Geschaffen. Geschwitzt. Gehofft.

Ausstellung im Hoesch-Museum zu 150 Jahren Arbeit auf der Westfalenhütte

Am Sonntag, dem 10. Oktober 2021 eröffnet die Sonderschau „Geschaffen. Geschwitzt. Gehofft.“ im HOESCH MUSEUM in der Eberhardtstraße (Endstelle U44 in der Nordstadt) Westfalenhütte.

Am 1. September 1871 wurde die Westfalenhütte als Eisen- und Stahlwerk der Familie Hoesch in Dortmund gegründet und prägte über 100 Jahre lang den Stadtteil rund um den Borsigplatz. Jetzt zum 150. Jahrestag zeigt das Hoesch-Museum nun die Ausstellung die Menschen, die bei HOESCH „Geschaffen. Geschwitzt. Gehofft“. haben in den 150 Jahre Arbeit auf der Westfalenhütte.

Vom 10. Oktober 2021 bis 23. Januar 2022 geht es um Menschen, Arbeitsplätze und Geschichten des einstmals größten Arbeitgebers der Stadt. Das HOESCH MUSEUM möchte sie einladen diese Ausstellung zu besuchen, um ihnen die Schaffenden vorzustellen, ohne die HOESCH nicht geworden wäre, was es wurde.

Der Lageplan der Westfalenhütte zeigt die großen Dimensionen des Werkes.
Der Lageplan der Westfalenhütte zeigt die großen Dimensionen des Werkes.

Dabei werden Ihnen Aspekte gezeigt, die Ihnen beim ersten Augenblick nicht einfallen würden. Oder wie sich, die durch HOESCH geförderte Bildung und Aus- und Weiterbildung auf die Belegschaft ausgewirkt hatte. Wie sehr auch das soziale Engagement einfloss in die Sozialgesetzgebung des Kaiserreiches, der Weimarer Republik und der Bundesrepublik.

1991 wurde die gerade erst zukunftsfähig gemachte HOESCH AG im Zuge der ersten fremdfinanzierten feindlichen Übernahme vom damals hoch verschuldeten KRUPP-Konzern aufgekauft. Diese Übernahme, wie auch die Art der Übernahme, eines deutschen Aktienunternehmens ging in die bundesdeutsche Wirtschaftsgeschichte ein.

Die Westfalenhütte im Dortmunder Nordosten hat eine sehr lange Tradition als Standort der Schwerindustrie im Ruhrgebiet und gilt als die Wiege der früheren Hoesch AG. Sie wurde von dem Dürener Eisenfabrikanten Leopold Hoesch, seinen Söhnen Wilhelm und Albert Hoesch sowie seinen Vettern Viktor und Eberhard Hoesch im Jahre 1871 errichtet. Im Zenit des deutschen Wirtschaftswunders waren auf ihr 25.000 Mitarbeiter beschäftigt. Unter den sogenannten Hoeschianern entstand im Laufe der Zeit der Begriff Karl Hoesch, eine liebevoll gemeinte Respekterklärung, die als pars pro toto besonders für alles steht, was mit dem Stahlunternehmen Hoesch AG zu tun hat.

Die Westfalenhütte besaß mit dem Bahnhof Dortmund-Hoesch einen eigenen Haltepunkt.

Am 15. Juni 1989 besuchte der damalige Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow die Westfalenhütte und hielt vor 8500 Stahlarbeitern in der Conti-Glühe eine Rede.

In jedem Ende liegt hoffentlich immer auch neuer Anfang … Anders als im gelobten Land, kennt Deutschland so wie keine Rustbelts, in der vergessene Menschen von einer brutalisierten Wirtschaft ausgespuckt und liegen gelassen werden …

2001 an Jiangsu Shagang verkauft. Die Anlagen wurden zerlegt, nach China transportiert und dort wiederaufgebaut.

Ein reduzierter, industrieller Kernbereich sollte beibehalten und das Gelände der ehemaligen Sinteranlage als Logistikfläche vermarktet werden.

Für Dortmund ergab sich die Chance zur raschen und relativ unproblematischen Entwicklung einer neuen, die nördliche Innenstadt entlastenden Straßenverbindung in Ost-West-Richtung, wie neues Baugelände zur Stadterweiterung, um die explodierenden Mieten durch neuen Wohnraum abzufedern.




Mach mit, wir pflanzen am Hafen einen Schmetterlingsgarten für ALLE!

Das Künstlerhaus Dortmund, sonst sich der Kunst und Kultur in Dortmund widmend, patroniert einen Schmetterlingsgarten in der Dortmunder Nordstadt – an der Landwehrstraße/Ecke Kesselstraße, rückwärtig zur Schule am Hafen. 650n² ehemals brachliegender, vermüllter und verwahrloster Fläche wird zu einem Paradies für Mensch und Fauna.

Am Samstag, dem 2. Oktober ab 17:00 laden das Künstlerhaus und die Initiatoren des 7000 Schmetterlinge Gartens, Barbara Koch und Susanne Lilienfeldt in den Graten an der Landwehrstraße ein. Die Mountain Swing Band sorgt am Samstag für die swingende Beschallung.

Das Gartenprojekt richtet sich an alle die daran Interesse haben einen naturnahen Lebensraum für sich und die Schmetterlinge und andere Insekten haben … denn unsere Früchte aus unseren Gärten und Feldern der Bauern brauchen die Insekten zur Bestäubung. Leider grassiert gerade unter den Insekten das Artsterben, nicht nur durch Bayer/Monsantos Round Up, Glyphosat, sondern auch durch die Umweltzerstörung durch uns Menschen. Wir versiegeln zusehends Flächen, schaffen schicke Steingärten ohne Blumen, englische Rasenödländer und andere für Insekten lebensfeindliche Umweltbedingungen.

Susanne Lilienfeldt vor dem geplanten Schmetterlingsgarte
Susanne Lilienfeldt vor dem geplanten Schmetterlingsgarten.

Wer hört denn noch Morgens Vögel im Baum vor dem Haus zwitschern?

Und wer will wie in einigen Gegenden Chinas schon üblich im Akkord Blüten bestäuben … eine Biene alleine bestäubt 20x so viel wie besten Bestäuber in China mit 12.000 Blüten …

Wir brauchen die Umwelt, die Natur um zu leben, zu atmen und zu essen … aber die Natur braucht nicht uns den Homo Sapiens.

In der Landwehrstraße in der Nordstadt, dem Stadtteil mit der größten Kulturvielfalt in Dortmund ist also diese für alle Bürger/Bewohner*innen, Schüler*innen, der Nachbarschaft und Stadt offene Projekt, das seit Oktober 2020 immer mehr Gestalt und Form annimmt. Denn gemeinsam mit allen Teilnehmer*innen, unterstützt von Hauseigentümer*innen, schaffen die Künstlerinnen Koch und Lilienfeldt, und das Künstlerhaus, einen Ort der Vielfalt für Menschen und Natur, eine neue Kulturenvielfalt, und Begegnung.

Der Name des Projektes ist angelehnt an das 7000 Eichen Projekt von Josef Beuys, der einst 7000 Eichen pflanzte, lange vor der nun dringenden Notwenigkeit von mehr Bäumen zur Bekämpfung des CO₂ Ausstoßes und Temperatursenkung : 7000 Schmetterlinge. Beuys setzte damals auf die gesellschaftsverändernde Kraft, wie heute die Künstlerinnen Koch und Lilienfeldt, und das Künstlerhaus.

Der Schmetterlingsgarten, bewusst nicht ziseliert oder artifiziell angelegt, sondern rustikal und naturnah, soll eine soziale Plastik werden, in der sich alle wiederfinden können. Ein Bildungs- und Begegnungsort. Der, man kann sagen Waldgarten, wegen des alten Baumbestandes, ist nach den Prinzipien der Permakultur angelegt und benötigt daher wenig Wasser – auch ein Problem, welches wir in Zukunft häufiger erleben. Denn die Trockenheit der letzten drei Sommer ist dem Klimawandel geschuldet, auch wenn wir immer wieder auch Starkregenereignisse mit Hochwässern, wie im Ahrtal oder bei Erkelenz erleben und in unseren Nachbarländern erleben müssen.

Am Samstag ab 17:00 kann man sich persönlich mit dem Projekt 7000 Schmetterlinge in der Nordstadt in der Landwehrstraße/Ecke Kesselstraße vertraut machen.




Eine coronakonforme Umarmung: Das ist das »World Press Photo« 2021

In einem Pflegeheim in São Paulo hat der dänische Fotograf Mads Nissen eine Szene aufgenommen, die eine internationale Jury zum Pressefoto des Jahres kürte. Ausgestellt werden die Werke von 45 Fotografen aus 28 Nationen.

Zum ersten Mal seit fünf Monaten wird die 85-jährige Bewohnerin eines Pflegeheims in São Paulo wieder umarmt. Nachdem wegen der Coronapandemie keine Besuche erlaubt waren, wurde ein »Umarmungsvorhang« installiert. Den Moment in Brasilien hielt der dänische Fotograf Mads Nissen fest, seine Aufnahme brachte ihm den Hauptpreis für das »World Press Photo« des Jahres ein. Darüber hinaus gewann das Bild auch in der Kategorie »General News«. Das Foto ist symptomatisch für die Coronapandemie, bei der zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte bewusst das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben weitestgehend zurückgefahren wurde, um Menschenleben zu retten, vor allem nach den ersten dramatischen Bildern von Sterbenden.

Die erste Umarmung © Mads Nissen, Denmark, Politiken/Panos Pictures
Die erste Umarmung © Mads Nissen, Denmark, Politiken/Panos Pictures

In diesem Jahr wurden insgesamt 74.470 Bilder von mehr als 4300 Fotografinnen und Fotografen aus 130 Ländern eingereicht. Eine unabhängige 28-köpfige Jury wählte die besten Fotos und Foto-Reportagen in acht Kategorien aus: Contemporary Issues, General News, Environment, Long-Term Projects, Nature, Spot News, Sports und Portraits.

Der jährliche „World Press Photo Award“ ist der weltweit größte Wettbewerb für Pressefotografie. Die wichtigsten Informationen im Überblick.

Manche Bilder machen uns fassungslos. Sie berühren uns und gehen unter die Haut. Das Bild „The First Embrace“ („Die erste Umarmung“) des dänischen Fotografen Mads Nissen ist so eines. Das Weltpressefoto des Jahres 2021 zeigt die 85-jährige Rosa Luzia Lunardi, wie sie in der Coronakrise von der Krankenschwester Adriana Silva da Costa Souza in einem Pflegeheim in São Paulo umarmt wird. So wurde neben dem Dänen Mads Nissen auch der Italiener Antonio Faccilongo ausgezeichnet. Er gewann in der Kategorie Photo Story den ersten Preis für seine „Habibi“-Serie über die Folgen des Israelkonflikts für palästinensische Paare.

Der seit 1955 jährlich stattfindende „World Press Photo Award“ ist der weltweit größte und international anerkannteste Wettbewerb für Pressefotografie. Seit 27 Jahren wird er u. a. vom STERN unterstützt. Wie seit Jahren werden die Werke der am „World Press Photo Award“ teilnehmenden Fotografen auch in Dortmund im DEPOT in der Nordstadt in der Immermannstraße ausgestellt. 2020 musste die Ausstellung jedoch leider coronabedingt ausfallen.

In einem beispiellosen Jahr, das von der Coronapandemie und Protesten für soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Anerkennung und Gleichberechtigung auf der ganzen Welt geprägt war, zeigen die Gewinner eine Vielfalt von Perspektiven zu diesen und anderen dringenden Fragen, wie der Klimakrise, den Rechten von Transgender-Menschen und Territorialkonflikten.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17.10.2021 zu sehen.

Öffnungszeiten:
Sonntag – Donnerstag 11 – 20 Uhr
Freitag und Samstag 11 – 22 Uhr

Die World Press Photo Foundation empfiehlt den Besuch der Ausstellung ab 14 Jahren.

Eintritt:
Normal 8,00 €

Ermäßigt 6,00 €

Tickets sind an der Tageskasse erhältlich, es gibt keine Online-Tickets. Die Reservierung eines Zeitfensters für den Ausstellungsbesuch ist nicht notwendig. Bitte beachten: im Depot ist aktuell nur Barzahlung möglich!

Die Mitnahme von Hunden/Haustieren ist in der Ausstellung nicht erlaubt.

Bitte informieren Sie sich vor Ihrem Besuch noch einmal auf www.depotdortmund.de zur aktuellen Corona-Lage und den möglichen Änderungen!




Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit

Happy, we lived on a planet – Die erste Premiere der Saison

Ausgangspunkt des neu entwickelten Stücks ist Tag X: Vor ca. 65 Millionen Jahren sind die Dinosaurier, die fast 200 Millionen Jahre die dominierende Spezies auf dem Planeten waren, in kürzester Zeit ausgestorben.

Das eigene Ableben wird gerne verdrängt. Zu sehr stört das Denken daran unser Streben nach Gesundheit und Lebensfreude. Wir wissen zwar, dass wir sterben. Aber das passiert irgendwann in der Zukunft, sind wir uns voll im prallen Leben Stehenden sicher. In früheren Zeiten ohne unsere medizinischen Fortschritte war der Tod, das Sterben ein bewusster Teil unseres Lebens und Denken.

Das Ensemble von "Happy, we lived on a planet" Foto: © Hans Jürgen Landes
Das Ensemble von „Happy, we lived on a planet“ Foto: © Hans Jürgen Landes

Egal, ob das Dahinscheiden heute noch kommt oder erst im hohen Alter, mit seiner ersten Regiearbeit möchte Mervan Ürkmez uns vorbereiten auf das Unausweichliche. Sinnlich-poetisch sucht das junge Mitglied des Dortmunder Schauspielensembles in seinem Stück, einem dramatischen Requiem, nach der Kraft, die uns die Begegnung mit dem Exitus, unserem, geben kann.

„Ich stelle mir vor, ich bin ein Dinosaurier“, beginnt Oskar Westermeier. „Ich und alle meine Artgenossen sind, nachdem wir 200 Millionen Jahre lang die dominierende Spezies auf dem Planeten waren, innerhalb eines Nachmittags ausgestorben. Einfach so. Zufällig steuert ein Komet auf die Erde zu und zufällig schlägt er ein. Zufällig passiert das im heutigen Yucatán, Mexiko, zufällig ist es zwölf Uhr mittags und ich, viele tausende Kilometer entfernt, sagen wir hier, in Dortmund, bekomme nichts davon mit. Eigentlich hat es nichts mit mir zu tun. Kurz darauf bebt die Erde, der Himmel verdunkelt sich, Glaskugeln fallen herab und eine riesige Flutwelle reißt mich weg. Einfach so. Wir können nicht wissen, ob es wirklich genau so passiert ist.“

Von jetzt an könnte richtig dystopisch werden … zumindest suggeriert uns dies der Monolog von Westermeier auf der schwarzen Bühne.

Fünf Menschen unterschiedlichen Alters, personifiziert durch Ekkehard Freye, Nika Mišković, Raphael Westermeier, Renate Henze und im Wechsel Anton oder Oskar Westermeier, setzen sich mit der Vergänglichkeit auseinander.

Ein Komet ist eingeschlagen und hat eine Reihe von Ereignissen ausgelöst, die zum Ende der Dinosaurier, ihrer Auslöschung geführt haben. Und doch sind sie allgegenwärtig: Hier sind ihre Fußspuren im Boden, ihre versteinerten Überreste, Knochen, Nester, Eier, dort ihre Abbilder auf Schultüten von Kindern.

Wir finden die Dinosaurier wieder in den Vögeln, die über uns fliegen und den Schildkröten, die zu unseren Füßen krabbeln. Wir finden sie in uns. Denn Dinos und Säugetiere haben einen gemeinsamen Vorfahren.

In „Happy, we lived on a Planet“ beobachten wir fünf Menschen bei der Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit. Als Metapher schwebt der Komet über ihnen, das Ende immer projizierend. Doch muss das nichts Trauriges sein. Die befürchtete Dystopie bleibt aus. Im Gegenteil. In den alltäglichen Situationen, Gesprächen, Briefen, Telefonaten ist das Leben. Ein Spiegel unseres alltäglichen Lebens. Otto Normalverbraucher, nicht der Held aus griechischen Dramen oder nordischen oder anderen Heldendramen.

Was bleibt also, wenn etwas oder jemand geht? Ist ein Mensch, der nicht mehr Teil unseres Lebens ist, wirklich weg, wie in aus den Augen aus dem Sinn? Sind die Momente, die verblassen, wirklich aus der Welt? Endet etwas oder transformiert es sich in etwas anderes?

Über Endlichkeit zu sprechen, über die Endlichkeit von Beziehungen, die Endlichkeit des eigenen Lebens, die Endlichkeit des Lebens geliebter Menschen, die Endlichkeit von Tieren oder Pflanzen und die Endlichkeit der Menschheit, löst in der modernen westlichen kommerzorientierten Welt meist Unwohlsein aus.

Die zu Beginn befürchtete Dystopie bleibt aus, weil das Stück versöhnlicher mit der Frage nach dem Ende umgeht und sich mehr auf das Leben als solches konzentriert.

Woher kommt aber die Angst vor dem Ende? Ensemblemitglied und Regisseur Mervan Ürkmez schafft mit dem künstlerischen Team von „Happy, we lived on a Planet“ einen Erfahrungsraum für eine sinnliche und vielschichtige Auseinandersetzung mit der Endlichkeit.

Für die Ausstattung ist Elizaweta Veprinskaja verantwortlich, für den Sound Andreas Niegl, Hannah Saar ist Dramaturgin der Produktion.

www.theaterdo.de und 0231/50-27222.

Die nächsten Termine sind: 7. Oktober (18 Uhr).




Piratenmolly Ahoi! Vom Mädchen, das auszog Seemann zu werden

Ein Theaterstück von Eva-Maria Stüting für Erwachsene ab 6 Jahren

Das Publikum noch im #corona modus … der 3G-Standard. Aber endlich wieder Theater, auch für die Kinder! Die Kulturbrigaden bieten im Fletch Bizzel ein turbulentes und buntes Stück mit viel Sprachwitz, Männer – Männ*innen, Musik und ein bisschen Lebensphilosophie für Erwachsene ab 6 Jahren. Das Stück räumt auf mit klassischer Rollenverteilung und entführt das Publikum auf eine abenteuerliche und bunte Seereise.

„Träume sind dazu da in Erfüllung zu gehen“, meint Molly Kelly und beschließt ihren Traum wahrzumachen. Sie möchte Seemann werden. Aber die Seefahrt ist ein hartes Geschäft, und harte Geschäfte, die werden meist von „harten“ Männern erledigt. Wie Captain Sparrow in „Pirates of the Caribbean“ … oder nicht?

Olly/Molly (Christiane Wilke) hat es schwer an Bord und versucht es dem Kapitän (Bettina Stöbe) recht zu machen. (Foto: © Kulturbrigaden)
Olly/Molly (Christiane Wilke) hat es schwer an Bord und versucht es dem Kapitän (Bettina Stöbe) recht zu machen. (Foto: © Kulturbrigaden)

Rada Radojčić inszenierte dieses Stück für Kinder von Eva-Maria Stüting, das am 24. September Premiere hatte. Die Theatertruppe Kulturbrigaden lieferte eine mitreißende und professionelle Vorstellung.

Molly Kelly wird von ihrer Mutter mehr oder weniger vor die Tür gesetzt. In einer Gesellschaft ohne soziale Sicherheiten, brutalisiert, wie vor dem 20. Jahrhundert bei Armen häufig üblich. Jedoch Molly gelingt es, ihren Traum zu realisieren und kann, sich als Junge ausgebend, als Schiffsjunge Olly anheuern. An Bord meistert sie die ihr gestellten Aufgaben und Dienste, bis es in einem Sturm, den sie vorhersieht, ihr Kapitän aber arrogant ignoriert, zu einem Unglück kommt.

Molly geht über Bord.

Molly wird alleine auf dem Meer treibend wach. Sie ist verzweifelt. Doch Rettung naht … nur die Rettung besteht aus einem Piratenschiff.

Mit List und Mut wird sie schließlich sogar zur gefürchteten Piratenkapitänin!

Das Stück gab einen guten subtilen Hinweis auf die Gleichberechtigung zwischen Jungen/Männern und Mädchen/Frauen. Denn jeder kann jeder werden. Weil es KEINE Beschränkung von Tätigkeiten, Berufen und Aufgaben auf ein Geschlecht gibt. In dem Stück wurde auch die Sprache Gleichheit verwendet. Mann/Mann und Männ*Innen, was für große Lacher sorgte. Da vor allem unsere Konservativen auf diesem Thema herumreiten und es als Sprachschikane deklarieren, als hinge ihr Leben davon ab.

Es spielen Vassily Kazakos, Bettina Stöbe und Christiane Wilke.

Regie: Rada Radojčić
Musikalische Leitung: Dixon Ra
Kostüm & Bühne: Anna Hörling
Licht: Marco Scholz

So. 28.11             11.00 Uhr            8,— €

Mi. 01.12             10.00 Uhr            8,— €    ermäßigt 6,— €

So. 10.10             15.00 Uhr            8,— €




Klangvokal -Himmelsmusik im Konzerthaus

Himmelsmusik, nun bin ich nicht gerade der religiöse Typus, aufgrund aktueller und geschichtlicher Ereignisse, aber dieser Abend im Konzerthaus war ein Genuss der Extraklasse, auch bei religiöser Musik. Was sich am Ende dadurch zeigte, dass die Künstler wieder und wieder auf die Bühne zurückgeklatscht wurden und zugaben geben mussten.

L‘arpeggiata, die ihre Darmsaiten und Naturhörner austobend, durch ihre Dompteuse Christina Pluhar mit der überdimensionalen Laute gebändigt, versetzte die Zuhörer im Auditorium des Konzerthauses in … ja Verzückung. Denn nicht wenige wiegten sich, wie die Sänger des Abends, Céline Scheen und Valer Sabadus, Countertenor, zu den Lauten des Abends, aus Instrumenten und Kehlen.

Das Barockzeitalter ist die Zeit der katholischen Gegenreformation zum Protestantismus, politischer und sozialer Um- und Verwerfungen und des 30-jährigen Krieges, der sich hauptsächlich auf dem Boden des damaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation austobte, das Land verwüstete, die Menschen verrohte und zugleich eine neue kulturelle Blüte erzeugte. Auch wenn es Deutschland gut 100 Jahre zurückwarf.

Verzückten das Publikum: (v.l.n.r.) Christina Pluhar, Valer Sabadus und Céline Scheen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Verzückten das Publikum: (v.l.n.r.) Christina Pluhar, Valer Sabadus und Céline Scheen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Himmelsmusik zeugt genau von diesen Widersprüchen des Barockzeitalters, das in etwa bei Alexandre Dumas Musketieren schon im Schwung ist und seinen Höhepunkt im Versailles von Ludwig XIV. findet. Das Mittelalter war noch zu Teilen in der Renaissance Musik zu finden, die Orgel gerade eingeführt. In der Barockmusik aber ist das Mittelalter verschwunden und die Musik fängt uns mit all ihrer Theatralik, ihrem bombastischen Ton und fein ziseliertem, koloratur-artigem Gesang ein. Fast wie ein Gemälde von Rubens, Rembrandt, Velázquez oder einem ihrer Zeitgenossen. Denn neben der theatralisch, bombastischen Seite hat das Barock seine dunklen, düsteren Seiten. Diese Ambivalenz zeigt sich besonders in der kirchlichen Musik des Barock.

Die Katholische Kirche zieht alle Register in der Gegenreformation und schmeißt dem Protestantismus theatralisches, bombastisches, sensibles, helles und düsteres Gefühl in Musik und bildender Kunst entgegen. Etwas dem die puritanische Kargheit des Protestantismus nichts entgegenzusetzen hat.

Und diese auch bei den Protestanten goutierte Theatralik und Bombastik in der Musik bekamen wir im Konzerthaus durch das Ensemble L‘arpeggiata von Christina Pluhar instrumental und gesanglich durch Céline Scheen und Valer Sabadus, Countertenor, dargeboten … zum Träumen und davonfliegen. Religiös machte mich die Musik nicht, aber sie war ein Genuss instrumentaler und gesanglicher Extraklasse.

Dass Barockmusik nicht einfach „von gestern“ ist, zeigte Christina Pluhar mit L‘arpeggiata 2018 im Konzerthaus mit HÄNDEL GOES WILD. In dieser Musik steckt Jazz!

Aber dieser Abend war ganz und gar dem reinen Barock gewidmet mit allem was er zu bieten hat.

Ein Genuss der nach mehr verlangt, mehr als nur die Zugaben, die sich die Zuhörer des Abends „erklatschten“, nachdem „genügend verbrauchte Luft“ auf die Bühne des Konzerthauses geklatscht worden war, hieß es dann doch Abschied nehmen. Leider … und man will doch noch mehr davon.




Klangvokal – Die Magie des Countertenors im Reinoldihaus

Mit Leidenschaft und Temperament präsentieren sich das Originalklangensemble Il Pomo D´Oro und Jakub Jozef Orliński. Jede Note, jede Phrase, sämtliche dynamischen Nuancen sind fein ausgearbeitet. Ensemble und der Solist verschmelzen zu einer Einheit, das Zusammenspiel besticht durch Präzision und hörbare Spiel- und Sangesfreude, zudem zeigt sich Orliński als virtuoser Interpret der solistischen Gesangs Passagen. Die Tempi überzeugen, kraftvoll und agil, positiv überraschend.

Barockmusik ist weit mehr als „nur“ die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi oder Variationen von Johann Sebastian Bach, seine Brandenburgischen Konzerte, oder die Musik von Lully, die man vielleicht aus „La roi danse“ kennt!

Barockmusik ist theatralisch, ja auch bombastisch, weswegen einige Zeitgenossen dieser Musik nichts abgewinnen können oder wollen … aber zugleich lieben sei eventuell Edgar Elgar oder die Musiken aus dem Star Wars Universum oder den Piraten aus der Karibik. Die Musik des Barock spiegelt die vielen Facetten, Widersprüche und Lebensfreude, ja den Lebenshunger angesichts eines nahen Todes in dieser Epoche wider. Die Gräuel des 30-jährigen Krieges passieren gerade bei einigen der Stücke dieses Abends. Andere sind weit davon entfernt, findet jedoch den Widerhall dieser europäischen und besonders deutschen Katastrophe darin wieder. Was damals als Religionskrieg begann, weitete sich schnell zu einem europäischen Machtkonflikt aus, der mit dem ersten Gesamteuropäischen Friedenskonzept 1648 in Münster und Osnabrück endete.

Countertenor Jakub Jozef Orliński und  Il Pomo D´Oro beim Konzert im Reinoldihaus. (Foto: © Sandra Spitzner)
Countertenor Jakub Jozef Orliński und Il Pomo D´Oro beim Konzert im Reinoldihaus. (Foto: © Sandra Spitzner)

Und vielleicht stören sich Zeitgenossen auch an der Stimme eines Countertenors, Jakub Jozef Orliński ist ein Countertenor. Das waren vor langer Zeit die Stimmen der Kastraten, unglücklichen jungen, deren helle Stimme für immer in deren Alter und Zeit ihres Lebens gerettet werden sollten durch … Kastration. Sie hatten im Barock ihre Hochzeit. Es wurden Opern und Arien speziell für sie geschrieben. Sie waren traurige Superstars ihrer Zeit. Wie Farinelli. Bestimmt haben auch Sie diesen Film gesehen. Die Stimme des Schauspielers musste aus verschiedenen Stimmen künstlich für den Film erzeugt werden. Aber sie kommt der Stimme von Orliński nahe, oder er Farinelli. Zumindest hatte ich sofort diese Assoziation als ich dem Gesang von Orliński lauschte.

Orliński studierte an der Fryderyk-Chopin-Universität für Musik in Warschau und schloss sein Studium im Jahr 2012 mit einem Master ab. Ab 2011 nahm er an einer Reihe von Gesangswettbewerben in Europa und den USA teil und gewann einige davon. Er sang in Warschau, Aachen, Cottbus, Gießen, Leipzig, New York, Karlsruhe, auf dem Festival d’Aix-en-Provence, u. a. in France Musique und nun Dortmund.

Orliński, unser Countertenor, ist zugleich auch als Breakdancer aktiv und nahm an einigen Wettbewerben teil. Als Model, Tänzer und Akrobat ist er in mehreren Commercials zu sehen, beispielsweise in den Kampagnen für Levi’s, Nike, Turbokolor, Samsung, Mercedes-Benz, MAC Cosmetics, Danone und Algida. Wenn man Orliński aber bei einem Barock Konzert sieht … diese „fremde“ Welt scheint weit entfernt von ihm zu liegen.

Ein Countertenor vom Format eines Orliński, lässt nur erahnen wie Kastrat damals geklungen haben mag. Man möchte sagen zum Glück. Denn unmenschlicher ist fast nicht auszudenken … wobei … wir müssen immer wieder grausamstes erfahren. Die Stimme des Countertenors aber ist anders geartet.

Als Countertenor, Kontratenor bzw. Kontertenor (lateinisch ‚Gegen-Tenor‘), manchmal auch Altus (von lateinisch altus ‚hoch‘) wird ein männlicher Sänger bezeichnet, der mithilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimmen- bzw. Falsett-Technik in Alt- oder seltener in Sopranlage singt. Der Countertenor ist also nicht mit einer Kastratenstimme gleichzusetzen, weder physiologisch noch in Klang, Volumen oder Stimmumfang.

Und doch bringt gerade ein Countertenor die Musik des Barock zum Leben, bei Orliński zum vibrieren. Er trägt einen fort in eine andere Epoche … mitsamt der Kleidung.




„Wie war ich?“

Über die Gerechtigkeit der Entlohnung

Premiere am 23. Oktober 2021 um 20:00 Uhr im Ringlokschuppen in Mülheim

Im Rahmen des Festivals „szene machen“ hatte ich die Gelegenheit, mir die Proben zu „Wie war ich?“ der Gruppe „I can be your translator“ in Depot in der Immermannstraße anzuschauen. Dabei handelt es sich bei dem Titel um einen Arbeitstitel, denn die Probenschau stellte nur zwei der drei Aufzüge oder besser Aufgaben vor.

Drei der Schauspieler sind Challenged People, dieser englische Begriff gefällt mir weit besser als der deutsche: „Behinderte“. Nicht der Mensch ist behindert, sondern unterliegt besonderen Herausforderungen, er ist challenged.

Die Akteur*innen von „I can be your translator“ bei den offenen Proben im Depot.
Die Akteur*innen von „I can be your translator“ bei den offenen Proben im Depot.

Bei den beiden ersten Aufzüge/Aufgaben, wenn man sich ganz unvoreingenommen dem Stück hingibt, erkennt man, das ein jeder von uns seinen kleinen oder großen Tick hat … drei der Schauspieler, und ich meine dieses POSITIV!, haben halt mehr Ticks und damit Herausforderungen. Und diese meistern sie im Ensemble.

Die über dem Stück stehende Frage ist die nach Gerechtigkeit generell und einer gerechten Bezahlung im Detail … Eine Frage, die sich nicht erst seit der Corona-Pandemie stellt, denn Klatschen zahlt keine Mieten, oder füllt Kühlschänke, die zuweilen sehr gefräßig sein können u8nd in direkter Korrespondenz mit den Kalorien stehen, den in Schränken lebenden Organismen, stehen, die unsere Kleidung jede Nacht ein wenig enger machen.

Wie also ist am Theater eine Bezahlung und im Besonderen diesem Stück gerecht? Woran misst es sich, die Bezahlung, die Gerechtigkeit? Ist es gerecht den challenged Darstellern mehr Applaus zu geben als den nicht challenged?

Der Zuschauer wird bewusst in ein Dilemma gestoßen. Bei jedem Applaus, der hier direkt angefordert wird, wenn das Ensemble an den Bühnenrand tritt, nicht spontan erfolgen soll oder möchte, stellt man sich als selbstkritischer Mensch die Frage: war das gut? Wer war gut? Mittel? Oder gar schlecht? Und warum?

Denn jeder wird einzeln mit Applaus bewertet …

Eine Spielshow? Nein!

Ein Vorführen? Nein!

Ein Experiment? Ja, eines mit Nebeneffekt: Nachdenklichkeit.

Wenn sie also am 23. Oktober sich Neuem stellen mögen, dann bitte nach Mühlheim in den Ringlokschuppen.

Von und mit:
Lis Marie Diehl, Linda Fisahn, Christian Fleck, Julia Hülsken, Lina Jung, Christoph Rodatz, Christian Schöttelndreier, Laurens Wältken
Licht, Raum, Video: Birk-André Hildebrandt
Produktionsleitung: Maren Becker
Dramaturgie: Philipp Schulte
Kostüm: Julia Strauß




Soundtrack Krieg

3. Konzert für junge Leute und jung gebliebene Klassikfans im Konzerthaus

Krieg
und Frieden sind seit jeher Zustände, zwischen denen sich
unterschiedlichste Länder befinden. Zustände die einmal, wie der
Frieden, als selbstverständlich und unverrücklich hingenommen und
erwartet werden. Dem steht der Krieg mit all seinen Schrecken und das
Leben verneinende entgegen. Der Krieg aber wird heroisiert. Der Mord
am Gegenüber gesellschaftlich sanktioniert, geduldet oder erwartet.
Krieg? Heroisch? Nein! Eine humane Katastrophe, die die Menschheit
immer wieder in den Abgrund schauen lässt.

Genau
in dem Spannungsfeld von Frieden und Krieg liegt das 3. Konzert für
junge Leute in der Philharmonie Dortmund. Einerseits dem Hin und Her
der Politiker, Vertragsbrüchigen Falken, in ihren eigenen Standpunkt
nationalistisch verliebte Herren(menschen) ohne
Verantwortungsbewusstsein, dem Kräftefeld der eigenen und alleinig
„selig machenden“ eigenen Meinung und der anderen
„verdammenswerten“ Meinung, Ansicht oder Glauben. Andererseits
sind die „Weicheier“, die Angsthasen, die „Gutmenschen“, die
um die Katastrophe wissen und sie mit allen Mitteln zu verhindern
suchen.

Zwischen
dem „Damals“ und „Heute“, was war, und was kommen könnte,
wie es vielleicht besser bleiben sollte, ist das Spannungsfeld des 3.
Konzertes für junge Leute angesiedelt. Die Dortmunder Philharmoniker
haben es sich mit der Auswahl der Musik nicht leicht gemacht.

Mit
„Slava! A Political Overture“ von Leonard Bernstein beginnt der
Abend. Die Komposition von Bernstein ist sehr amerikanisch und
Hollywood-esque. Sie ist eindringlich, fast heiter und glänzend von
den Philharmoikern interpretiert. Fast möchte man mitgehen.

Wer
die „West Side Story“ kennt, ahnt was als nächstes kommen
könnte, schaut man in das Programm des Abends – es ist der
„Prologue“ … Das Stück kennend oder nicht, kündigt sich der
Streit, dann Kampf der Jets gegen die Sharks an und die „Romeo und
Julia“ Liebe erscheint irgendwo im Hinterkopf.

Ein eindrucksvolles Programm bot das 3. Konzert für junge Leute im Dortmunder Konzerthaus. (Foto: © Anneliese Schürer)
Ein eindrucksvolles Programm bot das 3. Konzert für junge Leute im Dortmunder Konzerthaus. (Foto: © Anneliese Schürer)

Die
Textpassagen aus „Die Nashörner“, von Eugène Ionesco bringen
mit Worten und Darstellung das Auditorium sichtbar zum Nachdenken.
Menschen hinter Gittern, denen die Freiheit versprochen wird, wenn …
ja wenn sie Nashörner würden. Ausgerechnet Nashörner! Das geliebte
Maskottchen der Dortmunder. Aber diese sich vermehrenden Nashörner,
in die sich die Gefangenen verwandeln, machen sie wirklich frei? Der
klassisch Interessierte könnte sich in diesem Moment den Chor der
Gefangenen aus Nabucco vorstellen … Aber die Nashörner, die
uniformierten, im Gleichschritt durch das Auditorium, seltsam
rhythmisch humpelnd, lassen keinen Raum. Humpeln sie, weil ihnen die
Individualität genommen und nur eine vermeintliche Freiheit gegeben
wurde? Die der „blauen“ Propheten? Weil die Ideologie des
Gleichschritts in sich hinkt?

Das
Humpeln der Nashörner, was zeigt es uns? Im Gleichschritt in der
vermeintlichen Freiheit fehlt es an der realen Freiheit des
Einzelnen. Und wie diese Nashörner im „Humpel-Gleichschritt“
durch den Raum „reisen“ ahnt man, das was kommen muss – die
Katastrophe. Die unwiederbringlich aus Geichklang im Zwang folgen
wird. Poetry Slammer Sebastian 23 macht die Einführung zum kommenden
Stück. Die „Leningrader“, die 7. Symphonie von Dimitri
Schostakovitsch. Schostakovitsch begann die Arbeit an diesem Stück
noch während der Belagerung von Leningrad (heute wieder Sankt
Petersburg). Er wurde ausgeflogen, auch um die Symphonie zu Ende zu
komponieren, und Stalin ließ sie zu Propagandazwecken über
Lautsprecher über die Truppen der Belagerer schallen.

Die
„Leningrader“. Aufwühlend, erschreckend und die Sinnlosigkeit
von Krieg musikalisch darstellend, ergreift sie jeden im Auditorium
der Philharmonie. Motonori Kobayashi dirigiert das Stakkato der
Dystopie perfekt, irgendwie als sei er der Herr des Chaos. Man muss
nicht die Filmdokumente des Grauens und kalkulierten Todes kennen,
gesehen haben, um nicht das Entsetzen, das Grauen, den Hunger, das
Verhungern und Erfrieren der Menschen und dennoch ihren verzweifelten
Überlebenswillen im Todeskampf zu spüren. Dachte Stalin nur an die
Propaganda, so erkannte er nicht auch die Anklage gegen ihn, wegen
des von ihm kaltblütig kalkulierten Opfertodes von über einer
Millionen Leningrader und der Zerstörung der Stadt.

Wie
findet man nach diesem dystopischen Element des Abends wieder in die
Normalität des Friedens zurück – nur sehr schwer. Vielleicht mit
dem Vorspiel zur Apokalypse des Grauens … Die Ausschnitte aus dem
1. Satz der Leningrader könnte vielleicht helfen, zurückführen aus
dem Irrsinn menschlichen Wahnsinns. Bernstein, mit seinem
unnachahmlichen und für die Staaten typischen Pragmatismus könnte
das Auditorium aus dem Entsetzen wieder in unsere bedrohte, aber
friedliche, zufriedene (selbstzufriedene?) Welt zurückbringen.

Die
Ausschnitte aus der „Candide Suite“ – „We build our own garden“
könnte helfen … Das Auditorium zeigte seine Begeisterung über die
Darbietung der Philharmonie lange applaudierend … Kann man eine
Verlängerung des musikalischen Abends erwarten, eine Zugabe geben?
Welche? Was würde passen? Wohl nichts … so gab es auch keine
Zugabe, auch wenn nicht wenige der Zuhörer sich das gewünscht haben
mögen. Aber ist der Abschluss nicht auch wieder ein Anklage gegen
die eigene Bequemlichkeit, die Selbstzufriedenheit? Der kritische
Gast des Abends kann sich diesem Gedanken nicht wirklich entziehen.

Das
Konzert für junge Leute wollte bewusst darstellen, wie falsch es ist
einfach nur dem zu folgen, was alle anderen tun. Jeder muss mit
seiner eigenen Individualität seinen Weg, immer wieder sich selbst
reflektierend – das schwerste Unterfangen im Leben überhaupt –
hinterfragend finden. Es ist gelungen! Sowohl in Noten, als auch in
und mit der Darstellung durch die Theaterpartisanen und
Studi-Improgruppe. Die Moderation von Sebastian 23 tat ihr übriges
zur Intensivierung des erlebten an diesem Abend. Kobayashi, der
Dirigent nahm den Applaus mit einer Dankbarkeit und Gelassenheit
entgegen, wie sie nur einem Japaner eigen sein kann.