La traviata – Ein emotional packendes Bühnenerlebnis

Am 15. September 2024 erlebte das Dortmunder Opernhaus die Premiere von Vincent Boussards Neuinszenierung von Giuseppe Verdis „La traviata“. Die Aufführung, die bereits 2015 großen Anklang fand, begeisterte auch dieses Mal durch ihre musikalische Tiefe, vermittelt von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Will Humburg.

Minimalismus und symbolische Tiefe

Der Opernchor des Theaters Dortmund (Einstudierung: Fabio Mancini) bereicherte das Geschehen auf der Bühne, wobei die Chormitglieder in schwarzen Fracks und Zylindern auftraten. Diese schlichte Kostümierung lenkte nicht vom intensiven emotionalen Kern der Geschichte ab. Das Bühnenbild setzte auf Minimalismus, um die inneren Konflikte der Figuren hervorzuheben. Im Vergleich zur Inszenierung von 2015, die stärker das Pariser Leben thematisierte, lag der Fokus hier auf den Seelenzuständen der Hauptfiguren.

La traviata: Andrea Carè, Anna Sohn (c) Thomas M. Jauk
La traviata: Andrea Carè, Anna Sohn (c) Thomas M. Jauk

Eine drehbare, weiße Wand diente als Projektionsfläche für die wechselnden Gefühlslagen der Charaktere. Eine zentrale Rolle spielte dabei ein imposantes schwarzes Klavier, das als Symbol für die verlorene Liebe von Franz Liszt zur Kurtisane Marie Duplessis, dem Vorbild für Verdis Violetta, interpretiert werden kann. Dieses Klavier fungierte als Metapher für die Sehnsüchte und Erinnerungen der Protagonistin Violetta.

Herausragende gesangliche Leistungen und darstellerische Kraft

Im Mittelpunkt standen die stimmlichen und darstellerischen Leistungen der Solisten. Anna Sohn brillierte als Violetta Valéry mit ihrem kraftvollen Sopran, während Andrea Carè als Alfredo mit seiner emotionalen Tiefe überzeugte. Besonders beeindruckend war Mandla Mndebele in der Rolle von Giorgio Germont, dessen warmer Bariton den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlicher Schuld untermalte.

Die Darsteller*innen verliehen den Figuren nicht nur stimmlich, sondern auch durch Gestik und Mimik eine außergewöhnliche Ausdrucksstärke. Denis Velev als Dottore Grenvil, Ruth Katharina Peeck als Annina und Cassandra Doyle als Flora ergänzten das Ensemble durch ihre feinsinnigen Darbietungen und rundeten das Gesamterlebnis ab.

Eine besondere Neuerung stellte die Figur der irischen Tänzerin Lola Montez dar, die von Sofia Pintzou verkörpert wurde. Als zwielichtige Gegenfigur zu Violetta verstärkte sie das Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch und persönlichem Verlangen.

Das Publikum dankte den Künstler*innen mit Standing Ovations für diese emotional tiefgreifende Inszenierung.
Weitere Aufführungstermine und Informationen sind unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222 erhältlich.

 




Monsta-Grusel im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater

Zu Beginn der neuen Theatersaison stand am 12.09.2024 im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater die Premiere von „Monsta“ (ab 4 Jahren) nach dem Bilderbuch von Dita Zipfel und Mateo Dineen unter der Regie von Antje Siebers auf dem Programm.
Julia Schiller sorgte bereits mit ihrem liebevoll gestalteten Bühnenbild für eine besondere Atmosphäre.
KJT-Schauspieler Jan Westphal schlüpfte mit viel Engagement in seine Rolle als Monsta (eigentlich Harald) und trug ein haariges Kostüm. Musikalisch kongenial begleitet wurde er von Max Wehner.
Monsta kann hervorragend „monstern“.

Jan Westphal ist "Monsta" (c) Birgit Hupfeld
Jan Westphal ist „Monsta“ (c) Birgit Hupfeld

Er hat sich ein spezielles Kind ausgesucht, um es zum Erzittern zu bringen, und hat sich unter dem Bett des Kindes niedergelassen. Monsta zieht alle Register, doch alle Versuche scheitern, da das Kind ungerührt weiterschläft. Vielleicht muss es erst noch wachsen…

„Monsta“: Ein humorvolles Gruselerlebnis für Kinder

Das Stück „Monsta“ arbeitet geschickt mit Geräuschen und unheimlichen Elementen wie Leuchtlampen, weißen Laken, Mini-Monstern und Luftballons.
Die zahlreichen Kita-Kinder machten sich oft lautstark durch Zwischenrufe bemerkbar.
Mit seinem zunehmenden Bewegungsdrang, Situationskomik und gezielt eingesetzten Grimassen gelang es Westphal, einen Kontakt zum jungen Publikum aufzubauen. So entstand eine spannende, nicht planbare Interaktion.
„Monsta“ ist ein humorvolles Stück über das Anziehende und gleichzeitig Furchteinflößende des Gruseligen.
Infos über weitere Aufführungstermine erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.




Wenn Räume Geschichten erzählen…

Im Studio des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) Dortmund ist vom 5. September 2024 bis zum 23. Februar 2025 die Ausstellung „In Räumen“ mit einer Auswahl von Fotografien (1984–2024) des Künstlers Jörg Winde (Jahrgang 1956) zu sehen.

Jörg Winde präsentiert 96 fotografische Bilder aus 12 Serien, die von Menschen geschaffene private, repräsentative, industrielle oder landschaftliche Räume hinterfragen. Winde arbeitet dabei mit Kontrasten sowie künstlichen oder natürlichen Lichteffekten. Manchmal wirken seine Arbeiten fast surreal. Kraftvoll leuchtende Farben spielen, wie etwa bei den Fotografien von Industrieanlagen, eine bedeutende Rolle.

Ausstellung gibt Einblick in das künstlerische Profil von Jörg Winde

In den privaten Fotografien zur Serie „Tante Änne“ fühlt man sich beispielsweise durch die Wohnungseinrichtung nicht nur in eine vergangene Zeit versetzt, sondern erfährt und spürt auch einiges von den Menschen, die dort einst gelebt haben. Die Fotoserie zu den Industrieanlagen gibt wiederum einen Einblick in den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Die Fotografien von Orten repräsentativer Macht zur Zeit von Tito im damaligen Jugoslawien verdeutlichen eindrucksvoll den Gegensatz zum Leben der einfachen Bevölkerung in Belgrad.

Jörg Wilde vor einem seiner Arbeiten.
Jörg Wilde vor einem seiner Arbeiten.

Der Wunsch von Jörg Winde, die Welt im Inneren, Äußeren und in der Tiefe zu erfassen, wird für die Betrachtenden deutlich. Interessant sind auch die kleinen, leicht verschwommenen Polaroid-Fotografien. Die Auswahl der Fotografien aus einer langen Schaffensphase bietet einen gelungenen Einblick in das künstlerische Profil von Jörg Winde.

Übrigens: Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm zu dieser interessanten Ausstellung! Termine hierzu finden Sie im Flyer, unter info@stadtdo.de oder telefonisch unter 0231/50-26028.

Die Eröffnung der Ausstellung „In Räumen“ findet am Mittwoch, den 4. September 2024, um 18 Uhr im MKK statt. Neben Jörg Winde werden zur Begrüßung Jens Stöcker (Direktor MKK), Kulturdezernent Jörg Stüdemann, Kuratorin Nasarin Dadeghi und natürlich Jörg Winde anwesend sein.




Gabriella Wollenhaupt: Die Toten vom Phönix-See

Die Dortmunder Autorin Gabriella Wollenhaupt hat als Schauplatz für ihren neuen Krimi „Die Toten vom Phönix-See“ ein Symbol für den Strukturwandel in unserer Stadt gewählt. Die Handlung erstreckt sich von 2008, dem Beginn der Bauarbeiten des „Projekt Phönix-See“ in Hörde nach dem Ende des Stahlstandorts, bis ins Jahr 2023.

Die Herausforderungen, denen die Menschen dieser Region durch den Strukturwandel gegenüberstehen, werden neben dem spannenden Krimi-Plot für die Leserinnen und Leser spürbar.

Der neue Krimi von Gabriella Wollenhaupt spielt rund um den Phönix-See in Dortmund-Hörde. (Foto: (c) privat)
Der neue Krimi von Gabriella Wollenhaupt spielt rund um den Phönix-See in Dortmund-Hörde. (Foto: (c) privat)

Eine düstere Geschichte am Phönix-See

Die junge Mutter Marie flieht mit ihrer zehnjährigen Tochter Olga vor ihrer Vergangenheit und findet Zuflucht als Table-Dancerin in einer Bar am neu entstehenden Phönix-See. Sie lebt in einem Wohnwagen auf dem Gelände, immer in Angst vor dem Vater ihres Kindes, der inzwischen Erzbischof ist. Gerüchte über einen mysteriösen Unbekannten, der Frauen nachstellt, machen die Runde – bis Marie eines Tages grausam ermordet wird.
Jahre später entschließt sich Olga, mit Unterstützung von Freunden den Mörder ihrer Mutter endlich zu finden. Neben der düsteren Seite des Strukturwandels behandelt dieser Kriminalroman bis zum Schluss Themen wie Gerechtigkeit, Schuld und Vergebung. Ein bedeutendes Thema ist zudem der Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche und der Umgang der Kirche damit.
Gabriella Wollenhaupt gelingt es erneut, sich mit Empathie und Tiefe in die Gefühlslagen der unterschiedlichen Personen und starken Frauenfiguren hineinzuversetzen. Geschickt wechselt sie zwischen den Perspektiven und Realitäten verschiedener Charaktere und baut so eine bedrohliche Atmosphäre auf. Trotz der manchmal leicht melancholischen Stimmung gibt es beim Lesen auch humorvoll-ironische Momente.
Nicht nur für Dortmunder ist dieser Krimi mit lokalem Bezug eine interessante Lektüre.
Kriminalroman: Grafit (Emons Verlag GmbH 2024)
Originalausgabe: ISBN 978-3-98659-020-8, 13,00 Euro




Djelem Djelem Festival zum elften Mal in Dortmund

Vom 6. bis 22. September 2024 findet in Dortmund das Djelem Djelem Festival statt. Es ist das größte Kulturfestival der Rom*nja und Sinte*zze und wird bereits zum elften Mal ausgetragen. Die Stadt Dortmund und die Roma-Selbstorganisation Romano Than e.V. laden gemeinsam mit vielen Partnern dazu ein.



Zu den Festivalorten gehören das Dietrich-Keuning-Haus, die Evangelische Stadtkirche St. Petri, die Auslandsgesellschaft Dortmund, die Nähmanufaktur Amen Juvjla Mundial, die Steinwache, die Schauburg, die Jüdische Gemeinde, das Domicil und das Museum Ostwall.

In diesem Jahr liegt der Fokus besonders auf der Nachwuchsförderung. Auch die Bedürfnisse, Ängste, Perspektiven und Träume der jungen Roma-Generation stehen im Mittelpunkt. Gleichzeitig wird die dunkle Vergangenheit thematisiert. Die Verfolgung und Ermordung vieler Rom*nja und Sinte*zze während des Nationalsozialismus wird nicht vergessen. Wie verbinden sich Vergangenheit und Zukunft? Diese Fragen werden in einem umfangreichen Programm behandelt. Es umfasst Konzerte, Ausstellungen, Filme, Fortbildungen und Begegnungen an den genannten Orten in Dortmund.

Vielfältiges Programm und kulturelle Highlights bei Djelem Djelem

Schwerpunkte sind die Verbindungen zur jüdischen Gemeinschaft und die Wiederbelebung des Roma-Puppenspiels, das von den Nazis verboten wurde. Der Zugang zu den meisten Veranstaltungen ist kostenlos.

Ein Teil des Teams und der Veranstalter*innen der 11. Ausgabe des Djelem Djelem Roma Kulturfestivals, darunter Roxanna-Lorraine Witt, Veranstaltungsreferentin bei der Stadt Dortmund (4. v. l.) sowie Ana-Maria Preduca und Tarzan Adzaj vom Verein Romano Than (4. und 5. v. l). Foto: © Stadt Dortmund / Tanita Groß
Ein Teil des Teams und der Veranstalter*innen der 11. Ausgabe des Djelem Djelem Roma Kulturfestivals, darunter Roxanna-Lorraine Witt, Veranstaltungsreferentin bei der Stadt Dortmund (4. v. l.) sowie Ana-Maria Preduca und Tarzan Adzaj vom Verein Romano Than (4. und 5. v. l). Foto: © Stadt Dortmund / Tanita Groß

Ein Highlight des Festivals ist das Konzert des internationalen Jugendorchesters des Elijah e.V. Am 7. September 2024 tritt es von 15 bis 16 Uhr auf dem Friedensplatz auf. Etwa 55 junge Musiker*innen werden dabei sein. Am selben Tag findet auch die erste „Mari Gilia – Nacht der Sinti-Kultur“ statt, von 17 bis 22 Uhr auf dem Friedensplatz.

Das traditionelle Familienfest des Festivals findet am 14. September 2024 von 12 bis 18 Uhr auf dem Nordmarkt statt. Es gibt Musik, Stände und Unterhaltung für die ganze Familie. Zudem bieten Vereine und Initiativen aus der Dortmunder Stadtgesellschaft Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung.

Ein besonderes Highlight ist der Auftritt des rumänischen Superstars Cipian de la Bistrita mit seiner Band.

Das vollständige Programm mit genauen Terminen, Uhrzeiten und Veranstaltungsorten finden Sie auf www.djelemdjelemfestival.de oder in einem Faltplan, der unter anderem im Dietrich-Keuning-Haus erhältlich ist.




Tänzerisch auf den Spuren von Pablo Picasso

Das JugendTanzTheater des Ballett Dortmund, unter der Choreografie von Justo Moret, feierte am 3. Juli 2024 im hiesigen Opernhaus seine Premiere mit dem neuen Projekt „Picasso“, einer Stückentwicklung im Rahmen des Projektes PlayOn!. In Kooperation mit der Akademie für Theater und Digitalität erhielt der Tanz eine zusätzliche digitale Dimension durch eindrucksvolle Leinwandprojektionen. Die eigens für die Produktion von Tommy Finke, langjähriger musikalischer Leiter im Schauspiel, komponierte Musik sorgte für ein eindringliches Erlebnis.

Multimediales Gesamtkunstwerk

Für dieses Projekt begaben sich die jungen Tänzerinnen und Tänzer – etwa 30 Personen, darunter ein Mann – auf eine Spurensuche. Sie beschäftigten sich längere Zeit mit dem Ausnahmekünstler Pablo Picasso, einem Künstler mit absolutem Gespür für Schönheit, Maß, Farben und vor allem für neue Formen der Moderne. Malerei war für ihn kein ästhetisches Unterfangen, sondern ein Mittler zwischen der fremden, feindlichen Welt und uns Menschen.

Pi*cas*so: Ein Teil des Ensembles des JugendTanzTheaters. Foto: (c) Leszek Januszewski
Pi*cas*so: Ein Teil des Ensembles des JugendTanzTheaters. Foto: (c) Leszek Januszewski

Die Kostüme, bestehend aus lockeren weißen Anzügen mit kurzen Ärmeln und unterschiedlichen blau-violetten Zeichnungen, waren mit Bedacht ausgewählt. Es wurden sieben Schwerpunkte herausgearbeitet: Zunächst suchte sich das Chaos im Kopf einen Weg auf die Leinwand. Requisiten wie Malerkittel und Pinsel wurden in die Choreografie integriert und auch live zum Malen verwendet. Die Tanzenden entwickelten ein zunehmendes Tempo mit ihren wie Pinseln schwingenden Armbewegungen.

Emotionen im Wandel der Zeit

Es folgte die tiefe Traurigkeit nach dem Tod eines Freundes, repräsentiert durch die Figuren der Blauen Periode. Diese wurde von der Melancholie und Entsagung der Rosa Periode abgelöst. Der Bruch mit allen Konventionen zeigte sich im Kubismus, wo Gesichter zu Masken und Körper zu geometrischen Figuren wurden. Eine kurze, harmonische, ruhige Sommer-Strand-Atmosphäre voller heiterer Leichtigkeit folgte.

Unvermittelt brach Picassos bekanntes Kriegsbild „Guernica“ in die Szenerie ein, mit Dunkelheit, wildem Chaos, Zerstörung und Lärm. Ob als Einzelpersonen, zu zweit, in kleiner Gruppe oder als Gesamtensemble, die junge Gruppe begeisterte das Publikum durch ihren starken modernen Ausdruckstanz und ihre Dynamik.




Modern Times: Stummfilmerlebnis mit Live-Orchesterbegleitung

Bereits im Jahr 2018 konnte das Publikum in Dortmund ein Stummfilmkonzert zu Charlie Chaplins Meisterwerk „Modern Times“ genießen. Am 2. Juli 2024 bot sich erneut die Gelegenheit, dieses besondere Erlebnis eines pantomimisch ausdrucksstarken Stummfilms mit der passenden Live-Orchestermusik im Dortmunder Konzerthaus zu erleben.



Meisterhafte Inszenierung durch die Dortmunder Philharmoniker

Die bestens aufgelegten Dortmunder Philharmoniker, unter der professionellen Leitung von Adrian Prabava, sorgten mit viel Feingefühl dafür, dass „Modern Times“ in restaurierter Fassung eine besondere Lebendigkeit erfuhr. In seiner letzten Rolle als tollpatschig-sympathischer Tramp läuft Charlie Chaplin zur Hochform auf, um soziale Verelendung und den Optimierungswahn in Produktionsprozessen offen zu legen und anzuprangern. Damals, zur Zeit der großen Weltwirtschaftskrise, war der Film eine treffende Satire. Leider hat er nichts von seiner Aktualität eingebüßt und wechselt ständig zwischen Tragik und Komik.

Der gutherzige Tramp gerät von einem ungewollten Fettnäpfchen ins nächste, kommt aber immer wieder durch glückliche Umstände auf die Beine und findet seine Liebe. Obwohl die prekären Zustände mit unverblümter Direktheit dargestellt werden, steht am Ende das Motto „Immer wieder Aufstehen“. Mit seiner Fähigkeit, jeder Gefühlsregung durch Gesicht und Gesten Ausdruck zu verleihen, drückt Chaplin dem Film seinen unverwechselbaren Stempel auf, trotz der ebenfalls herausragenden Darsteller.

Musikalische Brillanz und perfektes Timing

Den Dortmunder Philharmonikern gelang es wunderbar, jede Stimmungslage, ob Verzweiflung und Entsetzen über die Zustände, Dramatik oder bittersüße Romanze, durch ihre Instrumente musikalisch fühlbar zu machen. Die Wirkung des Films beruht auf dem exakten Zusammenspiel von Filmbildern und Musik, was ein präzises Timing des Orchesters erforderte.

Obwohl ich bereits 2018 das Stummfilmkonzert erlebt hatte, war es auch dieses Mal wieder eine ganz besondere Erfahrung.




Marcin Dudek: Künstlerische Auseinandersetzung mit der Ultra- und Hooliganszene

Eine andere Sichtweise auf das Fußballspektakel bietet der Künstler Marcin Dudek (*1979) mit seinen Installationen, Videos und Performances im Schaufenster (Ebene 5) des Dortmunder Museums Ostwall (MO) vom 05.07.2024 bis zum 03.11.2024.



Von der Hooligan-Szene zur Kunst

Dudek, aus einem Arbeiter-Milieu stammend, gehörte in seiner Krakauer Jugend selbst der dortigen Hooligan-Szene an. Der Wunsch nach „Sichtbarwerden“ (auch mit der Farbe Orange) spielte dabei eine große Rolle. Es geht um das Gefühl von Bedeutung, Gleichheit in der Masse und Sicherheit nach außen sowie innerhalb des Menschenrings.

Marcin Dudek und Kuratorin Christina Danick vor der kinetischen Skulptur „Ekipa“ (der Titel der Ausstellung) im MO_Schaufenster.
Foto: © Stadt Dortmund / Silke Hempel
Marcin Dudek und Kuratorin Christina Danick vor der kinetischen Skulptur „Ekipa“ (der Titel der Ausstellung) im MO_Schaufenster.
Foto: © Stadt Dortmund / Silke Hempel

Er kehrte der Szene schnell den Rücken und beschäftigt sich heute künstlerisch damit. Dabei nutzt er gebrauchte oder gefundene Materialien, um sie zu detailreichen und ausdrucksvollen Kompositionen neu zu arrangieren. Die Ausstellung mit dem Titel „EKIPA“ (Gruppenname) ist in drei Bereiche aufgeteilt.

Einblicke in die Ultra- und Hooliganszene

Beim Betreten des MO-Schaufensters sehen die Besucher eine interessante Videozusammenstellung aus dem Internet, die Einblicke in die Ultra- und Hooliganszene bietet. Deutlich werden die unterschiedlichen Rituale und Ausprägungen dieser speziellen Fankultur weltweit.

In der Abteilung „Sektor“ steht ein großer Stahlkäfig, der die abgrenzenden Zäune der gegnerischen Gruppen bei einem Fußballspiel symbolisiert und fast ein Gefühl von Gefangenschaft vermittelt. Wie im echten Stadion wird auch ein Flutlicht simuliert.

Auf mehreren Ebenen hängen dekonstruierte Bildwerke mit besonderen Erinnerungsbezügen herunter. Auf dem Boden sind orangefarbene Bildcollagen kunstvoll wie ein orientalischer Teppich arrangiert. An den Stahlgerüsten sind Acryl-Spuren von Händen zu sehen, die an das Rütteln am Zaun erinnern. Dies ist ein Zeichen der Energieentladung bei den Hooligans.

Auf der zum Fenster hinzeigenden Seite befinden sich bei der Installation „Nest Man“ vier kinetische Skulpturen, die Kleidungsstücke aus dem ehemaligen Hooliganleben des Künstlers mit deutlichen Pyrotechnikspuren tragen. In Abständen bewegen sich die Figuren rhythmisch wie bei einem echten Fußballspiel. Mit den „Gesichtern“ zum Fenster wenden sie dem Publikum den Rücken zu. Dieses Verhalten ist bei der Unzufriedenheit der Fans mit der eigenen Mannschaft zu beobachten.

Mit seiner Ausstellung beleuchtet Dudek das Verhältnis von Ritualen und Gruppendynamik sowie Masse und Individuum mit künstlerischen Mitteln. Die Eröffnung der Ausstellung findet am Donnerstag, dem 04.07.2024, um 18:30 Uhr mit einer Performance und der Zündung einer Rauchbombe vor dem Dortmunder U statt. Treffpunkt ist das Foyer im Erdgeschoss.




Messa di Gloria als stimmgewaltiges Konzerterlebnis

Giacomo Puccini (1858-1924) ist vor allem für seine ausdrucksstarken und melodramatischen Opern bekannt. Doch als Abschlussprojekt seines Studiums komponierte er die „Messa a quattro voci“, heute besser bekannt als „Messa di Gloria“, für Orchester und Chor (SATB) sowie solistische Tenor- und Baritonstimmen. Diese stand am 30. Juni 2024 im Konzerthaus Dortmund im Mittelpunkt einer beeindruckenden Aufführung. Der Philharmonische Chor, unter der Leitung von Granville Walker, bildete das stimmgewaltige Fundament, sensibel begleitet von den Dortmunder Philharmonikern, ebenfalls unter Walkers Dirigat.



Mit Sungho Kim (Tenor), Kenneth (Bariton) und Denis Velev (Bass) war höchste Qualität bei den Solo-Stimmen gewährleistet. Das Konzert begann jedoch zunächst mit „A Raffaello Divino (Inno)“ von Marco Enrico Bossi (1861-1925). Einem Werk, das ursprünglich zum 400. Todestag des berühmten Architekten der italienischen Hochrenaissance, Raffaello Sanzio da Urbino, komponiert wurde. Granville Walker hatte das Stück für Orchester und Chor neu instrumentalisiert, sodass es als Chorwerk mit Orchestrierung seine besondere Klangpracht entfalten konnte.

Der Aufbau des Werkes war interessant gestaltet: Zunächst spielte das Horn solistisch, nach und nach setzten die Bläser und Streicher ein. Nachdem das Orchester verstummte, begannen erst die Frauenstimmen, gefolgt von den Männerstimmen. Mit dem erneuten Einsatz des Orchesters entstand ein meisterhaft komponiertes Crescendo.

Das darauffolgende grandiose „Intermezzo Sinfonico“ zum dritten Akt von Puccinis „Manon Lescaut“ ließ die Trauer und Verzweiflung von Des Grieux, der seine geliebte Manon zu einer Strafkolonie in Louisiana verschifft sieht, musikalisch spürbar werden. Die anschließende „Messa di Gloria“ ist eine vollständige Vertonung des Messordinariums in mehreren Teilen.

Bereits beim „Kyrie“ entfalteten die schön und melodisch geführten Stimmen ihre volle Ausdruckskraft – mal unterordnend, mal hervorhebend. Die Eröffnungsmelodie des „Gloria“ bestach durch ihren mitreißenden Schwung, während das anschließende „Credo“ melodisch ernster gehalten war.

Das „Incarnatus“ bietet bei Puccini etwas Spezielles: Der Chor singt – das einzige Mal in der gesamten Messe – a cappella und aus dem Chorsatz löst sich der Solo-Tenor. Die Musik ist dabei von einer verblüffend klaren Einfachheit. Das beeindruckende „Agnus Dei“ schwang sanft, fast wie ein Kinderlied, zunächst in C-Dur zwischen Tonika und Subdominante hin und her. Die zweite Anrufung wiederholte den Ablauf von der Tonika zur parallelen a-Moll und die dritte intensivierte das Geschehen zunehmend, als die zwei Solo-Stimmen (Tenor und Bass) die Melodie wohlklingend übernahmen und der Chor eine rhythmische, leicht aufgelöste Antwort gab.

Die Aufführung im Konzerthaus Dortmund war ein stimmgewaltiges Konzerterlebnis, das die Vielseitigkeit und Tiefe von Puccinis musikalischem Schaffen eindrucksvoll zur Geltung brachte.




Seniorentanztheater: Eine Bestandsaufnahme des Lebens

Seit über 13 Spielzeiten ist das Seniorentanztheater ein fester Bestandteil des Ballett Dortmund und sorgt mit seinen speziellen Choreografien für Aufmerksamkeit. Dabei sind die 17 Seniorinnen in der Mehrzahl. Die beiden Männer (Manfred Bechstein und Jürgen Huber) spielen jedoch ebenfalls eine wichtige Rolle im Gesamtgefüge.

Im Dortmunder Schauspielhaus feierten sie mit der neuen Produktion „Und Seide wasche ich bei 90 Grad“ ihre Uraufführung. Für die wunderbaren Choreografien sorgte wie immer Marc Hoskins, die Gesamtleitung lag in den erfahrenen Händen von Barbara Huber. Der Programmtitel zeugt von trotziger Entschlossenheit und Energie, denn jedes Kind weiß, dass man Seide eigentlich nicht bei 90 Grad waschen sollte.

Eine breitgefächerte Musikauswahl, die von Barock über englischen 70er-Jahre-Pop bis hin zu minimalistischer Moderne reicht, und passende Leinwandprojektionen im Hintergrund sorgten für starke unterstützende Begleitung.

Beim Tanztheater kommt es neben den Tanzbewegungen auch auf die Gestik und Mimik als Ausdrucksmittel an. Worte oder Sätze werden nur sparsam eingebracht. Die Akteure auf der Bühne trugen einheitlich schwarze, grün gemusterte Kleider und benutzten gezielt unterschiedliche Gegenstände wie Koffer, Nordic-Walking-Stöcke und bunte Hüte. Die Kleidung war passend zur „Lebenswanderreise“ ausgewählt und in die Choreografie eingebunden.

Die Bestandsaufnahme unseres Lebens zwischen Alltag, Höhenflügen und den Enttäuschungen von Hoffnungen wurde von den Beteiligten mit viel Humor, Energie und Sensibilität dargestellt. Die Seniorinnen und Senioren begeisterten das Publikum sowohl zu zweit, paarweise als auch als gut miteinander eingespielte Gruppe. Als Statement gab es die Zugabe „Hurra, wir leben noch“ (Milva).