.

Im Gegensatz zu den anderen Europäern oder Argentinien boten die deutschen Western-Comics in den 1950iger Jahren aus dem Bastei-Lübbe Verlag eher Massenproduktion und bedienten Klischees.

Später setzten sich hier Western-Parodien wie etwa die MAD, Ralf König oder Lucky Luke-Comics. Wild West galt in Europa großer Abenteuerspielplatz und diente als Projektionsfläche für Sehnsüchte, Spannung sowie Humor. In den USA war vielen Menschen der Mythos von der „Eroberung des Westens“ eher heilig.

Zur Ausstellung erscheint ein Buch vom Kurator Dr. Alexander Braun, Staying West. Comics vom Wilden Westen. Salleck Publications. 272 Seiten.

Preis im schauraum comic und cartoon: 25 Euro (Buchhandel 49 Euro).

Zusammen mit Katalog „Going west“ von 2015: 45 Euro.