Antrag auf Aufenthalt – ein kafkaeskes Schauspiel mit 3D-Animationen
18.12.2025, Theater Fletch Bizzel
Eine Figur in langem Kleid mit Koffer zieht durch eine angedeutete Stadt, vorbei an anderen Personen, an Autos und turmhohen Quadern, die Häuser darstellen. Sie schreitet durch die Straßen und nach und nach zerfällt die Umgebung, die Häuser stürzen ein, Autos und Figuren zerspringen, lösen sich auf. Vor ihr eine karge Landschaft. „Wenn dieser Ort alles war, warum gehen Sie direkt ins Nichts?“
Auf der Bühne selbst links und rechts angedeutete Aktenschränke in einer Fluchtpunktperspektive schräg zulaufend angeordnet. Die 3D-Animationen auf der Leinwand im Hintergrund verlängern den Schauplatz oftmals ins Unendliche.
Eine Frau im langen Rock mit kleinem Koffer betritt die Bühne. Sie weiß nicht so recht, was sie tun soll. Es erscheint ein großer Augapfel an der Decke, der sich bewegt, scheinbar alles im Blick behält. Der Hüter des Gesetzes, ein Hologramm.
Die Befragung beginnt. Warum weg, warum hin, wie angepasst sie sei. Und immer wieder die Ablehnung. Es reicht nicht, es ist nicht genug. Libertad, Freiheit sucht sie. Das Stück ist auf Deutsch und Spanisch von der Gruppe „Dalí Moustache Performing Arts“, deren Gründer*Innen 2015 aus Venezuela nach Dortmund kamen, konzipiert und realisiert. Dem Geschehen kann man in beiden Sprachen sehr gut folgen.
Als Publikum hofft man mit, dass sie die Prüfung übersteht. Als ein deutsches, fehlerfreies Kinderlied gefordert wird, singt sie laut, mutig und einwandfrei „Guten Abend, gute Nacht“. Doch das Gericht meint, einen Akzent wahrgenommen zu haben. Sie darf nur ins Wartezimmer mit einer Nummer nahe an vierhundert. Und die rote Linie, die die Bühne zwischen links und rechts teilt, keinesfalls überschreiten!
Ein Mann betritt die linke Hälfte. Er ist schon so lange in Warteposition, dass er sich kaum mehr erinnern kann, was mal gewesen war, wer er ist. Vielleicht geht es um seine „Remigration“?

Zudem sind seine Unterlagen zwischen verschiedenen Behörden verloren gegangen. Eine aussichtslose Situation.
Zwischen den beiden Protagonist:innen entwickelt sich eine Gespräch, eine Beziehung. Aber da ist diese rote Linie. Immer wieder greift das Auge ein, erteilt eine Verwarnung wegen unerlaubter Nähe. Und muss der Klatschdienst bedient werden, auch das Publikum ist dabei gefordert.
Die Regisseurin Cynthia Scholz bezieht sich auf Kafkas „Prozess“ und auf „El ruido del Hombre al Quebrarse“ von Greymar Hernández.
Die Schauspieler:innen Gessliam (Momo) Suárez und Rodolfo Parra überzeugen in ihrem Spiel, wandern sprachlich mühelos zwischen Deutsch und Spanisch, sind hörenswert in Gesangseinlagen und auch tänzerisch aktiv.
Er erinnert sich nach und nach; es stellt sich heraus, dass er Schauspieler ist. Zwischendurch vermengt sich die Geschichte des „Antrags auf Aufenthalt“ mit Kritik an der Kulturpolitik. Das wird sicherlich nicht von allen im Publikum verstanden, dazu müsste man mehr Insider sein. Zudem bringt es die Geschichte leicht aus dem Takt.
Das Publikum leidet weiter mit und hofft weniger. Die 3D-Animationen von Chino Monagas spielen gleichwertig mit, sind sehenswert und hervorragend gemacht. Von dem alles überblickenden Auge (gesprochen und gespielt von Sascha von Zambelly) fühlt man sich auch im Publikum verfolgt, aber selbst das hat seine Geschichte, die über die Animation miterzählt wird.
Ein spannender Abend, der gern noch öfter auf Dortmunder Bühnen kommen kann.
Im Theater Fletch Bizzel allerdings in naher Zukunft leider nicht, denn dies war für einige Monate die letzte Abendvorstellung in der Humboldtstraße im Klinikviertel. Im Publikum neben vielen jungen Menschen auch ein paar etwas ältere, einer zum Beispiel, der vor fünfunddreißig Jahren auf der Bühne im Fletch, damals noch eine Etage höher, dort, wo zuletzt das Kursprogramm läuft, seinen ersten Auftritt hatte – Thomas Kemper, mithin Fletch-Urgestein. In „Der Büchsenöffner“ von Victor Lanoux. Wehmut kommt auf. Und „wenn dieser Ort alles war, warum gehen Sie direkt ins Nichts?“
Nun, manchmal sind die Umstände so, da kann man nichts machen. Ins Nichts geht das Theater Fletch Bizzel aber nicht, es richtet sich in den Räumen des Theaters Olpketal neu ein. Wünschen wir ihm und seiner Chefin Rada Radojcic alles Gute. Und hoffentlich erlebt dort das Publikum auch wieder Produktionen von Dalí Moustache, die die Dortmunder Theaterszene bereichern.
Mehr unter