Petra Meurer Theatertage 2016

Das Ensemble der Residenz des Maschinenhauses Essen freut sich über den Hauptpreis bei den Petra Meurer Theatertagen 2016 für die Produktion "Blaubart".
Das Ensemble der Residenz des Maschinenhauses Essen freut sich über den Hauptpreis bei den Petra Meurer Theatertagen 2016 für die Produktion „Blaubart“.

Im Theater am Depot wurden zum fünften Mal mit Unterstützzug durch die DEW21 und der TU Dortmund die Petra Meurer Theatertage ausgerichtet. Das kleine Theater- und Performance Festival für die freie Theaterszene im Ruhrgebiet stand diesmal unter dem Motto „#Fusionen“.

Dazu gehört zum Beispiel das energetische Zusammenspiel von Slam und Klassik

Der erste Theatertag am 19.02.2016 zeigte an drei Beispielen die verschiedenen Möglichkeit der Ausgestaltung von freiem Theater und Performance. Durch das Programm führte mit einer Portion Humor und Ironie Festivalleiter Rainer Holl.

Zu Beginn wurde „Hamlet.3“ als ein theaterpädagogisches Projekt der TU Dortmund unter der Leitung von der Bochumer Theaterpädagogin Clara Nielebock aufgeführt. Exklusiv für diese Theatertage zeigten Studierende der TU Dortmund nach intensiver Zusammenarbeit ihre Performance als Stückentwicklung und Collage. So haben sie neben dem Shakespeare Text zum Beispiel auch Textpassagen aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ verarbeitet.

Mit ihrer sogenannten Lecture Performance „Bertram und die Feinstrumpfhosenfabrik“ begeisterte danach das Ensemble „Komplott Legal“ mit Thorsten Bihegue, Dramaturg Dortmunder Schauspiel, und Lioba Sombetzki am Cello. Regie führte Isabel Stahl vom Kinder-und Jugendtheater.

Mit Tempo, Pfiff , Ironie und kongenialer musikalischer Begleitung geht hier Buchhalter Bertram allen gesellschaftlichen Widerständen zum Trotz unbeirrt seiner Obsession nach: Eine Feinstrumpfhose herzustellen, die ein Leben lang hält.

Nach der Pause konnte das Publikum ein „Fusionserlebnis“ der besonderen Art erleben,

Zu den Themen „Liebe“ , „Mozart“ und „Pop“ das Mercator Ensemble (Quartett) klassische Musik oder Popmusik. Dazwischen zeigten drei bekannte Poetry Slammer aus dem Ruhrgebiet, Svenja Gräfen, Theresa Hahl sowie Björn Gögge ihr Können.

Die Preisverleihungen am 20.02.2016

Der 20.02.2016 war für die freie Theaterszene im Ruhrgebiet ein besonderer und spannender Tag,

Im Dortmunder Depot wurden die mit insgesamt 2.600 € dotierten Petra Meurer Preise verliehen.

In diesem Jahr wurden gleich fünf Gruppen aus dem Kreis freier Theatermacher/innen und Literaturaktivisten des Ruhrgebiets mit einem Preis ausgezeichnet. Eine Jury aus Studierenden, Theatermachern, Kulturschaffenden und Lehrenden der TU Dortmund hatte die schwierige Aufgabe, aus 24 Projekten 5 auszuwählen. Zwei Förderpreise ( je 300 €), zwei zweite Preis (je 500 €) und der Hauptpreis ( 1.000 €) waren zu vergeben. Moderiert wurde der Abend erneut von Festivalleiter und Jury-Mitglied Rainer Holl.

Nun zu den Preisträgern:

Der erste Förderpreis ging an die Dortmunder Kulturbrigaden für ihre Produktion“Alice“ unter der Leitung von Jens Wachholz und Rada Radojcic.

Die Kulturbrigaden zeichnet sich durch fantasievolle Kostüme und ausdrucksstarkes Theater aus.

Das Publikum bekam schon einmal eine Kostprobe aus der neuen Produktion „Ein Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare zu sehen.

Der zweite Förderpreis ging an Young’n’Rotten (Rottstr.5 Theater in Bochum) für die Produktion „Hexenjagd“ nach Arthur Miller unter der Regie/Textfassung von Denise Rech. Teile des Ensembles zeigten einen atmosphärisch beeindruckenden Ausschnitt aus dieser Produktion.

Ein zweiter Preis ging an die multikulturelle Gruppe Labsa aus Dortmund für ihre Produktion „Sugar Snap Paradise“. Dieses noch nicht so lange existierende bunte gemischte Ensemble zeichnet sich durch ihre Spiel- und Bewegungsfreude aus. Das zeigten sie mit einem Ausschnitt aus der Produktion, diesem Traum von der Möglichkeit eines glücklichen Zusammenlebens von Mesnschen unterschiedlichster Herkunft.

Einen weiteren zweiten Preis gab es für „Schluckreiz in Paradise“ des Armada Theater aus Essen unter der Leitung von Michael Zier und Anina Büchenbacher. Bei der Produktion geht es rund um Pornografie und der Suche nach wirklicher Liebe.

Die Gründungsmitglieder Michael Zier und Clara Gohmert zeigten bei der Preisverleihung einen amüsanten und nachdenklichen Ausschnitt der Performance um die verschiedenen Aspekt um „Zusammen sein“.

Der Hauptpreis 2016 ging an die Residenz aus dem Maschinenhaus für die Produktion „Blaubart“.

Das ist eine interessante experimentelle, collagenhafte Stückentwicklung um den Mythos „Blaubart“, der Beziehung zwischen den Geschlechtern sowie der Faszination des Verbotenen.

Das Publikum bekam einen Ausschnitt daraus zu hören und sehen.

Es waren zwei gelungene Theatertage, die einen kleinen Einblick in die Vielfalt der freien Theaterszene des Ruhrgebiets gab.




Alpenwestern-Ambiente bei Wilhelm Tell

Das Ensemble beim Alphornblasen: (v.r.n.l.) Rainer Kleinespel, Andreas Ksienzyk,Bettina Zobel, Talisa Lara, Thorsten Schmidt und Philip Pelzer. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Das Ensemble beim Alphornblasen: (v.r.n.l.) Rainer Kleinespel, Andreas Ksienzyk,Bettina Zobel, Talisa Lara, Thorsten Schmidt und Philip Pelzer. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Mit ihrer Inszenierung von Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ für das Kinder-und Jugendtheater (Sckellstraße 5-7) in Dortmund will Regisseurin Johanna Weißert einen umfangreichen, komplexen Stoff für Jugendliche und Erwachsene ab 13 Jahren, auch ohne politisch-historisches Hintergrundwissen, auf verständliche Weise näher zu bringen.

Beim Presse-Vorgespräch erklärte Weißert: „Wir versuchen, die komplette Geschichte in anderthalb Stunden komprimiert darzustellen. Dabei konzentrieren wir uns auf die eigentliche Handlung mit ausgewählten Textstellen und sechs klare Hauptfiguren.“ Rainer Kleinespel spielt als Einziger nur den Tell, während die fünf anderen Schauspieler/innen KJT- Ensembles gleich mehrere Rollen übernehmen. Das einfache ländliche Leben mit Volksmusik und Alphorn (aus dem Baumarkt) wird der Welt der Besatzer (Habsburger) und der durch zwei junge Figuren repräsentierten Welt gegenüber gestellt. Daher ist der Stoff spannend und von aktueller Brisanz.

Das 1804 erschienene Geschichtsdrama spielt um 1300 in der Schweiz und behandelt den Freiheitskämpfer der Urkantone. Tell wird als Einzelkämpfer wider Willen zum Tyrannenmörder. Er handelt so, weil er nicht anders kann. „Es geht um die Frage: Welche Stellung innerhalb eines Konflikts nehme ich ein?“, so Weißert. Johanna Weißert erläuterte:„Wilhelm Tell ist ein Außenseiter und Einzelgänger, der seine Entscheidungen selbstständig trifft. Er ist eine brüchige und ambivalente Figur.“ Die Inszenierung hat laut der Regisseurin durchaus auch komische Elemente (ohne Schenkel klopfen).

Die Kostüme sind einfach und der ländlichen Umgebung mit viel Holz auf der Bühne angepasst. „Die Bühne wird ein Alpenwestern-Ambiente vermitteln“,verriet Weißert. Für die Musik im KJT ist wieder einmal Peter Kirschke zuständig.

Die Premiere am am 26.02.2016 um 19 Uhr im KJT ist schon ausverkauft. Weiter Aufführungen , wie zum Beispiel am 28.02.2016 und den Rest der Spielzeit gibt es aber noch Karten zu kaufen.

Achtung! Eine extra Aufführung für Pädagogen findet vorab am 24.02.2016 um 18.00 Uhr statt. Eine Einführung gibt es schon ab 17.30 Uhr.

Weitere Informationen unter www.theaterdo.de




Wissen und Verantwortung

Harold Quintero (Der alte Faust), Dann Wilkinson (Mephisto) & Corps de Ballet ©Bettina Stöß (Stage Picture GmbH)
Harold Quintero (Der alte Faust), Dann Wilkinson (Mephisto) & Corps de Ballet
©Bettina Stöß (Stage Picture GmbH)

Nach dem Handlungsballett „Zauberberg“( Literarische Vorlage von Thomas Mann) hat sich Ballettdirektor Xin Peng Wang mit der Bearbeitung des „Faust I“ (J.W. von Goethe) für seine Company einer weiteren großen Herausforderung gestellt. Die Premiere war am 13. Februar 2016.

Im Laufe der Geschichte der letzten Jahrhunderte haben sich viele Künstler (Schauspiel, Oper, Ballettintendanten oder auch Puppenspieler) an den schwierigen und immer aktuellen Themenkomplex des „Faust“ gewagt. Am Beginn steht die Wette zwischen Gott und Teufel. Ist der Mensch nur ein Spielball seiner Leidenschaften und Instinkte, oder wohnt in ihm ein Wissen um das Gute, Wahre, Aufrechte und den rechten Weg? Gelingt es, ihn bis in die Seele verderben?

Der Teufel Mephisto will es am Beispiel des rastlos Wissbegierigen Dr. Faust beweisen. Er verspricht diesem allumfassende Erkenntnis, wenn er dafür dessen Seele erhält. Dies hat hat katastrophale Folgen für die unschuldige Margarethe. Mephisto führt sie erst den in Leidenschaft entbrannten Faust zu und ermordet dann deren Tante Marthe. Als Margarethe für Mephistos Tat zum Tode verurteilt wird, lässt sie Faust im Stich. Die Reue kommt zu spät ….

Die Inszenierung von Xin Peng Wang ist modern, von der Musikauswahl, dem Bühnenbild, der Choreografie, bis hin zu aktuellen Zeitbezügen, die per Video und Live-Ticker über der Bühne rasen, in die Mephisto Faust die Zukunft (unsere Zeit) sehen lässt.

Geschickt gewählt war ein Schachbrett-Muster auf der Bühne, auf dem die Tänzer als Figuren des Lebensspiels agierten. Der Teufel Mephisto, wunderbar getanzt von Dann Wilkinson, muss sich zunächst mit einem Eimer am Fuß bewegen. Er versucht, aus der Enge der gegebenen Strukturen auszubrechen.

Ein überdimensionaler großer Spiegel hängt über der Bühne und spiegelt als gelungener Effekt das Geschehen auf der Bühne. Für das Publikum wird das Ausbrechen von Mephisto visuell als Krümmung der Begrenzung einzelnen Schachfelder wahrgenommen. Als Projektionsfläche zur Darstellung der einzelnen Wissenschaften, wurden diese per Video effektvoll auf einzelne, herunter gezogene Leinwände erstellt.

Eine drehbare Hebebühne wurde punktuell, zum Beispiel für die Dämonen der Walpurgisnacht ausgenutzt. Eindrucksvoll umgesetzt wurde die Idee, den Faust einmal als alte Version (Harold Quintero), und dann durch den aus „Bilderrahmen“ kommenden jungen Faust (Javier Cacheiro Alemán) darzustellen. Das erinnerte an „Das Bildnis von Dorian Gray“ (Oskar Wilde).

Die Tänzerinnen und Tänzer zeigten, was moderner Ausdruckstanz bedeutet. Angefangen bei Barbara Melo Freire als Margarethe, Jelena-Ana Stupar als Marthe Schwerdtlein, Javier Cacheiro Alemán als junger Faust, Harold Quintero als alten Faust oder Dann Wilkinson als Mephisto brachten sie als Solisten oder in kongenialem Zusammenwirken mit den Geistern, Wissenschaftlern, Dämonen und Engeln eine große tänzerische Leistung auf die Bühne.

Wichtig für die Vermittlung der unterschiedlichsten Emotionen wie Leidenschaft oder Verzweiflung ist das punktgenauem Zusammenspiel von Bewegung und Musik. Eine große Herausforderung war die moderne Musikauswahl für die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster. Für den Faust wurde moderne zeitgenössische Musik von verschiedenen Komponisten ausgewählt. Dabei spielte die disharmonische moderne Musik des polnischen Komponisten Henryk M. Gόrecki (1933 – 2010) die Hauptrolle. Außerdem erklang Musik von Igor Wakhevitch, Michael Daugherty und Bryce Dresser. Eingespielt wurde der „Faust Step von Super Flu und zur Walpurgisnacht das archaische „Ich will“ von Rammstein.

Für einige im Publikum war die Musik vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber war passend zur musikalischen Verstärkung zum Geschehen auf der Bühne und deren Aussagekraft.

Die vielen Effekt oberhalb der Bühne machten es manchmal etwas schwer, die Augen konzentriert auf das Tanzgeschehen zu halten. Die beeindruckenden Kostüme (Bernd Skodzig) für die Geister, die vier Wissenschaften, Dämonen und Engel waren aufwendig und mit Fantasie ausgewählt.

Die Inszenierung zeigt die zeitlose Aktualität des „Faust“. Auch wir leben in Zeiten der Verunsicherung. Im Faust gibt es kein schwarz-weiß Denken, kein Gut und Böse. Wissenschaftliche Erkenntnis an sich ist nicht schlecht oder gut. Es kommt darauf an, mit seinem Wissen verantwortungsvoll umzugehen und die Folgen seiner Handlungen zu bedenken.

Das Publikum war begeistert und am Ende gab es lang anhaltenden Beifall und Standing Ovations für die Akteure. Es lohnt sich sicher, dieses Handlungsballett noch einmal anzusehen.




Mit Musik die Geschichte erklären

Die musikalisch-literarische Reise durch das letzte Jahrhundert nach der Vorlage des Buch-Bestseller „The Rest is Noise“ (Alex Ross) als Kooperation der Ruhrtriennale mit sechs regionalen Theatern ist ein ambitioniertes Unterfangen. Mit den Dramaturgen der Theater erarbeitet Regisseur Johan Simons sechs Varianten seiner erfolgreichen Lesereihe.

Die sechs Etappen der Reise: Das Schauspiel Essen (05.11.2015), Schlosstheater Moers (03.12.2015), Schauspiel Dortmund (21.01.2016), Theater Oberhausen (04.02.2016), Theater an der Ruhr (17.03.2016) und zum Schuss das Schauspielhaus Bochum (07.04.2016). Unterstützt werden sie dabei musikalisch durch die Bochumer Symphoniker.

Die erste Etappe konnte das Publikum am 05. November 2015 im Schauspiel Essen mit dem „Goldenen Zeitalter“ um die Jahrhundertwende (Strauss, Mahler u.s.w.) erleben. Weiter ging es am 03.12.2015 im Schlosstheater Moers (Komponisten – Zwanziger Jahre in Berlin, unsichtbare amerikanische Komponisten von Ives bis Ellington, Schönberg und die Atonalität). Das Schauspiel Dortmund diente als Ort für die dritten Etappe, die sich im ersten Teil mit der Kunst der Angst – Musik in Stalins Sowjetunion beschäftigte. Im zweiten Teil ging es um Musik im Amerika Franklin D. Roosevelts.

Friederike Tiefenbacher, Ensemblemitglied des Dortmunder Schauspielhauses, übernahm die Rolle des Autors Alex Ross und führte in die Lesung ein. Die anderen Schauspieler wie Bettina Lieder, Carlos Lobo, Andreas Beck, Frank Genser, Uwe Schmieder und Julia Schubert übernahmen bei ihrer Lesung verschiedene Rollen und Persönlichkeiten der Zeit, wie zum Beispiel Maxim Gorki. Es gelang ihnen mit Eindringlichkeit und Einfühlungsvermögen, die Stimmungslagen der Personen über die Texte dem Publikum näher zu bringen. So führt etwa Frank Genser die Verzweiflung von Dimtri Schostakowitsch nach einer vernichtenden „Formalismuskritik“ durch Stalin in einem Artikel in der Prawda (1936) und seine Trauer um die Opfer jeglicher Gewaltherrschaft und Diktatur, ob von Hitler oder eben Stalin, mit seiner Lesung aus dessen Memoiren dem Publikum deutlich vor Augen. Verstärkt wurde das Gehörte durch die folgende musikalische Darbietung der fünf Sätze aus Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 c-moll, op. 110. Beeindruckend intensiv dar gebracht vom Streichquartett der Bochumer Symphoniker.

Kurz vor der Pause zeigte Sachiko Hara ihr Können und Virtuosität am Piano mit „Chaconne“ von Sofia Gubaidulina, einer von Schostakowitsch geförderten russischen Komponistin. Sie wurde von elektronischer sowie von Improvisationsmusik beeinflusst.

Nach der Pause stand die Musik im Amerika Franklin D. Roosevelts im Mittelpunkt. Viele der von den Nazis oder dem sowjetischen Machtsystem bedrohten, verfolgten und beeinträchtigten Komponisten, Schauspieler, Produzenten u.s.w. emigrierten vor und nach Kriegsende in die USA. So etwa der für seine proletarischen Arbeiterlieder bekannte Hanns Eisler.

Das Dortmunder Schauspielensemble gab, begleitet von Sachiko Hara am Piano, mit „Into the Streets May First“ von Aaron Copland/Alfred Hayes eine kraftvolle Gesangsprobe ab. Zuvor beeindruckte Hara mit ihrer Darbietung von Sergei Rachmaninows (ebenfalls ausgewandert) Etudes-Tableaux, op. 33,Nr. 1, Nr. 2.

Das Publikum erfuhr bei der Lesung aber auch, dass die Zuwanderer zwar beachtet wurden, aber ihnen oft mit Misstrauen begegnet wurde. Eleonore Roosevelt, die Präsidentengattin, setzte sich vehement und beharrlich für die Komponisten und Künstler ein, wie Julia Schubert mit ihrer Lesung zeigte.

Der Komponist Igor Stravinsky, dessen moderne und progressive Musik aus „Sacre du printemps“ von Walt Disney für seinen Film „Fantasia“ benutzt wurde, war auch einer Emigranten. Die atonale Zwölftonmusik von Arnold Schönberg wurde im Animationsfilme wie etwa Tom und Jerry „Putin‘ On The Dog“ eingesetzt. Auf einer Leinwand wurde ein Film-Ausschnitt davon gezeigt. Ein Ausschnitt aus „Modern Times“ mit Charly Chaplin beendete die Veranstaltung.




Emotionale Achterbahn in der neutralen Zone

Rinaldo (Ileana Mateescu) zwischen Almirena (Tamara Weimerich links) und Armida (Eleonore Marguerre rechts). Foto: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture
Rinaldo (Ileana Mateescu) zwischen Almirena (Tamara Weimerich links) und Armida (Eleonore Marguerre rechts). Foto: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Mit der Übernahme seiner erfolgreichen Produktion in der Oper Zürich in Kooperation mit dem Theater Bonn von Georg Friedrich Händels „Rinaldo“ brachte Opernintendant Jens-Daniel Herzog und das Dortmunder Ensemble am 09.01.2016 (Premiere) eine weitere Barockoper auf die heimische Bühne. Ein wenig Lokalkolorit spielte mit, denn „Rinaldo“ besitzt auch Bezüge zu Ritter Rinaldo (Reinoldus) von Montauban, dem Schutzpatron unserer Stadt, aus den Heldensagen von Kaiser Karl den Großen kommen.

Herzog transferierte das Geschehen der Geschichte, basierend auf der Legende über die Schlacht um Jerusalem (1099) in moderne Transit-Räume, einem Flughafen und einer Hotellobby. In dieser neutralen Zone treffen sich die beiden Parteien: Die christliche Fraktion um Goffredo und seinem Bruder Eustazio und die islamischen Fraktion um Argante und der Zauberin Armida. Um den Sieg zu erringen, benötigt Goffredo unbedingt die Hilfe von Rinaldo. Der leidet aber an einem „Burn-out“ und will eigentlich nur mit Goffredos Tochter Almirena ein ruhiges Leben führen. Doch erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Die Gegenseite entdeckt den schwachen Punkt bei Rinaldo und entführt Almirena und Armida bekommt auch Rinaldo in ihre Fänge. Selber eher an ihrem persönlichen Glück interessiert, verliebt sich Armida aber in den schönen Rinaldo und kann ihn nicht töten. Argante wiederum ist emotional zu der sanften Almirena hingezogen. Das bleibt vor der rach-und eifersüchtigen Armida nicht verborgen. Nachdem Almirena und Rinaldo von Goffredo und Eustazio mit Hilf eines Magiers befreien können, raufen sich auch Argante und Almirena wieder für den Kampf um Jerusalem zusammen. Nachdem die christlichen Kreuzritter die entscheidende Schlacht gewinnen, arrangieren sich alle Parteien notgedrungen.

„Eine Hauptfigur hasst zu Beginn eine andere und stellt erst später fest, dass sie ihn liebt.“ Allein darüber haben spätere Komponisten ganze Opern verfasst. In der Zeit von Händel ging das alles noch schnell. Keine Psychologisierungen, kein langsamer Gefühlswandel über vier Arien, von „Ich werde dich töten“ zu „Ach, ist der hübsch. Ich bin verliebt“ dauert es bei Armida nur wenige Sekunden. Ebenso schnell wird der „Beziehungsstreit“ zwischen Argante und Armida beendet.

Dabei half Herzog auch die geniale Bühne von Christian Schmidt. Die geschickt ausgewählte drehbare Bühnenvorrichtung mit ihren verschiedenen Ebene bot eine geniale Spielwiese für spezielle Effekte und die Möglichkeit, verschieden emotionale Zustände wie Wut, Eifersucht, Liebe und Traurigkeit aber auch humorvolle Ironie auf die Bühne zu zaubern. Rinaldos (Ileana Mateescu) Verzweiflung wird zum Beispiel noch deutlicher, dass sich die Personen um ihn herum in Zeitlupe bewegen. Ein im Schockzustand bekanntes Phänomen. Der Höhepunkt war die Arie von Rinaldo „Venti, turbini, prestate“ kurz vor Ende des ersten Aktes, als Rinaldo die Kraft des Windes beschwor und sich alle dem Sturm beugen mussten. Vom Winde verweht auf die komischste Art.

Die Barockoper stellt besondere Anforderungen an die Stimmlagen der Sänger/innen. So sind bei „Ronaldo“ auch die Männerrollen zumeist von Frauen oder besetzt. Sozusagen Frauen-Power.
Als Rinaldo bewies die in „Hosenrollen“ (zum Beispiel „Rosenkavalier“) erfahrene Ileana Mateescu wieder einmal mehr ihr gesangliches und darstellerisches Können. Das gleich gilt für Eleonore Marguerre als Armida in all ihren Facetten. Mal erotisch-frivol, mal wütend eifersüchtig voller Rache. Tamara Weimerich als liebreizende Almirena begeisterte vor allem bei der schönsten und bekanntesten Arie der Oper „Lascia ch’io pianga“. Gelungen war auch ihr erster Auftritt als Art weiblicher James Bond. Als Gast aus Bonn gefiel Kathrin Leidig als Goffredo. Obwohl er am Anfang mit der Lautstärke zu kämpfen hatte, machte Jakob Huppmann als Eustazio die besondere Faszinazion einer Kauntertenor-Stimme deutlich, zudem hatte er es beim Publikum nicht leicht, nachdem er in der ersten Szene die Zukunft aus einer frischen Katzenleber lesen musste. Tierfreunde brauchen jedoch keine Panik zu bekommen, es wurde alles nur gespielt. Ist schließlich auch eine Oper. Mit viel Humor und Stimmgewalt füllte Gerardo Garciacano seine Rolle als Argante.

Das Tanzensemble bereicherte die Inszenierung mit schönen Choreografien, denn sie waren weit mehr als nur Statisten. Ihre Tanzeinlagen passten wunderbar zur Inszenierung, mit Aktenkoffer und Business-Anzug, als Unterhändler, die mehr mit den Akten als mit dem Schwert kämpften.

Die Inszenierung war bis in die Nebenrollen gut besetzt. Sei es die verführerischen Sirenen (im Stewardessen-Look) oder der Magier (Maria Hiefinger) als Reinigungskraft.

Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Motonori Kobayashi waren passend in Barockorchester-Stärke zu hören. Dafür waren sie etwas erhöht, so dass sie für das Publikum als sichtbarer Teil der Inszenierung zu erkennen waren. Das musikalische Fazit: Sie können auch Barockmusik.

Es war ein begeisternder Barockopern-Abend. Wo so viel auf verschiedenen Ebenen passiert, ist es schwer, all die vielen Details mit zu bekommen. Da hilft nur, noch mal ansehen und anhören. Denn die Inszenierung kennt keine Langeweile, ist ist mit viel Augenzwinkern gemacht worden, ohne die Sängerinnen und Sänger in irgendeiner Form bloß zustellen. Die Beziehung zwischen Christen und Muslimen steht nicht im Mittelpunkt, sie ist noch nicht einmal ein Randthema. Es geht in dieser Inszenierung nicht um Religion, sondern um die Wirren und Fallen der Liebe.




Eine emotionale musikalische Reise

Mit dem 2. Konzert für junge Leute unter dem Titel „Hollywood Hits – Love. Space. Hell“ entführten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz am 14.12.2015 das junge und jung gebliebene Publikum im Dortmunder Konzerthaus durch die fantastische Welt der Hollywoodfilm-Hits. Ihm zur Seite stand als Moderator an diesem Abend kein geringerer als BVB-Spieler Neven Subotić.

Dieser freute sich darüber, bei dieser Gelegenheit auf seine humanitäre Stiftung aufmerksam machen zu können und bat auch charmant um eine Spende für die multikulturelle Straßenfußballliga „buntkicktgut“ in der Nordstadt mit ihren 35 Teams. Feltz und Subotić führten mit Humor und kleinen Anekdoten durch das Programm.

Im Mittelpunkt des Abends stand zum großen Teil der „unendliche Weltraum“ mit Musik aus „Star Wars“ (John Williams), „Alien 1 und 2 , „Star Trek“ (Jerry Goldsmith) oder aber „Back to the future“ (Alan Sivestri).Schnell wurde klar, dass der emotionale Zauber der Musik ein essentieller Bestandteil des Erfolges und Wirkung der Filme bis heute ist.

Das selbe gilt natürlich auch für das folgende schwungvolle Medley der Musik von Monty Norman aus den James Bond 007-Filmen. Ein Höhepunkt war sicherlich die von Konzertmeister Alexander Prushinsky auf seiner Violine gefühlvoll vorgetragene Tango-Musik (Calos Gardel) aus „Der Duft der Frauen“. Das Konzert endete mit Musik aus der tragisch-rührenden Liebesgeschichte „Love Story“ (Francis Lai) aus dem Jahr 1970.

Als Zugabe für das begeisterte Publikum gab es als Zugabe noch Musik aus Spielbergs „E.T.“ von John Williams, womit man vom Komponisten wieder am Anfang des Konzertes angelangt war.




Berührendes Melodrama in der Oper

Keine Chance für die Zukunft haben Violetta  (Eleonore Marguerre) und Alfredo (Ovidiu Purcel). Foto: © Thomas Jauk.
Keine Chance für die Zukunft haben Violetta (Eleonore Marguerre) und Alfredo (Ovidiu Purcel). Foto: © Thomas Jauk.

Am 28. November 2015 war Premiere von Giuseppe Verdis berühmten „La Traviata“ (Die vom Weg Abgekommene) nach der „Kameliendame“ „Alexandre Dumas fils) in der Oper Dortmund.

Die junge Regisseurin Tina Lanik legte den Schwerpunkt ihrer Inszenierung auf die Darstellung der Pariser Edelprostituierten Violetta Valéry als Einsame, oberflächlich lebende aber sensiblen Frau mit weichem Herz, die alles was sie macht, radikal bis zum Ende durchzieht. Die tödliche Krankheit Tuberkulose liegt dabei immer wie ein Schatten über ihr Leben.

Violetta lässt sich von den Liebesbekundungen Alfredo Germont, seinem hartnäckigen Werben berühren und wagt eine radikale Änderung ihres bisherigen Lebenswandels. Sie zieht mit Alfredo in ein Landhaus und erlebt ein kurzes Glück als dessen treue Lebensgefährtin. Diese scheinbare Idylle wird jedoch abrupt durch Alfredos Vater, dem Geschäftsmann Giorgio Germont, gestört. Der herrische Patriarch der aufkommenden Bourgeoisie verlangt von ihr, sich von seinem Sohn zu trennen, um die „Ehre“ seiner Familie wieder herzustellen. Überrascht erkennt Giorgio, dass Violetta so gar nicht in die Schablone der „ausgebufften Betrügerin und raffgierigen Prostituierten“ entspricht, sondern eine liebende Frau ist, die für den gemeinsamen Lebensunterhalt selber aufkommt. Trotz seiner Zuneigung für Violetta, setzt Alfredos Vater gnadenlos seine Interessen durch. Nun beginnt die nächste Wandlung der Violetta, zu einer Verzichtenden. Nach anfänglichen Zögern willigt sie ein, sich radikal von Alfredo zu trennen, wenn sein Vater ihm nur nach ihrem Tod von ihrem großen Opfer aus Liebe erzählt. Sie macht Alfredo vor, einen anderen zu lieben. Der ist voll rasender Eifersucht und wie ein trotziges Kind wirft ihr das beim Spiel gewonnen Geld vor die Füße verschwindet später ins Ausland. Kurz vor ihrem Tod erfährt er die ganze Wahrheit über Violettas Verzicht, kommt zu ihr und möchte krampfhaft an eine gemeinsame Zukunft glauben. Es ist aber zu spät. Wie sein herbeigeeilter Vater, die treue Freundin und Haushälterin Annina und der Doktor können sie nur zusehen, wie sie stirbt.

Eleonore Marguerre, bekannt aus verschiedenen Produktionen (wie beispielsweise Don Giovanni), überzeugte nicht nur bei der Bewältigung der hohen gesanglichen Herausforderung, sondern auch durch ihre intensive und sensiblen Darstellung der Violetta Valéry in ihrer Verzweiflung, Sehnsüchten, Radikalität und Einsamkeit. Drastisch zum Beispiel, als sie ihre blonde Perücke und Kleidung als Zeichen für das Ende ihres Leben als Edelprostituierte ablegt. Als Vertretung für den erkrankten Tenor Lucian Krasznec sprang Ovidiu Purcel von der Rheinoper als Alfredo Germont. Mit weichem Timbre und viel Emotionen stellte er www.theaterdo.desowohl den verliebten als auch eifersüchtig-beleidigten Alfredo dar. Mit großer Bariton-Stimme und Präsenz auf der Bühne begeisterte Sangmin Lee als Giorgio Germont.

Ein großes Kompliment dem Opernchor des Theaters Dortmund unter der Leitung von Manel Pujol. Die Damen und Herren hatten ihren großen Auftritt im zweiten Akt als „Zigeunerinnen“ und „Matadore“. Zusammen mit Natascha Valentin als Flora Bervoix und Morgan Moody als Marquis d’Obigny sorgten sie für ordentlich Feierstimmung. Die weiteren Nebenrollen in „La Traviata“ fügten sich mit ihren Leistungen in das gelungene Gesamtbild ein.

Die Kostüme waren zeitgenössisch, raffiniert und bei der Farbauswahl mit Bedacht ausgewählt.

Die Bühnenausstattung war mit wenigen, stimmungsvollen Elementen wie zum Beispiel ein loderndes Feuer dezent ausgewählt.

Die Dortmunder Philharmoniker begleiteten das Geschehen musikalisch unter der Leitung von Motonori Kobayashi mit Sicherheit und Gespür für die jeweilige Stimmungslage. Die Inszenierung zeigte nicht nur das Schablonendenken der sogenannten „besseren Gesellschaft“, die Violetta keine Chance gibt, auf, sondern entlarvt auch deren gnadenlose Heuchelei und verbreiteten Voyeurismus. Ein leider immer (noch) aktuelles Thema.

Ein gelungener und begeistert gefeierte Abend für alle Opernfans.

Infos und Termine unter www.theaterdo.de

 




Gelungene Grenzüberschreitung

Im Mittelpunkt des dritten Tages der Zeitinsel Katia und Marielle Labèque am Freitag, den 27.11.2015 stand die „West Side Story“ von Leonard Bernstein (1918 – 1990) nach Shakespeares „Romeo und Julia“.

Zunächst erwartete das Publikum in Teil eins Irwin Kostals Arrangement der Sinfonischen Tänze und einiger Songs aus „West Side Story“ für Perkussion und zwei Klaviere. Dabei repräsentierte Katia Labèque am Piano die meist höhere Passagen der Capulets, während Marielle Labèque die tiefere Klangwelt der Montagues übernahm. Unterstützt wurden die beiden französischen Pianistinnen dabei von der Perkussion von Gonzalo Grau (Caracas) auf der einen, und Raphaël Séguinier auf der anderen Seite.

Den Zwillings-Schwestern am Klavier und ihre kongenialen Percussionisten gelang es, die bewegende und abwechslungsreiche Geschichte von Maria und Tony der West Side Story lebendig vor den Augen des Publikums werden zu lassen.

Katia und Marielle Labèque zeigten ihr Können und Einfühlungsvermögen sowohl bei den leisen Songs wie zum Beispiel „Maria“, oder aber virtuos bei dem rasanten „Mambo“. Die Perkussion sorgte für die passende Begleitung , wobei etwa Trommel, Kastagnetten oder etwa ein Gong zum Einsatz kamen. Bei „America“ wurde auch einfach nur rhythmisch in die Hände geklatscht.

Nach der Pause ging es mit der deutschen Erstaufführung des Projekts „Star-Cross`d Lovers“ des französischen Komponisten, Produzenten, Musikers und Klangkünstlers David Chalmin weiter. Er konzipierte mit diesem Projekt eine bewusste Grenzüberschreitung. Die Tanzperformance zur „West Side Story“ (Romeo und Julia) kombiniert zeitgenössischen modernen Tanz mit Breakdance, und wird musikalisch begleitet sowohl von „analoger“ sowie elektronischer Musik, romantischen Klavierklang oder rockigen Beats.

Mit ins Boot hat er neben den beiden Geschwistern Labèque auch Raphaël Séguinier sowie den türkischen Choreografen und Tänzer Yaman Okur genommen. Dieser entwickelte mit seiner starken Gruppe von sieben Tänzern und einer Tänzerin die Choreografie für diese Performance. Okur hatte schon mit Madonna zusammen gearbeitet.

Musikalisch teilte auch Chalmin die Ausübenden in zwei Gruppen auf, um die zwei Sphären von Romeo und Julia deutlich abzusetzen. Er selbst spielt und gestaltet an der E-Gitarre und Elektronik gemeinsam mit Katja Labèque die Klangwelt der Capulets (höhere Klänge). Die Welt der Montagues (tiefere Klänge) bringt ihre Schwester Marielle gemeinsam der Perkussion zum Klingen.

Sie bildeten den großartigen Hintergrund für die acht hochklassigen Tänzer/innen. Farblich waren die rivalisierenden Gruppen mit ihrer Kleidung farblich gut zu unterscheiden. „Romeo“und „Julia“ stachen gesondert hervor. „Romeo“ mit seiner schwarzen Hose und weißem Oberteil und „Julia“in einem weißen Kleid. Die szenische und musikalische Ebene waren zu jeder Zeit untrennbar verbunden und verwoben. Als Beispiel zu nennen ist da etwa ein starker Trommelwirbel und isolierte Klavierakkorde bei Mercutios Tod.

Was dieses Tanzensemble da auf die Bühne brachte, war atemberaubend und und Punktgenau passend zur Musik gebracht. Es ist schon erstaunlich, zu welchen Bewegungen und Ausdrucksmöglichkeiten der der menschliche Körper in der Lage ist. Das Publikum war jedenfalls besonders von den Breakdance-Einlagen begeistert. Es gab Standing Ovations und eine Breakdance-Zugabe als Dankeschön von den Akteuren.




Tradition trifft Moderne

Noch ist das Gespenst Sir Simon (Rainer Kleinespel) guter Dinge. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Noch ist das Gespenst Sir Simon (Rainer Kleinespel) guter Dinge. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Wie jedes Jahr gastiert das Ensemble des Kinder-und Jugendtheaters auch 2015 mit einem Weihnachtsmärchen für die ganze Familie im Schauspiel Dortmund. Diesmal hat sich der Leiter des KJT, Andreas Gruhn, das „Gespenst von Canterville“ nach einer Erzählung von Oscar Wilde (1856 -1900) vorgenommen und bearbeitet. Am 26.11.2015 war die Premiere im Schauspielhaus.

Zur Geschichte: In den 60iger Jahren kauft der New Yorker Geschäftsmann Hiram Otis das englische Schloss Canterville. Als er dort mit seiner Frau Lucretia (Lucy) Otis, seinen jugendlichen Söhnen Washington und Buddy sowie der elfjährigen Virginia ankommt, erwartet sie die Verwalterin Mrs. Umney und warnt vor dem Geist von Sir Simon von Canterville, der dort nach seinem Tod vor 350 Jahren sein Unwesen treibt. Doch die rationalen, von der Fortschrittlichkeit ihrer Nation und materialistisch denkenden Amerikaner reagieren anders als erwartet. Ohne Angst bieten sie dem Geist die „Errungenschaften der neuen Zeit“ an, um zum Beispiel seine quietschenden Ketten mit einem speziellen Öl zu schmieren. Die Söhne attackieren ihn mit Wasserpistolen.

Mr. Otis plant, das alte Schloss und das Gespenst in einer Art „Disneyland“ zu verwandeln und zu vermarkten. Das Gespenst, versteht nicht, warum diese Menschen keine Angst vor ihm haben.

Nur die elfjährige Virginia begegnet ihm mit Empathie und kindlicher Offenheit. Ihr verrät er seinen sehnlichen Wunsch, nur zu „schlafen“ und in den „Garten des Todes“ hinüber zu gehen. Das kann er aber nur mit Hilfe des Mädchens…

Die Bühnenausstattung von Oliver Kostecka bot all das, wie sich viele Zuschauer/innen ein altes englisches Schloss vorstellen. Kronleuchter, dunkle Fassaden, alte Wendeltreppe, eine Ritterrüstung und einen ausgestopften Eisbären mit um Mitternacht rot funkelnden Augen. An der linken Seite eine schwarze Truhe. Nebel und Donnereffekte sorgten für eine schaurige Atmosphäre.

Mrs. Omney war bieder hochgeschlossen angezogen, während die Familie Otis in bunten Outfit der 60iger Jahre auftrat. Lustige Idee, dass alle in den gleichen leuchtend blauen Pyjama mit Aufdrucken auf die Bühne kamen.

Das Gespenst war weiß geschminkt und trug Halskrause und Pluderhosen aus der Renaissance-Zeit.

Es erinnerte ein wenig an den Poltergeist „Beetlejuice“ (Betelgeuse) aus dem gleichnamigen Film (1988) mit einer ähnlichen Thematik.

Wie bei einem Musical gab es eine Mischung aus Musik (Songs: unter anderem Swing, Rock und aus der Renaissance), Tanz und Schauspiel mit Slapstikelementen.

Im Stück prallen zwei Welten aufeinander. Die britisch-konservative, mit einer fast paranoiden Panik vor übernatürlichen Phänomene und dem materialistischen, rationalen Fortschrittsglaubens des amerikanischen Kapitalismus der 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts. Oscar Wilde hat beides in seiner Erzählung ironisch Charakterisiert.

Die Schauspieler brachten die verschiedenen Typen sehr plastisch und gelungen auf die Bühne.

Bettina Zobel als spröde Mrs. Umney, die bei der kleinsten Störung in Ohnmacht fällt, aber dann kurz „auftaut“ und ein flottes Tänzchen mit Mr. Otis und den anderen auf der Bühne wagt. Joeri Burger (bekannt aus einem früheren Weihnachtsmärchen als „Pinocchio“) steuerte für das Stück einige schöne Choreographien bei. Johanna Weißert und Andreas Ksienzyk als Mr. Und Mrs. Otis spielen die fortschrittsgläubigen, geschäftstüchtigen Amerikaner mit großer Lust und Engagement. Mit Akribie preisen sie die Produkte der neuen Welt wie Fleckenentferner,Tropfen gegen Verdauungsprobleme oder gar Coca-Cola bei Ohnmacht an.

Die beiden Söhne Washington (Thosten Schmidt) und Buddy (Philip Pelzer) sind typische „New Yorker Boys“ ihrer Zeit. Sie spielen gerne Rockabilly-Musik und lieben die Annehmlichkeiten ihrer Zeit. Talisa Lara spielte die die Tochter Virginia, die mit ihren elf Jahren noch ein Kind ist und als einzige sensibel, offen und ohne Vorbehalte auf das Gespenst zugeht und ihm hilft. In der Sorge um ihr Kind, überdenken die Eltern ihre Pläne schließlich noch einmal. Talisa Lara meisterte die schwierige Aufgabe, eine Elfjährige zu spielen mit viel Einfühlungsvermögen.

Rainer Kleinespel spielt das Gespenst von Canterville in all seinen komischen und tragischen Facetten.

Ob das Stück für kleine Kinder zu gruselig ist? Ich denke nicht, denn Kleinespel bringt trotz unheimlicher Montur immer ein gewisses Augenzwinkern mit, selbst beim fürchterlichsten Kettenrasseln. Wer hat eigentlich Angst vor wem? Schnell bekommen die Zuschauer Mitleid mit Sir Simon, denn er will eigentlich nur seine Ruhe.

Fazit: Ein Besuch auf Schloss Canterville lohnt sich auf jeden Fall.

Karten und weitere Infos  unter www.theaterdo.de

 




Zwischen Zweifel und Glauben

Talisa Lara, Laura, Rainer Kleinespel, Thorsten Strunk und Andreas Ksienzyk ©Hans Jürgen Landes
Talisa Lara, Laura, Rainer Kleinespel, Thorsten Strunk und Andreas Ksienzyk
©Hans Jürgen Landes

Was hat die Kommunion in unserer heutigen Zeit für eine Bedeutung? Ist der kritische Zweifel im Gegensatz zu früher abseits der Freude über die Geschenke festlicher Kleidung bei den Kindern größer? Autor Jörg Menke-Peitzmeyer hat unter anderem schon mit „Miriam, ganz in Schwarz“ im Kinder – und Jugendtheater oder den „Fangesängen“ in der Oper Dortmund von sich reden gemacht.

Unter der Regie von Antje Siebers hatte er nun am 25. September 2015 mit seinem neuen Stück „Kommunionkinder“(ab 9 Jahren) im KJT Premiere.

Zum Stück: Die zehnjährige Laura ist ganz aufgeregt vor ihrer bevorstehenden Erstkommunion. Besonders freut sie sich auf das zu erwartende Handy-Geschenk und ihr selbst ausgesuchtes Kleid. Sie lebt alleine mit ihrer Mutter, die ihr Geld als Krankenschwester verdient. Ihre drei Onkel Gabriel, Jochen und Dirk besuchen sie eine Woche vor dem Ereignis. Gabriel vertritt als Priester und Repräsentant der katholischen Kirche derer Dogmen, während Dirk eher glaubenskritische Haltung einnimmt. Dazwischen steht der lebensfrohe Jochen, der versucht, die Vermittlerrolle einzunehmen. Die drei sinnieren über ihre Kindheit und Kommunion in den 80iger Jahren.

Laura freut sich auf die Kommunion und will die Zeremonie schon einmal mit ihren Onkeln durchspielen und schon mal ihr Kommunionkleid anprobieren. Sie hat alles über den Messablauf und Jesus Leben auswendig gelernt. Doch kommen ihr manchmal Zweifel und sie hat kritische Fragen….

Talisa Lara (Laura), Andreas Ksienzyk (Gabriel), Rainer Kleinespel (Dirk) und Gastschauspieler Thorsten Strunk (Jochen) füllen ihre Rollen mit viel Humor, Ironie und Sensibilität für ihre Charaktere aus. Sie scheuen auch keine kleinen Tanzeinlagen und Gesang von Kirchenliedern.

Besonders die junge Tasia Lara beeindruckte in ihrer Rolle als lebendige und von Zweifeln geplagte Zehnjährige. Ein humorvoller Höhepunkt war sicher eine an die legendäre „Hitparade“ angelehnte, bis ins Kleinste zelebrierte „Hitparade der Kirchenlieder“.

Ein zentraler Satz des Stückes kam von Dirk. Als Laura die Frage „Was bedeutet Kommunion“ richtig beantwortet, zeigt er sich beeindruckt. Darauf erwidert Gabriel bissig: „Ja, Kommunionkinder sind eben nicht so blöd, wie du sie gerne hättest.“ „Sie sind nicht blöd, sie sind bloß jung.“, antwortet Dirk. Im Alter von 9-10 Jahren ist Jahren ist es sicherlich schwer, eine Entscheidung für eine Religionsgemeinschaft bewusst und frei zu treffen.

Die Bühne war war in schlichten Weiß gehalten und bot den Schauspielern Gelegenheit, nah an das Publikum heran zu kommen. Die weiße Wand im Hintergrund mit eingelassener Tür diente als Projektionsfläche. Ob nun für ein lustiges stilisiertes Kinderzimmer, als Hintergrund für ein Bibelquiz in Anlehnung an „Wer wird Millionär“ („Wer wird Kommunionkind“) oder wenn in Bildern gezeigt wurde, was für eine „Modeshow“ bei den Mädchen, ähnlich bei erwachsenen Bräuten, heutzutage zu sehen ist.

Kritische Fragen zum Ausschluss von Frauen vom Priesteramt, Kindesmissbrauch durch Bischöfe und Priester, die verpflichtende Beichte der „kleinen Sünden“ und weitere wurden angesprochen.

Da war der Song „Kann den Liebe Sünde sein“ mit einem“Höllenfeuer“ im Hintergrund auf der Projektionswand passend ausgewählt.

Die Entscheidung für Glauben an Gott oder eben nicht Glauben sollte letztendlich eine individuelle, höchst persönliche Entscheidung sein.

Weitere Vorstellungen gibt es am 18.10.15 (16 Uhr) und am 08.11.15 (16 Uhr). Für Schulklassen bieten sich die Aufführungen am 21.10.15, 04.11.15 und 05.11.15 jeweils um 11 Uhr an.