Musical-Statement für Toleranz und Vielfalt 

Im Dortmunder Opernhaus erlebte das Publikum am 17.06.2026 die deutsche Uraufführung des Musicals „Alle reden nur noch von Jamie“. Es ist ein partizipatorisches Projekt der der „Jungen Oper Dortmund“, dass sich in der Drag-Szene bewegt. 



Beteilig daran war das Ensemble der Opern Youngstes (We Do Opera!), Schüler*innen des Märkischen Gymnasiums Iserlohn & Gäste. 

Live begleitet wurde das Geschehen auf der Bühne sensibel von der YoungSymphonics Band (We Do Opera!) 

Grundlage war das Buch (und Gesangstexte) von Tom Macrae (Deutsch: Werner Sobotka), Musik von Dan Gillespie. Das Ganze entstand nach einer Idee von Jonathan Butterell. 

Dominik Kulczyński, Ensemble. Foto: (c) Björn Hickmann
Dominik Kulczyński, Ensemble. Foto: (c) Björn Hickmann

Zum Plot: Der 16-jährige Jamie New aus Sheffield, stark gesungen und gespielt von Dominik Kulczyński, hat einen großen Traum. Er möchte hoch hinaus und Drag-Queen werden. Tatkräftig unterstützt wird er nur von seiner Mutter Margret New (Marja Hennicke), deren beste Freundin Ray (Freddy Kutz). Sein Vater (Martin Lasche) lehnt in ab und hat eine neue Familie gegründet. In der Schule ist er Außenseiter wie seine gute Freundin Pritti Pasna (Lilly Sophie Kastner), eine ehrgeizige Muslima. Eine wichtige Person ist Hugo, die ehemalige Drag-Queen „Loco Chanelle“. Für diese Rolle konnte Ks. Hannes Brock gewonnen werden, der sie mit Spielefreude und seiner Persönlichkeit ausfüllte. Wir begleiten Jamie auf seinen schwierigen Weg zur Selbstfindung. 

Die Songs wurden mit ihren tiefen Emotionen vom Ensemble von der Bühne aus herübergebracht. Die jeweiligen Ortschaften per Leinwandprojektionen präsentiert. 

Die Fans der Drag-Szene kamen auf ihre Kosten. Es gab viele schillernde Kostüme (Nina Albrecht-Paffendorf) zu sehen und die Maskenabteilung hatte gute Arbeit geleistet. Es gab viel Zwischenapplaus und das Publikum reagierte impulsiv auf Handlung, den eindringlichen Gesang oder der gelungenen Choreografien (Jutta Maas). Der Abend wurde mit dreieinhalb Stunden (inklusive Pause) lang. 

Es war eine unterhaltsam-bewegende Coming-of-Age Geschichte, eine Hommage an die Drag-Szene, aber vor allem ein Plädoyer für Toleranz, Vielfalt und den Mut zur Selbstakzeptanz. 

Die weiteren Aufführungstermine erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de der Tel.: 0231/ 50 27 222




Märchenhaft-fantasievolles philharmonisches Konzert 

Das 8. Philharmonische Konzert am 09. und 10.06.2026 im Dortmunder Konzerthaus war ganz von Fantasie und musikalischen Märchenwelten geprägt. Im 19. Jahrhundert rückte die Kindheit zunehmend als bedeutsame Entwicklungsphase in den Mittelpunkt des Interesses. Die Dortmunder Philharmoniker unter der feinfühligen Leitung von Nodoka Okisawa (geb. 1987) entführten das Publikum mit Werken von Ravel, Yoshimatsu und Mozart in eine ganz besondere Klangwelt. 



Maurice Ravel (1875–1937) war eine führende Stimme der damaligen jungen Generation. Mit seiner Suite „Ma mère l’oye“ („Meine Mutter Gans“) entwarf er eine stilisierte Welt der Kindheit. Die ersten beiden der fünf Sätze basieren auf den Märchen „Dornröschen“ und „Der kleine Däumling“, während der dritte Satz das fantasievolle Bild einer badenden chinesischen Herrscherin zeichnet, die von winzigen Dienern umgeben ist. Ravels Musik besticht dabei durch reizvolle Harmonien und einen enormen Reichtum an Klangfarben. 

Das anschließende zeitgenössische Fagottkonzert „Unicorn Circuit op. 36“ des japanischen Komponisten Takashi Yoshimatsu (geb. 1953) ist zwischen Lyrik und Mythologie angesiedelt. In drei Sätzen führt die Fantasiereise stimmungsvoll durch die Jahreszeiten Herbst, Winter und Frühling. Dabei ist die Musik von einem steten Wechsel zwischen traditioneller Tonalität mit ruhigen, meditativen Elementen und avantgardistisch-dissonanten Abschnitten geprägt. Die 1991 in Frankreich geborene Fagottistin Sophie Dervaux stellte hier eindrucksvoll ihr außergewöhnliches Können und ihre Virtuosität unter Beweis. 

Sophie Dervaux spielte das zeitgenössische Fagottkonzert „Unicorn Circuit op. 36“. Foto: (c) Marco Borggeve
Sophie Dervaux spielte das zeitgenössische Fagottkonzert „Unicorn Circuit op. 36“. Foto: (c) Marco Borggeve

Nach der Pause setzte die Sinfonie Nr. 41 C-Dur KV 551 („Jupiter-Sinfonie“) von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) einen glanzvollen Schlusspunkt. Mit ihrer Klarheit, Präzision, kontrastreichen Themenführung und scheinbaren Leichtigkeit gilt sie als absoluter Höhepunkt der Schaffenskraft des Komponisten – und das in einer Zeit schwerer psychischer und finanzieller Belastungen. Das Werk bildet eine geniale Verbindung aus kontrapunktischer Fuge und klassischer Sinfonie, getragen von einer gelungenen Balance zwischen festen Strukturen und beweglichen Formgliedern. Das volkstümlich-barocke Leichte verschmilzt hier perfekt mit dem kompositorisch Schweren. Eine ganz besondere Ausdruckskraft entfaltet schließlich das grandiose Finale im vierten Satz, dessen ausgedehnte Fuge die Krone aufsetzt.




Grand opéra im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals 

Das Klangvokal Musikfestival Dortmund bot mit „La Favorite“ von Gaetano Donizetti (1797–1848) am 07.06.2026 wieder einmal ein besonderes konzertantes Opernerlebnis im hiesigen Konzerthaus. 



Dieses Werk ist geprägt von einer gelungenen Verbindung französischer theatraler Monumentalität und italienischer, ausdrucksstarker melodischer Schönheit. Gesungen wurde in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln. 

Im Zentrum von „La Favorite“ steht die dramatische Konstellation um den historischen König Alfons XI. von Kastilien, seine Mätresse Léonor de Guzmán und deren große Liebe zum jungen Fernand. Zwischen Klosterwelt, höfischer Macht, der Einflussnahme der katholischen Kirche und individueller Leidenschaft entwickelt sich ein packendes Drama. Standesunterschiede, Schuldgefühle, Missachtung und ein veralteter Ehrbegriff führen schließlich zu einem tragischen Ende. 

Die Solisten (v.l.n.r.) Angel Macias, Suzanne Jerosme und Bogdan Talos. (Foto: (c) Karen Elias)
Die Solisten (v.l.n.r.) Angel Macias, Suzanne Jerosme und Bogdan Talos. (Foto: (c) Karen Elias)

Die für das Konzert aufgebotenen internationalen Stars der Opernszene machten die verschiedenen Emotionen gesanglich, mimisch sowie gestisch spürbar. Als Léonor überzeugte die Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan (aus Jerewan), während der australisch-chinesische Tenor Kang Wang der Rolle des Fernand besondere Eindringlichkeit verlieh. Mit seinem warmen Bariton begeisterte zudem der aus Neapel stammende Vito Priante als König Alphonse XI. 

Ihr großes gesangliches Können bewiesen auch die französische Sopranistin Suzanne Jerosme als Inez (Vertraute), der in Mexiko geborene Tenor Angel Macias als Don Gasparo (Offizier des Königs) und Bogdan Talos mit seinem tiefen Bass in der Rolle des Balthazar (Prior des Klosters San Giacomo). 

Das Ensemble des WDR Funkhausorchesters unter der temperamentvollen Leitung des italienischen Belcanto-Dirigenten Antonino Fogliani sorgte für eine feinfühlige und je nach Ort der Handlung differenzierte musikalische Begleitung. Zudem untermalte der WDR Rundfunkchor (Einstudierung: Alexander Lüken) das Geschehen eindrucksvoll und stimmgewaltig aus dem Hintergrund. 

Sendehinweis: Der Konzertmitschnitt wird am 4. Juli 2026 um 20:00 Uhr auf WDR 3 und weiteren Sendern der ARD ausgestrahlt. 




Romeo-und-Julia-Motiv mit besonderem Blickwinkel 

Im Opernhaus Dortmund feierte am 30.05.2026 die Ballettchoreografie „Radio and Juliet“ von Edward Clug (Artist in Residence) mit dem NRW-Juniorballett ihre Premiere. Clug gelang vor über zwanzig Jahren mit dieser Choreografie in Maribor der internationale Durchbruch. In diesem Werk wird die bekannte tragische Liebesgeschichte von Romeo und Julia – geprägt von Familienzwist, Machtstrukturen und Rivalitäten – aus einem besonderen Blickwinkel erzählt: Der Fokus liegt ganz auf den inneren Empfindungen der weiblichen Protagonistin. Wie in einem Wachtraum wird das Publikum in die Gedanken und Emotionen von Juliet geführt. 



Schon zu Beginn werden die Anwesenden per Schwarz-Weiß-Videoclip (Janja Glogovac) behutsam in das Anwesen und die Gemächer von Juliet geleitet. Das Stück beginnt mit dem Erwachen von Juliet, die hier nicht gestorben ist. Gemeinsam mit ihr durchleben wir die vorherigen Geschehnisse: den Familienstreit, die wachsende Liebe zwischen ihr und Romeo, Gangrivalitäten sowie den Tod von Mercutio und Romeo. 

Das junge Ballett-Ensemble überzeugte mit solidem, präzisem Tanzhandwerk in Verbindung mit modernen künstlerischen Ausdrucksformen. Jede Geste sowie die kurzen Momente des abwägenden Innehaltens und der Besinnung besaßen eine tiefe Bedeutung. Was wäre, wenn man durch eine selbstbestimmte Handlung das scheinbar unausweichliche Schicksal ändern könnte? Das Stück zeigt einen zarten Widerstand und Zweifel gegen das endgültige „So ist es nun einmal und so muss es sein“. 

Liberty Fergus, Kaining Dong. Foto: (c) Leszek Januszewski
Liberty Fergus, Kaining Dong. Foto: (c) Leszek Januszewski

Die Frage nach alternativen, friedlichen Lösungen ist auch in unseren heutigen Krisenzeiten von aktueller Bedeutung. 

Ein Resonanzraum voll Emotionen wurde durch die sphärisch intensive, mal pulsierende, dann wieder melancholisch-nachdenkliche Musik von Radiohead eröffnet. Das Zusammenwirken von Körperbewegung und Musik führte zu einem berührenden Erlebnis zwischen Gefühlstiefe, Zerbrechlichkeit und spannungsgeladenen Momenten. 

Für das NRW-Juniorballett war dies eine große Herausforderung, die die Compagnie mit professioneller, jugendlicher Energie, großem Können und Engagement meisterte. 

Weitere Aufführungstermine finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.




Ein philharmonisches Konzert voller Virtuosität 

Im Zentrum des 7. Philharmonischen Konzerts am 19./20. Mai 2026 im Konzerthaus Dortmund standen instrumentale Virtuosität und pure Spielfreude. Besonders deutlich wurde dies beim zweiten, zeitgenössischen Programmpunkt: Mit „ad absurdum“ (Konzertstück für Trompete und kleines Orchester) von Jörg Widmann (*1973) wurden jedoch auch die Ambivalenz und die Schattenseiten dieser Virtuosität beleuchtet. Die historische Entwicklung der Virtuosität führte einerseits zu immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten und einem Spiel mit musikalischen Grenzen; andererseits drohte stets die Gefahr eines bloßen Schielens auf sinnentleerte, rein überwältigende Effekte für das Publikum. 



Die Dortmunder Philharmoniker unter der souveränen Leitung von Patrick Lange konnten schon zu Beginn bei der Musik zu Felix Mendelssohn Bartholdys „Ein Sommernachtstraum“ (op. 21 und op. 61) ihr virtuoses Können unter Beweis stellen. Die anspruchsvollen, flimmernden Streicherpassagen in der Ouvertüre zu Shakespeares Komödie waren dafür bereits ein prägnantes Beispiel. Die Musik des Komponisten ist geprägt von einer geheimnisvoll-romantischen, märchenhaften Stimmung, zwischen die sich immer wieder kraftvoll-ernste Momente mischen. 

Das folgende Werk „ad absurdum“ riss das Publikum mit Sergej Nakariakov (*1977 in Gorki, heute Nischni Nowgorod) als Meister an der Solotrompete und einer kleineren Orchesterformation in einen unglaublichen Strudel der Virtuosität. Um das Stück zu bewältigen, war eine extreme Atemtechnik des Trompeters notwendig – das Ganze grenzte phasenweise an die physische Schmerzgrenze. Zum Ende des Konzertstücks kam als Spitze der Absurdität eine mechanische, mit Lochstreifen betriebene Drehorgel von der Seite zum Einsatz. 

Der Solist des Abends: Sergej Nakariakov an der Trompete. (Foto: (c) Thierry Cohen)
Der Solist des Abends: Sergej Nakariakov an der Trompete. (Foto: (c) Thierry Cohen)

Die Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 von Ludwig van Beethoven (1770–1827) war nach der Pause mit ihrer gesteigerten, virtuosen Spielfreude ein wahrer Genuss und ein gelungener Abschluss. Sie entstand in einer äußerst produktiven und positiven Phase des Komponisten, noch vor dem vollständigen Verlust seines Gehörs. Nach dem beklemmenden Charakter der Einleitung zeugt diese Sinfonie im weiteren Verlauf von purem Elan, heiterer Stimmung und unbändiger Kreativität. Das zeigte sich vor allem im letzten Satz, der nur so vor guter Laune sprüht. 

Ein Programm, das den Akteuren alles abverlangte – und das Publikum begeisterte. 




Eine intensive und zärtliche Chronik des Vaterseins 

Uraufführung im Studio Schauspiel Dortmund

In der intimen Atmosphäre des Studio Schauspiel fand am 13.05.2026 die Uraufführung des Solo-Programms „Nachrichten an meinen Sohn“ statt. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Alejandro Zambra (* 1975 in Santiago de Chile). Es erzählt die Geschichte des Vaterseins in kurzen Erinnerungen, Briefen und Momentaufnahmen des Autors an seinen Sohn Silvestre.

Ein Darsteller mit vielen Talenten

Susanne Lange übersetzte den Roman aus dem Spanischen, während Leonard Dick für Regie und Ausstattung verantwortlich zeichnete. Als Solo-Schauspieler brachte Ekkehard Freye vom Dortmunder Ensemble dem Publikum diese zärtliche Lebensgeschichte näher. Er tat dies mit einer sehr lebendigen und humorvollen Art. Zudem zeigte er nicht nur sein schauspielerisches Können, sondern am Klavier auch sein musikalisches Talent. Daher stehen abwechselnd zwei Beziehungen im Fokus: die liebevolle Bindung des Autors zu seinem Sohn und das Verhältnis zum eigenen Vater.

Nachrichten an meinen Sohn: Ekkehard Freye (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Nachrichten an meinen Sohn: Ekkehard Freye (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Alte Rollenbilder im Wandel

Alejandro bricht mit den alten, starren Rollenbildern. Deshalb begleitet er jeden Schritt seines Sohnes mit großer Freude und Unterstützung. Darüber hinaus führt er eine gleichberechtigte Beziehung mit Jazmina, der Mutter des Kindes. Sein eigener Vater steckt dagegen noch im traditionellen „Machismo“ fest. Dieser prägt mit seinen festen Regeln für Mann und Frau das Leben in der Familie.

Bücher und Fußball auf der Bühne

Der Wunsch, das Beste für die Kinder zu tun, verbindet jedoch alle Eltern. Ebenso kennen fast alle die angstvolle Sorge, Fehler zu machen. Die gemeinsame Liebe zu Büchern sorgt schließlich für eine langsame Annäherung zwischen den Generationen.

Dass Literatur hier eine große Bedeutung hat, zeigen auch die vielen Bücher auf dem Bühnenboden. Das Stück beschreibt zudem sehr begeistert, wie das Vorlesen des ersten Kinderbuches auf Silvestre wirkt. Neben der Literatur greift die Inszenierung auch die gemeinsame Liebe zum Fußball auf – konkret zum chilenischen Club Colo-Colo.

Gezielt eingespielte spanische Original-Tonaufnahmen (Ton: Björn Netten) und passende Musik (Andrej Agranovski) begleiten das Geschehen auf der Bühne sehr eindringlich. Am Ende belohnte das Publikum diese starke und intensive Darbietung mit reichlich Applaus.


  • Weiterer Vorstellungstermin (unter anderem): Fr., 19. Juni 2026 um 20:00 Uhr
  • Nähere Infos: wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231 / 50 27 222



Brahms-Zyklus im Konzerthaus Dortmund

Am 28. und 29. April 2026 fand im Konzerthaus Dortmund ein besonderer Brahms-Zyklus statt. Sinfonien von Johannes Brahms stehen zwar landauf, landab auf den Konzertprogrammen, doch die Gelegenheit, alle vier Werke im unmittelbaren, ungestörten Zusammenhang eines Zyklus zu erleben, ist selten. Die Dortmunder Philharmoniker unter der souveränen Leitung von Generalmusikdirektor Jordan de Souza nutzten diesen Anlass, um den tiefen Verbindungen zwischen den Werken nachzuspüren und die musikalische sowie persönliche Entwicklung des Komponisten greifbar zu machen.
Ein gemeinsamer Beitrag von Lisa und Michael Lemken



Erster Abend: Sinfonie Nr. 1 und 2 (28. April 2026)

Der dramatische Durchbruch: Die 1. Sinfonie

Der Weg, den Brahms bis zu seiner ersten Sinfonie zurücklegen musste, war lang und steinig. Er fühlte stets den „Riesen“ Beethoven hinter sich marschieren. Die 1. Sinfonie ist ein Werk des Durchbruchs im doppelten Sinn: Sie markiert nicht nur Brahms’ eigenen Durchbruch als Sinfoniker, sondern thematisiert diesen Prozess auch in der Musik selbst.

Der Abend begann bereits dramatisch mit einem Paukenschlag. Das Werk besticht durch zwei gewichtige Einleitungen und eine durchgehend dramatische Grundhaltung. Im Finalsatz, der sich kontrapunktisch dem Zitat der „Jupiter“-Sinfonie von Mozart nähert, schien die alte Europahymne aus dem Barock auf, bevor der Durchbruch am Ende durch die majestätische Wiederkehr eines Chorals gelang.

Der helle Gegenpol: Die 2. Sinfonie

Die 2. Sinfonie bildet einen völligen Gegensatz zur Ersten. Wo dort Düsternis und Dramatik herrschten, dominieren hier Helle und Idylle. Beide Werke stehen jedoch nicht unverbunden nebeneinander, sondern bilden ein widersprüchliches Gefüge. Die Sinfonie beginnt mit einer vorsichtig tastenden Einleitung, in der die Musik noch auf dem Weg zu sich selbst ist.

Ein Dirigent der Kontraste

Geleitet wurden die Dortmunder Philharmoniker von Jordan de Souza, der sich als vielseitiger und international renommierter Dirigent präsentierte. Seine stilistische Bandbreite und interpretatorische Tiefe halfen dabei, die feinen Nuancen und historischen Bezüge präzise herauszuarbeiten. Das Publikum verabschiedete die Musiker nach diesem ersten Teil mit großem Applaus und Standing Ovations.

Zwei intensive Abende mit Musik von Johannes Brahms.
Zwei intensive Abende mit Musik von Johannes Brahms.

Zweiter Abend: Sinfonie Nr. 3 und 4 (29. April 2026)

Ein origineller und traditionsverhafteter Aufbau: Die 3. Sinfonie

Auch an diesem zweiten Tag meisterten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Jordan de Souza die technischen und physischen Herausforderungen mit Bravour. Der erste Satz der 3. Sinfonie begann erneut mit einem Paukenschlag. Das bedrohlich Dunkle ist hier kontrastreich zur lebhaften, hellen Stimmung gesetzt und musikalisch im Hintergrund präsent, wodurch die komplexe Persönlichkeit des Komponisten mit all ihren Widersprüchen spürbar wird. Eine bedeutende Rolle für Brahms spielte dabei die hohe Messlatte von Beethovens 9. Sinfonie sowie seine Konkurrenz zum neuen Giganten Richard Wagner.

Im zweiten Satz erscheint der „Grazioso“-Typus, eine Kreuzung zwischen einem langsamen Satz und einem Scherzo. Eine große Überraschung bietet der dritte Satz: Das traditionelle Scherzo wird durch eine in die Tiefe gehende, wehmütige Romanze ersetzt. Dieser emotionale Teil spiegelt Brahms’ Persönlichkeit und sein Leben wider – man denke nur an seine komplizierte Beziehung zu Clara Schumann.

Ambivalenz und barocke Strenge: Die 4. Sinfonie

Die 4. Sinfonie enthält – als Zeichen der Ambivalenz und trotz ihrer negativen Grundstimmung – an dieser Stelle das einzige echte Scherzo des Zyklus. Dieser Satz strotzt förmlich vor guter Laune und Übermut. Der gesangliche zweite Satz entspricht dagegen dem Charakter des langsamen Satzes der 1. Sinfonie.

Eine entscheidende Neuerung bietet der vierte Satz: Dieses Finale wurde vom Komponisten als barocke Passacaglia (ein Variationssatz mit beibehaltenem Thema im Bass) konzipiert. Dies stellt eine scheinbar ungewöhnliche Rückbesinnung auf Johann Sebastian Bach dar, war aber zugleich eine radikale Neuerung in der Ausdrucksebene. Brahms gestaltet so eine spannungsvolle Musik von schonungsloser Negativität. Es ist ein illusionsloses Finale, das im starken Kontrast zu Beethovens letzter Sinfonie mit ihrer Ode an die Freude steht.

Fazit

Es war ein furioser Zyklus, der dem Publikum nicht nur die Musik von Johannes Brahms, sondern auch den Menschen dahinter ein Stück nähergebracht hat.




Johann Sebastian Bachs Fugentechnik im Epochendialog

Unter dem Titel „Die Kunst der Fuge im Dialog“ luden die Dortmunder Philharmoniker zu ihrem 3. Kammerkonzert an einen besonderen Ort ein: Die hiesige Marienkirche bot am 23. April 2026 den idealen Rahmen für diesen musikalischen Abend. Das Ensemble – bestehend aus Nemanja Belej und Vera Plum (Violine), Minori Tsuchiyama und Pablo González (Fagott) sowie Ursula Hobbing am Cembalo – bescherte dem Publikum ein außergewöhnliches Hörerlebnis.



Johann Sebastian Bach (1685–1750) lotete in seinem Spätwerk „Die Kunst der Fuge“, das bis zu seinem Tod unvollendet blieb, die Grenzen der formalen Fugentechnik und des Kontrapunkts aus. Nach der Vorstellung des Themas durch die Exposition der ersten Stimme entwickelt sich ein komplexes Geflecht aus Themenaufnahmen in verschiedenen Tonarten und Variationen durch die weiteren Instrumente. Es entsteht ein Gefüge völlig selbstständiger und gleichwertiger Stimmen. Die Zuhörenden werden so Schicht für Schicht in die Tiefe des Werks gezogen, ohne dass eine einzelne Stimme die Oberhand gewinnt.

Das Programm war jedoch nicht rein monolithisch auf Bach ausgerichtet. Stattdessen traten seine Fugen in einen spannenden Dialog mit Werken unterschiedlicher Epochen. Die Auswahl reichte von Bachs direktem Vorbild Girolamo Frescobaldi (1583–1643) über den spätromantischen Virtuosen Eugène Ysaÿe (1858–1931) bis hin zu den zentralen sowjetischen Komponisten Sofia Gubaidulina (1931–2025) und Edison Denisov (1929–1996). Abgerundet wurde der Bogen durch den zeitgenössischen usbekischen Komponisten Jakhongir Shukur (*1981).

Bach und Co. - Die Kunst der Fuge in Jahrhunderten.
Bach und Co. – Die Kunst der Fuge in Jahrhunderten.

Alle ausgewählten Komponisten beziehen sich auf ihre jeweils eigene, oft kontrastreiche Weise auf Bachs Tonsprache. Für die Interpreten stellte dies eine reizvolle Herausforderung dar: Die warme, klare Ausdruckskraft der Fagotte harmonierte dabei hervorragend mit den eindringlichen Klängen der Violinen und des barocken Cembalos.

Insgesamt präsentierten die Philharmoniker ein abwechslungsreiches und mutig zusammengestelltes Programm. Die Kammerkonzerte erwiesen sich erneut als wunderbare Gelegenheit, die Musikerinnen und Musiker des Orchesters sowie ihre Instrumente in intimer Atmosphäre aus nächster Nähe zu erleben.




Junge Wilde – Randell Goosby im Dortmunder Konzerthaus

Im Rahmen der Reihe „Junge Wilde“ waren am 20.04.2026 im Konzerthaus Dortmund der amerikanische Geiger Randall Goosby, die junge Cellistin Minjoung Kim und Zhu Wang am Klavier zu Gast.

Auf dem Programm standen drei Klaviertrios von unterschiedlichen Komponisten aus verschiedenen Jahrzehnten.



Zu Beginn erklang das Klaviertrio e-Moll (1893) des eher unbekannten Komponisten Samuel Coleridge-Taylor (1875–1912). Dieser hatte nicht nur – wie beispielsweise sein Kollege Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) – damit zu kämpfen, im Schatten des übermächtigen „Musik-Titanen“ Ludwig van Beethoven (1770–1827) zu stehen, sondern erfuhr als Sohn eines schwarzen Vaters aus Sierra Leone zudem gesellschaftliche Widerstände. Mit großer musikalischer Sensibilität vermittelte das Trio dem Publikum die Dramatik des ersten Satzes sowie die weitere Entfaltung des thematischen Materials mit all seinen Wendungen bis hin zum temporeichen Finale.

Das darauffolgende Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 49 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1839) ist geprägt von einem eher ungewöhnlichen Beginn mit einer langgezogenen, sich entwickelnden Kantilene. Das Klavier führt hierbei virtuose Gedanken in den Dialog der Instrumente ein. Im Andante stellt das Tasteninstrument das sich liedhaft entfaltende thematische Material vor, das fließend von einer Wellenbewegung der Streicher getragen wird und sich am Ende zur Elegie ausweitet. Das anschließende Scherzo weckt Assoziationen an Waldgeister oder Elfentänze.

Randell Goosby spielte im Konzerthaus. (Foto; (c) Kaupo Kikkas)
Randell Goosby spielte im Konzerthaus. (Foto; (c) Kaupo Kikkas)

Das unscheinbare, jedoch tiefgründige Klaviertrio Nr. 7 B-Dur op. 97 „Erzherzog“ (1811) – von Beethoven seinem Gönner Erzherzog Rudolph gewidmet – weist keinen dramatischen Unterton auf. Vielmehr bietet es einen eher unbekümmerten und ausladenden Klanggesang, der sich flächig ausbreitet. Erstmals lässt der Komponist das Klavier ein Trio allein beginnen – ein Zeichen der Nicht-Unterordnung dieses Instruments. Immer wieder sind volkstümliche Weisen zu hören, besonders im wienerischen Scherzo, das wie ein kleiner Walzer anmutet. Im Andante wird gekonnt mit unterschiedlichen Charakteren gespielt. In diesem etwas sperrig klingenden Satz dauert es einige Zeit, bis alle Instrumente die Melodien voll aussingen dürfen. Der Schlusssatz beginnt zunächst harmonisch, hält gegen Ende jedoch noch einige musikalische Überraschungen bereit.




Bewegende Abschiedsgala des alten Schauspielhauses Dortmund

Einen besonderen Moment in der nun schon über fünfzig Jahre andauernden Geschichte des Schauspiels Dortmund konnte das anwesende Publikum am 26.03.2026 (oder alternativ am Sonntag, dem 29.03.2026, um 18:00 Uhr) miterleben.



Mit der feierlich-bewegenden Gala „Glitzer, Glamour und Goodbye“ verabschiedete sich das Schauspiel von seiner großen Bühne am Hiltropwall. Es war ein emotionaler Abend mit Unterhaltung, humorvollen Rückblicken, viel Musik und Gesang sowie hoffnungsvollen Ausblicken in die Zukunft.

Zum Programmheft der Abschiedsgala gab es auch Sammelbilder zum Einkleben.
Zum Programmheft der Abschiedsgala gab es auch Sammelbilder zum Einkleben.

Durch das Programm, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschickt miteinander verband, führten mit Charme und humorvoller Ironie die Diversitätsmanagerin Ella Steinmann sowie das Ensemblemitglied Viet Anh Alexander Tran. Es wurden nicht nur unvergessliche Szenen aus Publikumserfolgen wie „Das Kapital: Das Musical“, „Was ihr wollt“ oder „On Air“ auf der Bühne zum Besten gegeben, sondern es wurden auch zahlreiche Ensemblemitglieder – vom jüngsten Neuzugang (Luis Quintana) bis zum Dienstältesten (Ekkehard Freye) – zu ihren persönlichen Erfahrungen und prägenden Erlebnissen in diesem Haus befragt.

Eingespielt wurden zudem Videobotschaften von nicht anwesenden Ensemblemitgliedern sowie den wichtigen Kräften im Hintergrund (Gewerke, Technik, Beleuchtung u. a.). Die Lieblingssongs des Ensembles (z. B. „Let Me Entertain You“ und „I Will Survive“) wurden mit kraftvollen Stimmen dargeboten und luden zum Mitklatschen und Mitsingen ein. Eine Live-Band – bestehend aus Klara Brandi, Björn Netten und Martin Engelbach – begleitete die Auftritte musikalisch.

Zudem gab es kleine, interessante Einblicke in die kommenden Premieren von „Nachrichten an meinen Sohn“ und „Die Dreigroschenoper“ (samt einer Kartenauslosung). In einem humorvollen Video führte „Frau Kunstmann“ (Antje Prust) auf einem E-Scooter die Anwesenden zum neuen Standort für das Jahr 2027, der aktuell noch eine Baustelle ist.

Der Betrieb im Studio und im Institut wird mit Produktionen wie „Angst essen Seele auf“ oder „Winterreise“ weitergeführt. Dort wird das Publikum auch künftig zu neuen Formaten, Workshops und Lesungen eingeladen. Ab April 2026 wird der Spielbetrieb vorübergehend auf dem Gelände der Kokerei Hansa fortgeführt (unter anderem mit Brechts „Dreigroschenoper“ ab dem 4. Juni oder Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“).

Die mobile Bühne im Stadtraum, die „Ape(lina)“, macht auch weiterhin jede Woche an einem anderen Ort mitten in der Stadt Halt. Für 2027 ist schließlich der Umzug an den neuen Standort (im ehemaligen C&A-Gebäude) geplant.

Mit viel Power soll es nun in die Zukunft des Schauspiels gehen.