A Christmas Carol – Dickens in der verzauberten Backstube

Seit nun schon über 15 Jahren wird eine spezielle Variante der Weihnachtsgeschichte „A Christmas Carol“ nach dem Roman von Charles Dickens (1812 – 1870) im Theater im Depot (Dortmund) auf die Bühne gebraucht. Regie führt dabei Thos Renneberg.



Am 16.12.2023 hatte das Publikum wieder die Möglichkeit, das besondere Kultstück um den vergrämten Geizkragen und reichen Geldverleiher Ebenezer Scrooge dort zu erleben. Wie vielen Menschen bekannt, ist der Kaufmann Scrooge rücksichtslos gegenüber Schuldnern, Angestellten, Verwandten, Kindern und auch zur Weihnachtszeit verbittert und kaltherzig. Durch den Einfluss von drei Geistererscheinungen, die ihm seine Vergangenheit, Gegenwart und trübe Zukunft vor Augen führen, wird er allmählich geläutert…

Bei dieser außergewöhnlichen Inszenierung wird der Klassiker humorvoll mit Herz und viel Fantasie „gegenwärtig“ von vier Bäcker*innen in ihrer verzauberten Backstube auf der Bühne erzählt.

Die vier wunderbar aufeinander eingespielten Darsteller*innen sind Cordula Hein, Jörg Hentschel, Thomas Kemper und Sandra Wickenburg.

Für eine heimelige Atmosphäre sorgt der Backofen und der entsprechende Backgeruch.

Die vier Protagonist schlüpfen nicht nur in verschiedene Rollen, sondern nutzen alle Requisiten (variable kleine Schränke auf Rollen, Lastenschieber, Eimer, Handpuppe) aber vor allem den Plätzchenteig ausdrucksstark und flexibel.

Neben dem bewegungsintensiven Spiel wird zwischendurch immer wieder nach dem Weckerklingeln auf die live gebackenen Plätzchen mit einem Aufschrei „Die Plätzchen“ geachtet.

Aus dem großen Dickens Romanbuch bekommt das Publikum nebenbei auch einzelne Abschnitte vorgelesen.

Mit viel Spielfreude und körperbezogenen Slapstick-Elementen wurden die Gefühlslagen „plastisch“ anschaulich auf die Bühne gebracht. Die Aufführung war für die beteiligten Personen physisch höchst anstrengend. Neben ihren komisch-ironischen Schauspieltalent konnten sie sich auch bewegungstechnisch voll austoben. Das Geschehen wurde musikalisch einfühlsam untermalt.

Der ernste Hintergrund mit der Frage nach sozialer Verantwortung und Werten einer Gesellschaft sind von zeitloser Aktualität.

Am Ende durften die gebackenen Plätzchen wie immer von allen Anwesenden probiert werden.

Bis zum Sonntag, den 26.12.2023 gibt es noch ein paar Termine, diese Inszenierung in der Originalbesetzung zu genießen.

Weitere Infos unter www.theaterimdepot.de

Jörg Hentschel und Thomas Kemper verabschieden sich nach dieser Saison schweren Herzens aus dem Kultstück. Verständlich wegen der körperlichen Anforderung. Ein bisschen Wehmut ist jedoch mit dabei.




Das NEINhorn in der Jungen Oper

Im Foyer des Dortmunder Opernhauses hatte „Das NEINhorn“ (eine Mobile Oper von Michael Essl, Libretto: Pamela Dürr) nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Marc-Uwe Kling am 13.12.2023 seine Uraufführung.



Dieses Auftragswerk (hiesige Oper) unter der von Regie Kristina Stahl wurde von den Ensemble-Mitgliedern der Jungen Oper Cosima Büsing (NEINhorn), Wendy Krikken und Franz Schilling (beide in mehreren Rollen) stimmgewaltig sowie bewegungsintensiv mit Leben erfüllt. Mit viel kindlicher Spielfreude brachten die Drei ihr junges Publikum (ab 4 Jahre) auf ihren Kissen zum Mitfiebern und lachen. Sie wurden am Ende auch zur Unterstützung in die Geschichte einbezogen. Das Geschehen wurde durch die sensible musikalische Leitung (Koji Ishizaka) begleitet.

Wendy Krikken, Cosima Büsing und Franz Schilling. Foto: (c) Björn Hickmann 
Wendy Krikken, Cosima Büsing und Franz Schilling. Foto: (c) Björn Hickmann 

Die Regisseurin war zudem für die „flauschige“ Bühnen sowie Puppengestaltung (Hund und Waschbär) sowie die passenden Kostüme verantwortlich.

Es geht um ein „trotziges“ junges Einhorn, dass sich von seiner schnuckeligen-süßen und flauschigen Herzwald-Welt (das alle Kinderträume zu erfüllen scheint) in das Nirgends verabschiedet und seine Ruhe sowie Freiheit haben möchte. Auf seiner Reise trifft es einen Waschbären (WASbär), der nicht richtig zuhört, einem Hund (NAhund), den nichts aus der Ruhe bringt und einer Königstochter (KönigsDOCHter), die ständig Widerworte gibt. Nachdem die Königstochter trotz der unterschiedlichen Persönlichkeiten gemeinsam befreit wurde, können alle zusammen herrlich bockig sein…

Seine eigene Persönlichkeit zu entfalten, Grenzen ausloten und sich mit anderen Individuen auseinandersetzen sind wichtig für den weiteren Lebensweg.

Die Musiktheatervermittlung lag in der Hand von Kristina Senne.

Das Opernfoyer bot einen intimen Rahmen, und die Kinder waren sehr nah am Geschehen. So werden auch später Berührungsängste zur Oper abgebaut.

Interessant war, diese Version für die Junge Oper im Vergleich zur Theaterversion im Fletch Bizzel (05.09.2022) zu erleben. Die zusätzliche Kraft des Gesangs und der Musik in der Oper auf der einen, und die schauspielerische Energie plus zeichnerische Begleitung auf der Leinwand im Theater auf der anderen Seite.

Infos zu weiteren Vorstellungterminen im Opernfoyer erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222 Für die Buchung der mobilen Vorstellungen wenden Sie sich bitte an das Team der Musiktheatervermittlung: jungeoper@theaterdo.de




Superstimmung bei Youngsters Unplugged

Im Operntreff der Dortmunder Oper feierte das partizipative Projekt am 06.12.2023 mit der Filmmusik-Revue „A Night with the Movies“ seine Premiere.



Mit zusätzlicher Unterstützung eines erfahrenen Ensemblemitglieds der hiesigen Oper brachte das Ensemble OpernYoungsters plus OpernKids eine gelungene musikalische Revue mit witzigen Moderationen nahe am Publikum auf die Bühne. Als „Special Guest“ kein geringerer als Sungho Kim vom Opernensemble mit seiner grandiosen Stimme auf.

Freddy Kutz und die OpernYoungsters, Foto: (c) Björn Hickmann
Freddy Kutz und die anderen OpernYoungsters, Foto: (c) Björn Hickmann

Musikalisch begleitet wurde das Programm souverän vom Projektorchester und-Band unter der Leitung von Karsten Scholz, der auch selbst am Piano mitspielte.

Ein großes Kompliment für die wunderbaren Arrangements gebührt Florian Koch sowie Student*innen der TU Dortmund.

Musikalisch wurde eine große Vielfalt an bekannten Songs aus Kino und Fernsehen der vergangenen Jahre bis hin zu aktuellen wie aus der Serie „Babylon Berlin“.

Viele der mitwirkenden jungen Nachwuchssänger*innen stellten überzeugten mit ihren starken Stimmen und Talent zum Entertainment. Auch die OpernKids bis hin zu ihrem Jüngsten waren mit Ernsthaftigkeit und Freude bei der Sache. Wir werden sicher in der Zukunft noch einiges von ihnen hören.

Am Ende hielt es das Publikum nicht mehr auf ihren Stühlen und sie wurden gemeinsam mit allen Beteiligten zum Mitmachen bei „Shout“ (Animal House) animiert.

Es zeigte sich wieder einmal, wie wichtig partizipative oder aber auch Crossover-Projekte für die Zukunft im Bereich Oper, Theater oder Ballett sind. Für über zwei Stunden konnte man die Sorgen und Krisen auf der Welt kurze Zeit vergessen.

Informationen für weitere Aufführungstermine erhalten Sie über www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222.

Sungho Kim wechselt sich übrigens mit seinem Kollegen und frisch gekürten Kammersänger Morgan Moody bei den Vorstellungen ab.




Eine humorvoll-satirische Adventslesung mit musikalischer Begleitung

Das konnte das Publikum am 02.12.2023 im Institut des Dortmunder Schauspielhauses unter dem Motto „Alle Jahre wieder…“ erleben.



Atmosphärisch-kulinarisch abgerundet wurde das Erlebnis mit frischen Waffeln. Auch die kleine Bühne war gemütlich weihnachtlich-festlich eingerichtet.

Thomas Ehrlichmann und Annika Hauffe auf dem Schlitten mit Raphael Westermeier und Lukas Beeler. (Foto: (c) Lisa Bunse)
Thomas Ehrlichmann und Annika Hauffe auf dem Schlitten mit Raphael Westermeier und Lukas Beeler. (Foto: (c) Lisa Bunse)

Die Schauspieler Raphael Westermeier und Lukas Beeler vom hiesigen Schauspielensemble ließen den „vorweihnachtlichen Wahnsinn“ mit seinen Überforderungen, Ritualen, Erwartungen, Stress, übervollen Städten, Weihnachtsmärkten und Arztpraxen mit Texten von Kurt Tucholsky bis Loriot mit humorvoller-Ironie lebendig werden. Besonders bei Loriots „Der Familienbenutzer- vielleicht weglassen?“ und „Uff Ächz schnief hust“ (Sandra Da Vina) konnten sie ihr schauspielerisches Können gut ausspielen.

Drei passend ausgesuchten Songs mit einem ironischen Augenzwinkern von Thomas Ehrlichmann und Annika Hauffe vom KJT Dortmund sorgten für gute Laune. Eine gelungen Crossover-Zusammenarbeit und gelungene Vor-Advents-Veranstaltung. Das Publikum ging mit guter Stimmung in den frühen Abend.

Gelegenheit, diese Adventslesung mit Musik zu erleben gibt es noch am Sonntag, den 10.12.2023 um 15:00 Uhr im Institut (Schauspiel Dortmund).

Karten und Infos erhalten Sie wie immer über www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222 eventuell an der Kasse des Schauspielhauses.




Schatten über dem Ruhrgebiet im Jahr 1816

In seinem neuen historischen Kriminalroman „Die Tote aus der Emscher“ entführt der Autor Peter Kersken (geboren 1952 in Oberhausen) die Leserinnen und Leser in das schwierige Jahr 1816 in die Umgebung um das damals neu erbaute Schloss Oberhausen. Es ist die Zeit des wieder erstarkenden und sich von französischer Herrschaft unter Napoleon Bonaparte befreienden Preußen unter Friedrich Wilhelm III.



Der Kriminalrichter Anton Demuth aus Werden muss 1816 den Mord an der aus der Emscher tot geborgenen heilkundigen Bauersfrau aufklären. In diesem Jahr sorgte ein Vulkanausbruch in Indonesien für eine gigantische Aschewolke, die die gesamte Nordhalbkugel in Düsternis hüllte. Es wurde so nass und kalt, dass Missernten zu Hunger und Unsicherheit unter der Bevölkerung führten. Die verzweifelte Bevölkerung nach klaren einfachen Erklärungen und nach jemanden, dem sie die Schuld für die Miesere geben konnten. So wurde die getötete kräuterkundige Anna Hasenleder von vielen Menschen rund um das Schloss Oberhausen als mit dem Satan verbundene Hexe angesehen, die für mit ihrem „Zauber“ für  Krankheit und Tot etwa eines kleinen Jungen verantwortlich sei. Natürlich hatte in ihren Augen „ein zürnender Gott“ nicht nur als Bestrafung für das die Wetterkatastrophe, sondern auch für die Bestrafung für die „Hexe“ gesorgt…

Kersken bietet den Lesenden nicht nur eine interessanten Kriminalfall, sondern taucht mit ihnen in die turbulente Zeit um 1816 ein.

 Es tauchen Namen bekannter Persönlichkeit wie etwa der Dichter Harry (Heinrich) Heine auf und es gibt zudem einen kleinen Geschichtsüberblick aus der Region in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Lebensumstände damals werden plastisch und lebendig vor Augen geführt.

Dieser historische Kriminalroman hat viel mit dem zu tun, was uns aktuell umtreibt. Der Klimawandel mit seinen Folgen andere existentiell bedrohliche Krisen machen uns zu schaffen. Verschwörungstheorien nutzen die Ängste und Verunsicherung vieler Menschen aus. Schuldige und Sündenböcke sind schnell gefunden und werden in den Plattformblasen der sozialen Medien heutzutage stark verbreitet. Das macht die Situation umso gefährlicher.

Eine wunderbare Geschenkidee zu Weihnachten oder Geburtstag.

Peter Kersken

Die Tote aus der Emscher

Köln: Emons Verlag 2023 Originalausgabe

ISBN 978-3-7408-1963-7         320 Seiten    14,00 Euro (D)




Eine Geschichte von Mut und Fantasie

Im Schauspielhaus Dortmund konnte das Publikum (ab 6 Jahre) am 24.11.2023 die Uraufführung des KJT-Familienstücks „Die Abenteuer von Don Quijote und Sancho Panza“ nach Miguel de Cervantes unter der Regie von KJT-Intendanten Andreas Gruhn erleben. Fast das gesamte Ensemble des KJT war beteiligt.



Die Geschichte handelt vom kleinen Landadeligen Alonso Quijano „irgendwo“ in Mancha (Spanien), der schon viele Ritterromane gelesen hat und sich immer mehr in die Rolle eines fahrenden Ritters hineinsteigert. Er zieht mit einer rostigen Rüstung, einem alten Rappen, und seinem treuen (Schildknappen) Diener Sancho Panza aus, um gegen Ungerechtigkeit und für Freiheit zu kämpfen. 

Thomas Ehrlichmann (Sancho Panza) und Rainer Kleinespel (Don Quijote). Foto: (C) Birgit Hupfeld
Thomas Ehrlichmann (Sancho Panza) und Rainer Kleinespel (Don Quijote). Foto: (C) Birgit Hupfeld

Don Quijote ist jetzt sein Name, später erhält er den Zusatz „Ritter der traurigen Gestalt“. Freund*innen und Verwandte und der Pfarrer halten ihn für etwas verrückt. Man möchten ihn wieder nach Hause holen und von seinem „Wahn“ abbringen.

Der treue Diener Sancho Panza ist im Gegensatz zum (scheinbar furchtlosen)  idealistisch-fantasievollen Träumer Don Quijote ein kleinerer, immer hungriger, und praktisch denkender Mensch mit gesundem Menschenverstand.  

Beide erleben auf ihrer Reise viele Abenteuer. Kampf gegen Windmühlen („verzauberte Riesen“), Hilfe für eine von Don Quijote als seine „Herzensdame Dulcinea von Toboso“ gesehene Küchenmagd und einiges mehr. Das geht nicht ohne schmerzhafte Blessuren ab. Viele der Personen, denen sie begegnen, machen sich über den Ritter von der traurigen Gestalt lustig. Durch eine List wird versucht, ihn von seinem „Ritterwahn“ weg zu bringen und wieder nach Hause zu holen…

Das Ganze wird auf der Bühne lebendig aus der Sicht von Sancho Panza (Thomas Ehrlichmann) erzählt. Zusätzlich bot er auch kleine musikalische Beiträge. Mit viel Herzblut und Engagement versetzte sich Rainer Kleinespel in die Rolle des Don Quijote. Bianca Lammert sang unter anderem als die verehrte „Dulcinea“ berührend den Song „Cucurrucucu Palom“ (Lola Beltrán).

Alle beteiligten Darsteller*innen ging mit viel Spielfreude in die unterschiedlichen Charaktere auf.

Das Bühnenbild war passend mit einer aufklappbaren Front aus Bücherattrappen und einigen Büchern ausgestattet, die gegebenenfalls zu einem Berg mit zwei Seitenaufgängen umfunktioniert wurde.

Schöne Landschaftsprojektionen im Hintergrund und die dazu ausgewählte Musik von Michael Kessler sorgten für ein „Spanien-Feeling“.

Am Ende bleibt als kleines Credo: Der Einsatz für eine gerechtere Welt und Freiheit sollte auch gegen Unverständnis und Widerstände unbeirrt weitergeführt werden.

Ein Stück für die ganze Familie, wobei die Altersangabe (ab 6 Jahre) beachtet werden sollte. Kleineren Kindern fällt die Aufmerksamkeit bei der zeitlichen Länge des Stückes wohl etwas schwer. Infos zu weiteren Aufführungsterminen im Schauspielhaus erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222.




Performance-Kunst von caner teker im Museum Ostwall

Am 19. November 2023 (um 11.00 Uhr) verleihen die Freunde des Museums Ostwall (Dortmunder U) nun schon zum zehnten Mal den MO_Kunstpreis. Dieser wird an Künstler*innen ausgelobt, die in der Tradition der Fluxus-Bewegung arbeiten und für eine zeitgenössische Erneuerung in diesem für das Museum bedeutenden Bereich stehen. Der Preis ist seitens der freunde des MO mit 10.000 Euro dotiert, mit denen ein Kunstwerk für die Sammlung des Museums Ostwall erworben wird. Seit 2020 fördert die Stadt Dortmund den Ankauf mit weiteren 10.000 Euro.



In diesem Jahr geht der Preis an caner teker (Jahrgang 1991). Die Performance-Kunst der non binären Persönlichkeit umfasst das transformative und autobiografische Erschaffen von Welten. Durch die Manipulation von Raum Zeit und Körper entstehen Bilder, die persönliche Erfahrungen jenseits von Queerness oder postmigrantische Identität umfassen.

Anlässlich der Preisverleihung erwirbt das Museum Ostwall für seine Sammlung die Performance KIRKPINAR (2022/23), die am Tag der Preisverleihung im MO_Schaufenster (Ebene 5) realisiert wird. Dann wird die besondere Energie für ein Publikum (noch wenige Plätze frei) erlebbar.

Das Setting besteht aus einem schwarzen Raum, ein Ring, Sporthosen, Boxhandschuhe, Handtücher, zwei Kannen und Öl.

Die Live-Performance befasst sich mit der alten Tradition eines türkischen Öl-Ringkampfes. Mit etwas atmosphärischer Hintergrundmusik. Sensibel hinterfragt tradierte Vorstellungen von „Männlichkeit“ richtet caner teker den Blick auf die mit ihm verbundene körperliche Intimität und den Ausgleich. Geschlechterspezifische oder kulturelle Unterschiede werden aufgehoben. Das ganz in Zeitlupe.

Es spielt keine Rolle, ob die beiden Performe*innen eine weiße oder dunkle Hautfarbe haben oder welches Geschlecht sie haben.

Nicole Grothe, Leiterin der Sammlung des Museums Ostwall und Kuratorin der Ausstellung wies beim Pressegespräch darauf hin, dass die Live-Performance zwar für die Zukunft aufgenommen wird, aber nicht für die Öffentlichkeit gezeigt wird.

Die Wirkung des Live-Erlebnisses kann sich nur im direkten Erleben entfalten.

Das Ausstellungs-Setting im MO_Schaufenster #35 KIRKPINAR ist bei freiem Eintritt vom 21. November 2023 bis zum 11. Februar zu sehen.

Es ist spannend, ob das Setting an sich auch genug Ausstrahlungskraft hat.

Zudem präsentieren die Freunde des MO zum 10. Jubiläum des Preises die Publikation MO_Kunstpreis „Follow me Dada and Fluxus #1 to #10“. Die geheftete kostenfreie Publikation lässt Platz für die folgende Preisträger*innen.

Es wird ein Begleitprogramm mit Diskussionsrunden geben:

Freitag, 12. Januar 2024, 18 Uhr, Performance sammeln? Diskussion mit Nicole Grothe (Leiterin MO-Sammlung), Geraldine Rokker (Registrar- in am MO) und Lisa Schiller (Restauratorin am MO).

Donnerstag, 8. Februar 2024, 19-21 Uhr: caner teker im Gespräch mit Julia Wissert (Intendantin Schauspiel Dortmund) und Nicole Grothe. Welche Rolle spielen anti-rassistische Arbeit und Identitätspolitiken in der aktuellen Kunst und performativen Praxis?

Nähere Informationen erhalten Sie über https://dortmunder-u.de/museum-ostwall/




Parodie um Ehe-Frust und patriarchalem Machtgehabe

In der Oper Dortmund feierte am 11.11.2023 „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach (1819 – 1880) unter der Regie von Nikolaus Habjan seine Premiere.



Eingepackt in die mythologische Götterwelt schoss damals der deutsch-französischem Komponisten in dieser Opéra-bouffon zwei (Akte und vier Bilder, Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy) humorvoll gegen die französische Gesellschaft im Zweiten Kaiserreich (Napoleon III.).

Rinnat Moriah (Eurydike) und das Tanzensemble. Foto: (c) Björn Hickmann
Rinnat Moriah (Eurydike) und das Tanzensemble. Foto: (c) Björn Hickmann

Mit seiner neun Inszenierung übertrug Habjan die Geschichte mit kleinen subtilen Anspielungen auf den „Rosenkrieg“ zwischen Schauspieler Johnny Depp und Amber Heard. Der ursprüngliche komisch-humorvolle Charakter zwischen Erotik und Lächerlichkeit blieb erhalten.

Zur Story: Der seiner Frau Eurydike überdrüssige Orpheus ist hier nur ein Geigenlehrer. Beide können sich kaum noch ausstehen und betrügen sich gegenseitig. Trennen können sie sich wegen der „Öffentlichen Meinung“ nicht. Die ist streng und unerbittlich. Als es dem als Physiotherapeut getarnte Gott der Unterwelt Pluto gelingt, Eurydike in das Totenreich zu entführen, soll Orpheus im Olymp (mit seinen unzufriedenen Göttern und Göttinnen) von Herrscher Jupiter auf Geheiß der Öffentlichen Meinung seine Frau aus der Unterwelt zurückverlangen. Da zudem sowohl der lüsterne Jupiter selbst als auch Pluto Eurydike für sich haben wollen, wird es spannend. Eine List von Jupiter sorgt für eine Entscheidung…

Den modernen Erden-Vordergrund auf der Bühne bildete ein großes Schwimmbecken mit Liege zum Ausruhen. Die führte den Dirigenten Motonori Kobayashi direkt über eine Beckenleiter zur Dortmunder Philharmoniker. Diese sorgte für sensible musikalische Begleitung der Handlung.

Ein wunderbares Tanzensemble und der engagierte Opernchor Theater Dortmund sorgten für Stimmung beim Publikum und komische Momente.

Das große Aufgebot an starken Stimmen aus dem Dortmunder Opernensemble plus einem Geiger (Nemanja Belej) hatte ausgiebig Gelegenheit, seine komische Seite auszuleben.

Für besonderen Spaß sorgten neben den Scharmützeln zwischen Zachary Wilson (Orpheus) und Eurydike (Rinnat Moriah) die Zusammenkünfte von Morgan Moody (Jupiter) und Fritz Steinbrecher (Pluto). Die Göttinnen und die „Öffentliche Meinung“ (Maria Hiefinger) zeigten, unterstützt von Pluto, gehörige Frauenpower. Da bekam der „alte Jupiter“ schon mal zu hören, dass ein Seitensprung nicht automatisch jung macht.

Ein großes Kompliment gebührt Denise Heschl für die witzig-passende Kostümwahl und für die großartige Tanz-Choreografie von Adriana Naldoni.

Natürlich war der Höllen-Cancan ein Höhepunkt.

Die Inszenierung überzeugte zudem durch gutes Timing und überraschenden lustigen Einfällen, die Darstellenden auch mit ihrem Mimik Spiel.

Eine gelungene Aufführung, die mit feiner Satire und Humor das Publikum zum Lachen zu bringen.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222.




Was wollen und brauchen wir wirklich?

Im Dortmunder Schauspielhaus hatte die Inszenierung von Paul Spittler nach William Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ am 14.11.2023 seine Premiere.



Dieses Spiel um das hartnäckige und  Werben des selbstverliebten Herzog Orsino von Illyrien um die Liebe der Gräfin Olivia, eines getrennten Zwillingspaare, Geschlechterrollenwechsel, Machtausübung, Täuschungen und scheinbar unmöglichen Beziehungen bietet viel Stoff für unsere heutige Zeit.

Was ihr wollt: Sarah Quarshie, Linda Elsner, Viet Anh Alexander Tran, Raphael Westermeier und Antje Prust. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Was ihr wollt: Sarah Quarshie, Linda Elsner, Viet Anh Alexander Tran, Raphael Westermeier und Antje Prust. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Der Regisseur versucht die Verbindung zum 21. Jahrhundert vor allem durch die spezielle Rolle des Narren (Antje Prust), der hier keine nur von außen erklärend-kommentiere Funktion hat. Der Narr ist mitten drin in einer bunten karnevalesken Spaßgesellschafft. Diese möchte generell eigentlich nicht nachdenken außer über Rausch, Flirten, einem zotigen Gag, die persönliche Beförderung, oder einer kleinen Intrige etwa gegen den herablassenden Haushofmeister Malvolio.

Der Herzog Orsino (Raphael Westermeier) und die (um ihren verstorbenen Bruder trauernde) Gräfin Olivia leben selbstgefällig mit Macht oder Reichtum im Hintergrund. Leider nutzt ihnen das in vermeintlichen Liebesdingen wenig. Der arrogante Haushofmeister Malvolio (Ekkehard Freye) im Dienst der Gräfin sieht auf die anderen Bewohner, wie die lustige Zofe Maria (Sarah Quarshie) oder ständig betrunkenen Onkel Toby Rülps (Nika Mišković). Der etwas tumbe, für die Gräfin schwärmende Ritter Sir Andrew Leichenwang (Adi Hrustemović) wird gerne für ihre Intrige gegen den Malvolio einspannen.

Die schiffsbrüchige Viola (gerettet von einem Kapitän), von ihrem Zwillingsbruder Sebastian getrennt, dient verkleidet als Cesario dem Herzog und verliebt sich in ihn. Währenddessen wird der Zwillingsbruder von dem unglücklich in ihn verliebten Antonio (Alexander Darkhoff, auch als Kapitän) gerettet. Die Doppelrolle Viola/Sebastian wurde von Ensemble-Neuzugang Viet Anh Alexander Tran verkörpert. Narr Feste versucht verzweifelt (und vergeblich) in dem Chaos auf das Wesentliche hinzuweisen. Alle suchen doch hinter ihrer Maskerade nach Zugehörigkeit, Wertschätzung, Respekt, Soziale Gerechtigkeit, Freiheit, egal welches Geschlecht oder sexuellen Orientierung, gläubig oder nicht gläubig, und der „wahren Liebe“. Keiner will richtig zuhören. Ablenken ist angesagt.

Bei den heutigen Krisen und Problemen, Klimawandel, Flüchtlingsproblematik, Kriege, soziale Ungerechtigkeit, Armut und Wohnungsnot, Hungersnöte in der Welt, Umweltkatastrophen, Vereinsamung usw. geht es vielen Menschen ähnlich. Aber das ist keine Lösung für die Probleme.

Die frisch-frechen und neuen Texte für den Narren von Laura Naumann brachten einen besonderen Bezug zur Jetzt-Zeit mit einem kritisch-ironischen Blick auf Geschlechterrollen, Machtstrukturen und Spaßgesellschaft.

Optisch, vielleicht ein wenig dick aufgetragen, zog die Inszenierung alle Register. Abgefahrene Kostüme, Männer in Frauenkleidung und umgekehrt. Über alle Geschlechtergrenzen hinweg tobten sich die Schauspieler*innen mit viel Spielfreude auf der Bühne aus. Eine schwierige Balance zwischen Klamauk und ernsthaften Hintergrund.

Häufiger Wechsel des Bühnenbildes (Drehbühne), Video-Einspielung oder witzige Song oder Tanz-Passagen wurden geschickt eingesetzt.

Wer sich selber ein Urteil bilden möchte: Infos zu weiteren Aufführungsterminen finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder 0231/55 27 222




Festival-Abschluss mit trashiger Theater-Performance

Das Festival der Freien Tanz- und Theaterszene Dortmunds „Szene machen“.dott endete am Sonntag, den 29.10.2023 mit der Theater-Stückentwicklung unter dem Titel „We ate that up“ (Texte: Juli Mahid Carly & Sar Adina Scheer) im hiesigen Fletch Bizzel.



Sar Adina Scheer ist sicher schon einigen als neue Schauspieler*in des Dortmunder Kinder und Jugendtheaters ein Begriff (zuletzt etwa bei Supertrumpf).

Die beiden Darstellenden präsentieren hier in der Rolle von zwei pubertierenden vierzehnjährigen Tessa (Sar Adina Scheer) und Shamini einem „Testpublikum“ ihr Programm für die Olympischen Sommerspiele der Performancekunst in Addis Abeba.

Da sie, wie durch viele Medien vermittelt denken, ein „normschöner, perfekter Körper“ würde ihnen mehr Empathie und Erfolg bei den Zuschauenden bescheren. Wie weit gehen die jungen Menschen, um ihren Körper vermeintlichen Schönheits-Idealen anzugleichen? Welche Rolle spielen Formate wie „Germanys next Topmodell“ oder Werbung. Es gibt ja immer was am Körper zu verbessern. Im Augenblick wird mit einer sogenannte „Abnehm-Spritze“ (eigentlich für Diabetiker entwickelt) in den sozialen Medien geworben, die gefährliche Folgen für Menschen, die sie einnehmen, haben kann.

In ihrer Performance arbeiten sich Tessa und Shamani nicht nur an ihren Performance-Ikonen rund um Erika Fischer-Lichte, Marina Abramovic und Yoko Ono ab, sondern auch an der Mutter oder Mario Barth (besonders witzige Parodie) ab.

Das Ganze wird mit viel Witz, Ironie (Selbstironie), diversen Maskierungen, Perücken und Kostümwechseln und ganz viel Spielfreude zelebriert.

Bilder, Musiksongs, Tanz, unterschiedlichste Objekte sowie Videoschaltungen wurden effektvoll eingesetzt. Mit Geschlechtern und Geschlechterrollen spielte die Stückentwicklung selbstverständlich wie so nebenbei. Da konnte das Publikum Frauen von Männern, Männer von Frauen oder mit ihrem von Geburt an gegebenem Geschlecht in eingespielten Statements sprechen hören.

Nur mit einer große Schmerzperformance sehen Tessa und Shamini am Ende eine Möglichkeit, auch mit ihrem Körper Identifikationsfläche für die Zuschauer*innen sein zu können.

Es werden verschiedene Metaebenen vermischt, und so komplexe Themen wie Klassismus oder Gewalt der Sprache verhandelt.

Das Festivalende zeigte die Lebendigkeit der darstellenden Künste. Ein wenig schade war, dass es manchmal schwierig war, den schnellen Wortgefechten akustisch genau folgen zu können. Vielleicht ist das ja ein Problem des Alters?