Mord im Dortmunder Rotlichtmilieu

Pfarrerin im Protionssumpf. Der neue Roman von Anne-Kathrin Koppetsch entführt in das Dortmund der späten 60er jahre. (Cover: © Emons-Verlag)
Pfarrerin im Prositutionssumpf. Der neue Roman von Anne-Kathrin Koppetsch entführt ins Dortmund der späten 60er Jahre. (Cover: © Emons-Verlag)

In ihrem neusten Classic Ruhrgebiets-Krimi „Linienstraße“ entführt die Dortmunder Pastorin und Schriftstellerin Anne-Kathrin Koppetsch die Leser und Leserinnen nach „Kohlenstaub“ wieder in die 60-iger Jahre des letzten Jahrhunderts. Auch in Dortmund eine brisante und interessante politische Umbruchzeit. Studentenrevolte und Anti-Vietnamkrieg-Bewegung begehren gegen den Mief und die Heuchelei der bürgerlichen Nachkriegsgesellschaft auf und die Amerikaner schicken eine Raumfähre zum Mond.

Die Handlung des Romans spielt zur Zeit rund um den Jahreswechsel 1968/69. Die Protagonistin ist wieder die selbstständige und taffe Pastorin Martha Gerlach. Sie findet zur Weihnachtszeit einen ausgesetzten Säugling in ihrer Kirche. Nur kurze Zeit später wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Ist sie die Mutter des Babys? Der kriminalistische Spürsinn der Pastorin ist wieder gefragt. Es zeigt sich, das es eine Verbindungen der Toten zur Dortmunds Bordellstraße gab. Martha wird erst sehr spät klar, dass dieser Fall mehr in ihr Privatleben eingreift als ihr lieb sein kann…

 

Koppetsch zeichnet ein einfühlsames Bild der verschiedenen Charaktere und ihrer Nöte. Der Leser wird in eine Zeit hineingezogen, die für viele Menschen – besonders die Jüngeren – etwas befremdlich wirken muss. Erstaunlich, dass noch Ende der 60-iger Jahre Pastorinnen, anders als ihre männlichen Kolleginnen, nach einer Heirat ihr Amt aufgeben mussten. Der Kampf der Frauen gegen das festgefügte Rollenbild der Frau mit „Kirche-Kind und Küche“ war gerade erst im vollen Gange. Die Geschichte spielt pikanterweise im Spannungsfeld zwischen Kirche und Prostitution zur „friedlichen“ Weihnachtszeit.

 

Die 191 Seiten des spannenden Krimis sind leicht und flüssig zu lesen. Der Autorin gelingt nicht nur ein gelungenes Zeitbild. ,sondern auch den Spannungsbogen zum Ende hin zu steigern.

Auch wenn Ende der 60er Jahre sicher noch mehr Leute so sprachen wie man es von Tegtmeier oder Herbert Knebel kennt, wird vielleicht das sprachliche „Ruhrpottklischee“ etwas zu plakativ bedient. Dennoch ein schönes Geschenk zur Weihnachtszeit für Menschen, die das historische Ruhrgebiet lieben.

 

Anne-Kathrin Koppetsch

„Linienstraße“, 191 Seiten

Emons Verlag, ISBN 978-3-95451-161-7

9,90 €

 




Pinocchios Traum von der Menschwerdung

Gepetto (Andreas Ksienzyk) hat endlich seinen Sohn (Joeri Burger). Foto: © Birgit Hupfeld.
Gepetto (Andreas Ksienzyk) hat endlich seinen Sohn (Joeri Burger). Foto: © Birgit Hupfeld.

Es ist kaum zu glauben. Das Dortmunder Kinder-und Jugendtheater feiert in diesem Jahr schon sein 60-jähriges Bestehen. Die Premiere des diesjährigen Weihnachtsmärchens „Pinocchio“ am 14. November 2013 nach einer weltweit bekannten Erzählung von Carlo Collodi in der Bearbeitung vom Leiter des KJT Andreas Gruhn, bildete einen wunderbaren Rahmen zum Feiern im Dortmunder Schauspielhaus.

Nach einer Dankesrede von Bürgermeister Manfred Sauer ging das Märchen als ein Theater im Theater für kleine und große Menschen ab 6 Jahren dann los.

 

Als Bühne in der Bühne diente ein wunderbarer altmodischer, mit Putten verzierter, Theaterrahmen.

Die Schauspielerin Bettina Zobel führte humorvoll als Erzählerin mit italienischem Akzent von außen durch die märchenhafte Geschichte vom armen , alten Holzschnitzer Geppetto, der sich sehnlichst einen Sohn wünscht. Eine gute Fee verzaubert ein Holzstück, an dem Geppetto gerade arbeitet. Das Holzstück kann nun sprechen und Geppetto schnitzt daraus eine Holzpuppe, die er Pinocchio nennt.

 

Der Holzjunge ist wie ein kleines Kind neugierig und stellt viele Fragen. Während der Holzschnitzer eine Schulfibel für „seinen Sohn“ beschaffen will, erlebt der ungeduldige Pinocchio einige Abenteuer bei einer Theatergruppe, im Spielzeugland und mit listigen Tieren. Nach seinen Erfahrungen wächst seine Nase bei jeder Notlüge seine Nase ein Stückchen. Sein größter Wunsch ist es ein Mensch aus Fleisch und Blut zu werden. Bis es soweit ist, muss er sein größtes Abenteuer bestehen und Mut beweisen, um seinen „Papa Geppetto“ zu retten…

 

Den traurigen Geppetto spielte Andreas Ksienzyk von Anfang an mit viel Gefühl. Mit dem passenden melancholische Musiktitel „Allein“ wurde er dabei von Michael Kessler gut unterstützt. Ein großes Kompliment für die Musikauswahl.

 

Eine besondere Herausforderung war die Rolle des Pinocchio. Der Gastschauspieler und gelernte Tänzer Joeri Burger wurde dieser schweren Aufgabe mehr als gerecht. Wie er es schaffte, die Entwicklung von Pinocchio von seinen Anfängen als Holzpuppe hin zu einem menschlichen Jungen glaubhaft darzustellen, ist aller Achtung wert. Das er tänzerisch gut ausgebildet ist war unverkennbar.

 

Außer Pinocchio mussten die anderen Schauspieler/innen vom Ensemble des KJT wieder einmal ihre Vielseitigkeit beweisen. So spielte, um nur ein Beispiel zu nennen, Bianka Lammert neben der guten Fee auch noch die Rosa, eine Schülerin und Kind.

 

Die Inszenierung war Aufgebaut wie das italienische Stegreiftheater „Commedia dell’arte“aus dem 16. Jahrhundert.

 

Eine besondere Herausforderung für das Schauspielensemble dabei war sicherlich die Situation als Pinocchio bei der Theatergruppe begegnet. Sie mussten mit Bewegungen wie Marionetten an Strippen im Puppentheater spielen. Bei aller Melancholie, viel Humor , schöner Musik und Tanz kamen auch die moderne Medien gezielt zum Einsatz. Es wurde per Video mal ein Waldhintergrund, ein eindrucksvolles Meer oder effektvoll ein Walmaul oder Walbauch als Hintergrund erzeugt.

 

Die gelungen Kostümauswahl von Oliver Kostecka bot auch ein optisches Festival.

 

Weitere Termine 15. November 2013, 01. Dezember 2013, 02. Dezember 2013, 03. Dezember 2013, 04. Dezember 2013, 05. Dezember 2013, 06. Dezember 2013, 07. Dezember 2013, 08. Dezember 2013, 09. Dezember 2013, 10. Dezember 2013, 12. Dezember 2013, 13. Dezember 2013, 16. Dezember 2013, 17. Dezember 2013, 18. Dezember 2013, 19. Dezember 2013, 22. Dezember 2013, 25. Dezember 2013, 26. Dezember 2013, 13. Januar 2014, 14. Januar 2014 und 15. Januar 2014.

 

Infos unter www.theaterdo.de oder 0231 50 27222.

 




Fotografische Standpunkte im Torhaus

Axel M. Mosler vor seinem Foto aus der Reihe "stone_scape".
Axel M. Mosler vor seinem Foto aus der Reihe „stone_scape“.

Unter dem Titel „Standpunkte Fotografie“ zeigt die städtische Galerie Torhaus Rombergpark vom 17. November bis zum 8. Dezember 2013 in einer Ausstellung Fotografien aus der umfangreichen Arbeit des Foto-Designers Axel M. Mosler. Es ist nicht die erste Ausstellung des Dortmunder Fotografen im Torhaus , aber aus Anlass seines 60jährigen Geburtstags in diesem Jahr wurde es Zeit für eine Retrospektive seines Schaffens.

Der Künstler ist in Dortmund geboren und arbeitet nach abgeschlossenem Studium der Fotografie schon seit 1976 als freischaffender Foto-Designer in unserer Stadt. Neben der Fotografie erarbeitete er vornehmlich Bildbände mit den Schwerpunkten Länder, Städte, Regionen oder Landschaften im In – und Ausland.

 

Die Entstehungszeit der rund ein Dutzend gezeigten Fotografien in unterschiedlichen Formaten reicht von 1975 bis in die Gegenwart. Zu sehen sind sowohl Schwarzweiß-Fotos mit Grau-Schattierungen als Farb-Fotografien.

 

Der Foto-Designer verriet im Pressegespräch, dass er drei der Fotos aus künstlerischen Gründen auch mit dem Computer bearbeitet hat. Dabei handelte es sich zum Beispiel um ein Bild aus der „ stone_scape“ Reihe. So gelang es, die Steine auf dem Foto weiß erscheinen zu lassen. „Sonst arbeite ich aber beispielsweise mit Überbelichtung, um gewisse Effekte zu erhalten“, so Mosler

Mit seiner Technik gelingt es ihm, wie bei seiner Fotografie von Pfählen, auch ganz neue Räume zu schaffen

 

Seit den 70iger Jahren besuchte Mosler immer wieder die griechische Insel Santorini. Das erste Foto stammt aus dem Jahr 1975, das nächste aus dem Jahr 1996. Die letzten Fotografien entstanden nach einem Besuch vor kürzerer Zeit. Die Schwarzweiß-Fotoreihe zeigen sehr deutliche Veränderungen trotz des gleichen Standorts. So ändern sich „Standpunkte“, wenn etwa ein Hotel abgerissen wird oder andere Umwelteinflüsse einwirken.

 

Ein großes Thema für den Künstler ist die Natur. „Standpunkte“ dazu sind vor allem bei der farbigen Reihe „sea_scape“ (Seelandschaft) und dem neuesten Foto „the_wave“ (Die Welle) zu sehen.„Ich arbeite gerne im Zeitraum kurz vor Eintritt der Dunkelheit. Es kommt dabei auf den exakten Moment für die Fotografie zu nutzen“, so Mosler. Ein interessanter Einblick in die langjährige Arbeit des Fotografen.

 

Die Eröffnung er Ausstellung findet in der städtischen Galerie Torhaus Rombergpark am Sonntag, dem 17. November um 11.00 Uhr statt.Der Künstler ist anwesend und wird eine Werkeinführung geben. Für das musikalische Begleitprogramm sorgt der Saxophonist Wim Wollner.




Farbklang im Landgericht

Frohmut Mörmel vor ihrem Bild "Carpe Diem".
Frohmut Mörmel vor ihrem Bild „Carpe Diem“.

Unter dem Titel „Farbklang“ zeigt das Landgericht Dortmund vom 13.11.2013 bis 09.01.2014 in ihrem Ausstellungsbereich im ersten und zweiten Obergeschoss (Treppenumlauf) Werke der Künstlerin Frohmut Mörmel. Zu sehen sind insgesamt 22 Gemälde, darunter einige Kleinformate, aber in der Mehrzahl großformatige Gemälde der Künstlerin.

Bei der Vernissage verriet Prof. Dr. Hermann Weingärtner von der Ruhr Universität Bochum: „Frau Mörmel war früher Grund- und Hauptschullehrerin für die Fächer Kunst und Musik. Sie widmete sich später der Ausdrucksmalerei und machte außerdem ein Diplom in Psychoenergetik. Großflächiges freies Malen ohne Thema und Bewertung kennzeichnet ihre Gemälde. Was Musik für die Ohren ist, sind Bilder für die Augen. Sie sollen Ausdruck der inneren Seele im Augenblick des Entstehens sein.“ Das ist der Versuch, in der Psyche Ordnung zu schaffen aus dem Durcheinander allem im Leben angesammelten, so jedenfalls stand es in einem Text zu ihrer Vita. Jedem Betrachter entschließen sich die Bilder anders.

 

Die meisten der Gemälde sind wie zum Beispiel die „Baßgeigerin“ von gegenständlicher Natur und farbenfroh gestaltet. Auf anderen Werken sind aber auch Sinnsprüche wie „Carpe Diem“ zu erkennen. Wie bei der Arbeit „Tanzendes ABC“ gehen dabei Schrift und Farbe eine besondere Verbindung ein. Die Geigerin Freya Deiting gab der Vernissage einen feierlichen musikalischen Rahmen.

 

Auch bei der Finissage am 09.01.2014 wird Frau Mörmel von 14.30 bis 16.00 Uhr ebenfalls im Landgericht anwesend sein.




Ein gern gesehener Gast beim Small Beast

Nach den begeisternden Auftritten wurde die vielseitige Sängerin, Malerin und Bühnenschauspielerin Little Annie (eigentlich Anne Bandez oder auch unter dem Pseudonym Annie Anxiety bekannt) aus New York nun am 2. November 2013 als Special Guest von ihrem Live-Pianisten Paul Wallfisch ins Studio eingeladen.

Am 26. Oktober 2012 war sie zusammen mit Baby Dee zwei Jahre nach Eröffnung des Musik-Clubs „Small Beast“ von Paul Wallfisch zum letzten Mal zu Gast im Studio des Dortmunder Schauspiels.

In den 1970er Jahren noch Frontfrau der Punkband „Annie and the Asexuals“ machte sie sich schnell durch ihre Live-Auftritte in den 80iger Jahren einen Namen. Eine wichtige Rolle spielte sie durch ihre Beiträge zu zahlreichen Avantgarde-Musikern wie zum Beispiel Rock-Musiker Kid Congo Powers, die Punk-Band Crass und die Elektonik Band Coil.

Mit Paul Wallfisch brachte sie 2008 das Album „When Good Things Happen to Bad Pianos“ LP (Durtro Jnana) und 2010 „Genderful“ LP (Southern Records) heraus. Sie entwickelte ihren eigenen Stil mit einer Mischung von Soul, Jazz und „Dark Cabaret“.

Das Publikum bekam eine Kostprobe von ihrer starken rauen, aber gleichzeitig zerbrechlich wirkenden Stimme und ausdrucksstarken Performance. Little Annie bringt nicht nur ihre besondere Stimme, schon vergleichen mit Grace Jones oder Amy Winehouse, sondern setzt auch gekonnt sowohl ihren ganzen Körper als auch Accessoires wie Schal oder Glitzerstock ein. Mit einer enormen Präsenz auf der Bühne wirkt sie stark und doch verletzlich.

Neben Paul Wallfisch am Piano stand ihr Paul Watson mit der Trompete unaufdringlich, aber auch kraftvoll zur Seite.

 

Zu hören gab es Songs aus „Genderful“ wie zum Beispiel der „Because You’re Gone Song“ oder „Zexy Zen Zage“ oder aus „When Good Things Happen to Bad Piano“ beispielsweise „If You Go Away“ oder „Song For You“. Klasse auch die Interpretation von Tina Turners „Private Dancer“. Als stimmungsvollen Ausklang des Abends bot Little Annie eine einfühlsame Interpretation des melancholischen „Smile“ von Charles Chaplin.

 

Ein Abend, der den Zuschauern wohl noch nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.




Mörderspur und Zweifel

"Mörderspur" von Christina Füssmann. (Foto: © OCM-Verlag)
„Mörderspur“ von Christina Füssmann. (Foto: © OCM-Verlag)

Ihr neuer Justizkrimi „Mörderspur“ ist gerade erst erschienen, da mussten wir vom plötzlichen Tod der Dortmunder Autorin und langjährigen Gerichtsreporterin der Westfälischen Rundschau, Christina Füssmann, erfahren. So ist dieser Kriminalroman so eine Art „letzte Spur“ von ihr.
Auch diesem Buch merkt man den großen Erfahrungsschatz der Autorin aus ihrer Zeit als Gerichtsreporterin an. Sie beschreibt die Umgebung und die Charaktere im Gerichts-Umfeld mit den Blick für das Detail.

Im neuen Krimi verarbeitet sie ein Verbrechen, dass auf einem realen Fall basiert.Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Vergewaltigung und brutale Ermordung der jungen Mutter Daria Hillner im Jahr 1982. Der mit seiner drogensüchtigen Freundin zusammenlebende Nachbar Volker Schmidt aus der Nachbarschaft schnell verdächtigt, zumal er kein Alibi hat.
Seine Täterschaft lässt sich nicht zweifelsfrei nachweisen, aber nach Jahren bringt ihn die hartnäckige Spurensuche nach dem Verfahren der Mikrosonden-Massenanalyse in die Untersuchungshaft. 1989 wirft das Ergebnis einer neuen, bisher nur in Amerika praktizierte Methode des „Genetischen Fingerabdrucks“ ein anderes Licht auf den Fall. Es könnte die Unschuld des Verdächtigen beweisen. Die Gerichtsreporterin Judith Fassberg begleitet den Prozess aufmerksam. Als sie eine Beziehung zu dem charmanten aber besitzergreifenden Maler Michael Morgenthal eingeht, erhält der Fall eine ganz persönliche Dimension für die Reporterin….

Füssmann gelingt es nicht nur die Vorteile, sondern auch die Gefahren der neuen modernen Methoden der Verbrechensbekämpfung darzulegen, wenn vom Ehrgeiz getriebene und Übereifrige Ermittler oder Wissenschaftler daraus voreilig fehlerhafte Rückschlüsse ziehen. Außerdem entwickelt sie aber auch nach und nach mit Sensibilität einen spannenden Psychothriller. Füssmann schreibt in einer angenehm klaren Sprache und verfällt nicht in juristische Fachterminologie. Zwar fehlt ihr die Ironie einer Gabriella Wollenhaupt oder die eher deftige Sprache einer Sabine Deitmar, aber sie bleibt wohltuend normal.

Die 284 Seiten des Buches lesen sich nur kurzweilig und spannend, sondern sind auch noch vom Schriftbild sehr angenehm für das Auge.

Das Taschenbuch ist vom OCM-Verlag liebevoll gestaltet worden. Es kostet 11,90 € und ist unter ISBN 978-3-942672-17-7 erhältlich.




Überlebenskunst unter bedrohlichen Umständen

Müssen ihr "Schtetl" Anatevka letztendlich doch verlassen: Ilse Winkler (Golde), Ks. Hannes Brock (Tevje) (Foto: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture)
Müssen ihr „Schtetl“ Anatevka letztendlich doch verlassen: Ilse Winkler (Golde), Ks. Hannes Brock (Tevje)
(Foto: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture)

Mit der Premiere von „Anatevka (Fiddler on the Roof)“ am Samstag, den 19. Oktober brachte das Dortmunder Opernhaus eines der erfolgreichsten und meist gezeigten Musicals auf die Bühne. Grundlage für das Buch von Jerry Brock und das Musical sind die Geschichten von Scholem Alejchem. 

Im Mittelpunkt steht das Leben im Schtetl (Städtchen) Anatevka in der Ukraine zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Wie die anderen jüdischen Bewohner meistert der der Milchmann Tevje mit seiner Frau Golde und seinen fünf Töchtern sein Leben mit Witz, schwarzen Humor und schlitzohrig in einem festen jüdisch-traditionellen Rahmen. Oft antisemitischen Anfeindungen des russischen Umfeldes und der zaristischen Machthaber ausgesetzt. Ein Balanceakt zwischen Alltagsbewältigung und dem Druck der zaristischen Regierung. Sinnbild dafür ist der „Geiger auf dem Dach“

von Marc Chagall. Erste Risse im Leben des Milchmanns gibt es, als seine älteste Tochter Tzeitel einen armen Schneider heiraten will, obwohl unter Zuhilfenahme einer Heiratsvermittlerin eine Vermählung mit einem reichen Fleischer vorgesehen ist. Dann will auch noch die zweite Tochter Hodel den Hauslehrer der Familie mit den revolutionären Ideen heiraten. Er wird bald nach Sibirien verbannt. Auch diese Kröte wird geschluckt. Als die dritte Tochter Chava den jungen russischen Freigeist Fetja heiraten will, verstößt sie Tevje. Doch die Situation ändert sich, als alle Juden nach einem Erlass des Zaren Anatevka innerhalb von drei Tagen verlassen.müssen…

Regisseur Johannes Schmid gibt mit seiner Inszenierung „Anatevka“ einen sensiblen Einblick in das jüdisches Leben Anfang des letzten Jahrhunderts in einem „Schtetl“ in Osteuropa. Dabei wurde viel Wert auf Detailgenauigkeit gelegt. Das betraf sowohl die traditionellen Kostüme der jüdischen Bevölkerung wie auch die Details zum jüdischen Leben. So zum Beispiel die Feier des Sabbat oder die jüdische Hochzeit der ältesten Tochter unter dem Baldachin. Die russische Bevölkerung und Obrigkeit trugen zum anschaulichen Gegensatz farbigere, bunte Kleidung.

Beim Bühnenbild wurde für einen wechselnden Hintergrund moderne Videotechnik geschickt eingesetzt. Sonst war die Bühne dem Leben der Leute entsprechend einfach gehalten und örtliche Veränderungen mit Hilfe von Hebebühnen eingeführt.

 

Als „Fiddler on the Roof“ führte Maurice Maurer das Publikum gleich musikalisch atmosphärisch mit melancholischer Klezmer-Musik in das Schtetl ein. Er war ständiger Begleiter des Abends. Für das Ensemble war bei dem Musical neben dem Gesang die schauspielerischen Anforderungen eine große Herausforderung. Das sie beides können, haben sie hier wieder einmal gezeigt.

 

Viele Menschen werden bei „Anatevka“ an Ivan Rebroff denken. Dennoch ist Tevje mehr. Kammersänger Hannes Brock drückte der Figur des Tevje mit ironischem Augenzwinkern, viel (Selbst):Ironie seinen eigenen Stempel auf. Brock spielt einen Tevje, der sich letztendlich mit schwarzen Humor in seine Rolle als ewiger Flüchtling fügt. Zum Schluss öffnet sich eine kleine Tür zu seiner zunächst hartherzig verstoßenen Tochter Chava.

 

Für ein Musical braucht ein Theater auch einige Gäste. Ein besonders glückliches Händchen bewies man bei Ilse Winkler als Tevjes Frau Golde. Sie stand ihm mit Humor und ihrer starken Präsenz wunderbar zur Seite. Ein besonders berührender Moment war, als Tevje seine Frau nach fünfundzwanzig Jahren Ehe fragt „Ist es Liebe“.

 

Die Paare Tzeitel (Ileana Mateescu) und Mottel (Lucian Krasznec), Hodel (Tamara Weimerich) und Perchik (Morgan Moody), sowie Chava (Anke Briegel) und Fetja (Marcus Schneider) zeigten nicht nur ihr gesangliches Können, sondern brachten auch glaubhaft den zunehmenden Mut zur Veränderung und Emanzipation von überkommenen Traditionen. Ein Plädoyer für Toleranz und Offenheit.

 

Ein Plädoyer, dass den Juden aber nichts nutzt, denn am Ende steht die Vertreibung. Daher ist „Anatevka“ auch keine Komödie, sondern eine Tragödie. Ein großes Lob gehört Regie, Kostüme und Bühne, gerade weil sie keinen direkten Bezug zum Dritten Reich machen. Denn deshalb bleibt das letztendliche Schicksal der osteuropäischen Juden in jeder Sekunde spürbar. Besonders in den Szenen, in denen die Russen ihre Macht gegenüber den Juden zeigen, kommen die Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg automatisch in den Kopf. Gerade weil diese Welt für immer brutal zerstört wurde, sollten wir in „Avatevka“ mehr sehen, als nur „Wenn ich einmal reich wär“.

 

Eine bis in die Nebenrollen gut besetzte Aufführung wurde stark vom Opernchor des Theater Dortmund unter der Leitung von Granville Walker und einem hervorragenden Tanzensemble unterstützt.

Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster sowie Andreas Trenk am Akkordeon und Christian Kiefer an der Gitarre begleiteten den Abend sensibel und professionell gekonnt.

Ein gelungener Musical-Abend wurde vom Publikum begeistert gefeiert.

 

Weitere Termine: 23. Oktober 2013, 26. Oktober 2013, 27. Oktober 2013, 02. November 2013, 10. November 2013, 15. November 2013, 23. November 2013, 14. Dezember 2013, 20. Dezember 2013, 28. Dezember 2013, 31. Dezember 2013, 03. Januar 2014, 12. Januar 2014, 16. Januar 2014 und 24. Januar 2014. Karten unter www.theaterdo.de oder 0231 5027222.




Künstlerische Variationen zum Torhaus

Alexander Pohl (1. Vorsitzender der Dortmunder Gruppe) kooperiert gut mit Gudrun Kattke (Vestischer Künstlerbund).
Alexander Pohl (1. Vorsitzender der Dortmunder Gruppe) kooperiert gut mit Gudrun Kattke (Vestischer Künstlerbund).

Mit der Ausstellung „Variationen mit Plan“ vom 20. Oktober bis zum 10. November 2013 in der städtischen Galerie Torhaus Rombergpark befasst sich der Vestische Künstlerbund in besonderer Weise mit dem Ort, der schon so vielen Künstlern die Möglichkeit bot, ihre Werke in einem architektonisch interessantem Haus zu zeigen: Dem Torhaus.

Der Vereinigung Vestischer Künstlerbund gehören zur Zeit etwa fünfzig Künstlerinnen und Künstler an, die im Vest Recklinghausen geboren oder tätig sind. Sechzehn von ihnen sind an der Ausstellung im Torhaus beteiligt. Die Anfänge des Vestischen Künstlerbundes gehen bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. In Anlehnung an die Recklinghäuser Kunsthalle schlossen sich damals Künstler aus der Region zusammen, um sich gegenseitig auszutauschen und zu inspirieren. Ihr Anliegen war und ist es, Bildende Kunst in das öffentliche Leben des Vestes Recklinghausen fest zu verankern.

 

Mit der Künstlervereinigung Dortmunder Gruppe e.V. gibt es eine Kooperation. Diese stellt dem Vestischen Künstlerbund ihren Platz im Torhaus für den bestimmten Ausstellungszeitraum zur Verfügung. Im nächsten Jahr kommt die Dortmunder Gruppe dann nach Recklinghausen.

 

Zur Ausstellung: Die sechzehn Künstler/innen setzen sich in unterschiedlicher Art mit dem Torhaus als „Kunstraum“ auseinander. Die künstlerischen Ausdrucksformen umfassen dabei verschiedene Installationen, Bilder und künstlerisch gestaltete graphische Grundrisse des Torhauses. Es gibt das Torhaus sogar als kleine bunte Ansteck-Pins von Marion Walla.

 

Die bei der Pressebegehung anwesende Künstlerin Gudrun Kattke sagte über beiden Werke „TV“ (Torhaus Variationen) und „Planche us“: „Ich benutze für meine Kunst Holzrahmen und setze Fundsachen, die andere wegwerfen würden, kreativ ein.“

 

Veranstalter der Torhaus-Ausstellung ist das Kulturbüro der Stadt Dortmund.

 

Die Ausstellungseröffnung ist am Sonntag, dem 20. Oktober 2013 um 11.00 Uhr im Torhaus Rombergpark. Es spricht: Prof. Dr. Ferdinand Ullrich, Museumsdirektor der Kunsthalle Recklinghausen.

 




Klassiker der Kinderliteratur als Weihnachtsmärchen

Joeri Burger (Pinocchio) und Andreas Ksienzyk (Geppetto). (Foto: © Birgit Hupfeld)
Joeri Burger (Pinocchio) und Andreas Ksienzyk (Geppetto). (Foto: © Birgit Hupfeld)

Einmal im Jahr inszeniert der Leiter des Kinder-und Jugendtheaters Andreas Gruhn im Dortmunder Schauspielhaus ein Weihnachtsmärchen für die ganze Familie ab 6 Jahren.In diesem Jahr wird dem italienischen Klassiker der Kinderliteratur „Pinocchio“ nach dem Kinderbuch von Carlo Collodi aus dem Jahr 1905. Gruhn hat auf Grundlage dieser Vorlage einen neuen Text geschrieben. Die Uraufführung des Weihnachtsmärchens ist am Donnerstag,dem 14. November 2013 um 18.00 Uhr.

Gruhn verriet: „Ich nehme mir für meine Weihnachtsmärchen immer gerne einen speziellen Kulturraum vor.In diesem Jahr steht Italien auf dem Programm.Wir bedienen uns dabei der verschiedenen italienischen Theaterformen“. So zum Beispiel auch die italienische Volkskomödie „Commedia dell’arte“. Die Bühne, Kostüme und die Musik von Michael Kessler sind ganz auf Italien eingestellt. Mit Tarantella-Musik und „O sole Mio“. „Wer einen italienisches Flair im dunklen November erleben will, ist bei unserem Weihnachtsmärchen am richtigen Ort. Es wird eine opulente Produktion mit viel Musik“, so Gruhn.

 

Die Geschichte:

Der arme, traurige und einsame italienische Holzschnitzer Geppeto wünscht sich sehnlichst einen Sohn, hat aber keine Frau. Eine Fee verzaubert ein Holzstück, an dem Gepetto gerade arbeitet. Das Holzstück kann sprechen, und Geppetto schnitzt daraus eine Puppe, die er Pinocchio nennt. Gepetto ist stolz und glücklich, und Pinocchio fragt wie alle kleinen Kinder seinem „Vater“ löcher in den Bauch und macht allerlei Unsinn. Pinocchio muss natürlich auch in eine Schule, und Geppetto macht sich auf den Weg, eine Schulfibel zu kaufen. Der ungeduldige Pinocchio geht aus dem Haus und muss zusammen mit der warnenden Grille viele Abenteuer im Spielzeugland, bei einer Theatergruppe und mit listigen Tieren bestehen. Mit jeder (Not)-Lüge wächst seine Nase ein Stückchen. Nach und nach macht der kleine Holzjunge seine Erfahrungen. Der Weg zu seinem Wunschtraum, ein lebendiger Mensch zu werden, ist lang. Erst muss er Geppetto, dessen Suche nach ihm im Bauch eines Wales endet retten… „Pinocchio ist ein naiver, gutherziger Holzjunge, der erst durch Erfahrungen zum Mensch wird. So ist es auch eine Entwicklungsgeschichte“, erläuterte Gruhn.

Neben dem gesamten Ensemble des KJT wird außerdem mit Joeri Burger ein Gastschauspieler und gelernter Tänzer als Pinocchio auftreten. „ Ein gelernter Tänzer kann die Körperlichkeit der Puppe besser darstellen“, erklärte Dramaturgin Isabel Stahl.

 

Für die Premiere am 14. November 2013 gibt es noch Restkarten. Weitere Termine 14. November 2013, 15. November 2013, 01. Dezember 2013, 02. Dezember 2013, 03. Dezember 2013, 04. Dezember 2013, 05. Dezember 2013, 06. Dezember 2013, 07. Dezember 2013, 08. Dezember 2013, 09. Dezember 2013, 10. Dezember 2013, 12. Dezember 2013, 13. Dezember 2013, 16. Dezember 2013, 17. Dezember 2013, 18. Dezember 2013, 19. Dezember 2013, 22. Dezember 2013, 25. Dezember 2013, 26. Dezember 2013, 13. Januar 2014, 14. Januar 2014 und 15. Januar 2014.




Geschwisterpaar begeisterten im Konzerthaus

Das erste Wiener Klassik Konzert am 14. Oktober 2013 begann mit Ludwig van Beethovens (1770 – 1827) Ouvertüre zu Collins Trauerspiel „Coriolan“ op. 62 (1807). Teile der Dortmunder Philharmoniker wurden von Giuliano Betta, seines Zeichens erster Kapellmeister am Theater Basel, mit Charme und Temperament dirigiert. Das Geschwisterpaar Felicitas und Constantin Schiffer zeigten ein beachtliches Können auf ihren Instrumenten.

Inspiriert wurde das Stück vom Drama von Heinrich Joseph Edler von Collin: Eine Mutter und ihre Tochter bewahren die Stadt Rom vor einem Racheakt des verbannten Sohnes und Ehegatten. Beethoven gab dem Thema mit seinen Improvisationen eine musikalische feste Form. Dabei wechselt sich eine leisere Leitmelodie mit den lauteren aufbrausenden Klängen der Bläser und Streicher und Pauken ab, bis die Ouvertüre ein furioses Ende findet.

 

Danach folgte mit dem Konzert für Klavier, Violine und Orchester G-Dur op. 17 (1804) von Johann Nepomuk Hummel (17 -1837) eine Mischung von Sinfonie und Instrumentalkonzert. Dabei ist die Besetzung mit Violine und Klavier als Solo-Instrumenten äußerst selten. Für beide Instrumente konnten ein hochbegabtes Geschwisterpaar aus Lübeck gewonnen werden. Felicitas Schiffer (16 Jahre) spielte einfühlsam im Hintergrund die Violine, ihr Bruder Constantin Schiffer (14 Jahre) virtuos am Klavier.

Das der Klaviervirtuose Hummel ein Schüler von Wolfgang Amadeus Mozart war, ist unverkennbar herauszuhören. Hier dominierten Mozart musikalische Harmonien. Im ersten Satz dominierte zuerst das Klavier, dann übernimmt die Geige mit starker Präsenz. Beide Instrumente werden wirkungsvoll miteinander und dem Orchester kombiniert. Sie warfen sich sozusagen die Bälle zu. Der zweite Satz zeigt ein Thema, das etwas an die Musik von Haydn erinnert. Es folgen interessante musikalische Variationen für Oboe, Cello und Hörner. Einen heiteren Abschluss bildete im dritten Satz das finale Rondo im 6/8 Takt.

 

Ohne eine Zugabe kamen die jugendlichen „Wunderkinder“ nicht von der Konzertbühne. Sie spielten Beethovens Violinsonate Nr. 1 in D-Dur.

 

Nach der Pause folgte die Sinfonie Nr. 1 C-Dur op.21 (1799-1800) von Ludwig van Beethoven.

Ungewöhnlich und mutig für ein Erstlingswerk beginnt die Sinfonie gleich mit einer Überraschung: dissonante Akkorde ertönen. Diese werden natürlich aufgelöst, lassen den Zuhörer aber über das weitere Werk im Unklaren und die eigentliche Grundtonart C-Dur gerät dadurch etwas in den Hintergrund, und andere Tonarten werden festgeschrieben.

Nicht nur der mutige und provokante Beginn dieser ersten Sinfonie Beethovens ist hervorragend und beachtlich, auch das temporeiche Menuett des dritten Satzes. Es ist eigentlich ein Scherzo und weit davon entfernt, ein höfischer Tanz zu sein, was ein Menuett eigentlich entsprach. Vielleicht zeigte Beethoven so schon um 1800 seine Abneigung gegen höfische Etikette.

 

Dieser erste „Wiener-Klassik“-Abend macht Lust und neugierig auf die folgenden.