Mitsingen erwünscht: Das Konzerthaus Dortmund feiert das 1. Konzert für junge Leute

Gemeinsam singen, aufspringen, tanzen: Das Dortmunder Konzerthaus bot seinem Publikum aller Altersgruppen beim 1. Konzert für junge Leute am 21. September 2026 genau dazu die Gelegenheit.



Die musikalische Hauptrolle des Abends spielte das Projekt „SYMPHONIC SING ALONG“ mit Sängerin Leslie Jost, deren kraftvolle Stimme den Saal trug. Gemeinsam mit Miki Kekenj – Konzertmeister der Bergischen Symphoniker und an diesem Abend Dirigent sowie Moderator – brachte sie eine Playlist aus 14 Titeln auf die Bühne: ein dynamischer Bogen aus Klassik, Pop, Rock, Hip-Hop und Neuer Deutscher Welle. Beide führten mit viel Humor und spürbarer Spielfreude durch das Programm.

Sängrin Leslie Jost  Foto: Anke Doerschlen
Sängrin Leslie Jost Foto: Anke Doerschlen

Für den passenden orchestralen Rahmen sorgten die Dortmunder Philharmoniker, die unter Kekenjs Leitung einmal mehr ihre stilistische Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellten. Das Prinzip war einfach wie wirkungsvoll: Die Refrains wurden gut lesbar in roter Schrift auf eine Leinwand projiziert. Bestens von Kekenj eingestimmt, hielt es das Publikum bald kaum mehr auf den Stühlen: Bei ABBAs „Dancing Queen“ wurde getanzt, bei AC/DCs „Highway to Hell“ und den Ärzten („Schrei nach Liebe“) lautstark mitgegrölt. Spätestens bei der Toten-Hosen-Hymne „Tage wie diese“ stellte sich jenes Gemeinschaftsgefühl ein, das den gesamten Abend prägte.

Im Mittelpunkt stand die verbindende Kraft der Live-Musik. Nach zwei gefeierten Zugaben – dem 80er-Klassiker „Take On Me“ von a-ha und Leonard Cohens ergreifendem „Hallelujah“ – verließ das Publikum den Saal sichtlich beseelt.




Die Rückkehr der Schwirrlinge: „Dronetale“ im Theater im Depot

Der Aufbruch in ein abgeriegeltes Areal gehört zu den eindringlichsten Motiven der spekulativen Fiktion: eine Sperrzone, in der die vertrauten Gesetze der Zivilisation außer Kraft gesetzt sind. Während moderne Werke wie Alex Garlands Annihilation dieses Sujet als schillernd-mutierenden Eco-Horror inszenieren, schlägt das transdisziplinäre Projekt Dronetale des Kollektivs Sticky Fragments eine Brücke, die im Kern viel spürbarer an Andrei Tarkowskis Meisterwerk Stalker erinnert.

Hier wie dort ist die Reise keine rein technische Expedition, sondern ein existenzieller Grenzgang. Vier Menschen verlassen die entseelten, sterilen Megastädte, um ein unberechenbares Sperrgebiet zu durchqueren – auf der Suche nach „Schwirrlingen“, jenen fliegenden Insekten, die der technokratischen Moderne abhandengekommen sind. Genau wie Tarkowskis Suchende durch eine von der Natur zurückeroberte Trümmerlandschaft ziehen, bewegen sich die Figuren in Dronetale durch schlummernde Halden und postindustrielle Habitate. Die Zone ist kein reiner Todesort, sondern ein mythisch aufgeladener Resonanzraum für die Sehnsucht nach Leben, Koexistenz und einer Neuausrichtung zwischen Mensch, Natur und Technologie.

Digitale Collage aus Archivbildern der Sticky Fragments, Stock Footage, Zeichnungen von König und Schwerdfeger und Deeplearning Text-zu-Bild-Generator (KI-gestützt)
Digitale Collage aus Archivbildern der Sticky Fragments, Stock Footage, Zeichnungen von König und Schwerdfeger und Deeplearning Text-zu-Bild-Generator (KI-gestützt)

Die reale Krise hinter der Dystopie

Was auf der Bühne als Fabel über vertriebene, verfemte und ausgerottete „Schwirrlinge“ verhandelt wird, spiegelt eine der drängendsten ökologischen Krisen der Gegenwart: das reale, dramatische Insektensterben. Durch intensive Landwirtschaft, Pestizideinsatz, Lichtverschmutzung und fortschreitende Versiegelung natürlicher Räume gehen weltweit Biomasse und Artenvielfalt in erschreckendem Tempo verloren. Insekten sind keine lästigen Schädlinge, sondern das unsichtbare Fundament stabiler Ökosysteme – unersetzlich als Bestäuber, Bodenverbesserer und Nahrungsgrundlage. Ihr schleichendes Verschwinden gefährdet die biologischen Lebensgrundlagen der Menschheit im Kern.

Raum, Körper und taktile Begegnung

Das Ensemble – Victoria Stellpflug, Valentin Schwerdfeger, Meret König und Sandro Hähnel – verleiht dieser Expedition eine bemerkenswerte physische Präsenz. Getragen von präzisen, sehr schönen Choreografien schlagen die Darstellenden eine Brücke zwischen Physical Theatre und erzählerischer Fabel.

Das Raumkonzept bricht die Trennung zwischen Bühne und Saal konsequent auf: Das Publikum sitzt im Kreis auf Stühlen, und die vier Spielenden bewegen sich nicht nur quer durch den Raum, sondern mischen sich immer wieder direkt unter die Zuschauenden, nehmen neben ihnen Platz und lassen die Distanz völlig schmelzen. Ein zentraler „Infoturm“ ragt wie ein technologischer Monolith empor – Schnittstelle, Relikt der Megastadt und Vermittler in die Wildnis zugleich.

Dazu kommt eine berührende taktile Ebene: Im Lauf des Abends werden detailreiche Insektenmodelle aus dem 3D-Drucker im Kreis herumgereicht. Das Verlorene und Bedrohte wird dadurch buchstäblich greifbar – die Insekten sind keine abstrakte Idee, sondern liegen als feingliedrige Körper in den Händen des Publikums.

Die Stationen der Zone

Die Handlung nimmt ihren Lauf, als die vier Protagonisten einen verletzten Schwirrling finden und mitnehmen. Dieser Fund zwingt sie zum Aufbruch. Die Reise führt sie durch ein dichtes Stationendrama:

  • Ins Ödland: die karge Schwelle jenseits der abgeriegelten Stadträume.
  • Zum Haus der Großmutter von „Träumer“: ein intimer, melancholischer Erinnerungsort inmitten des Wandels.
  • An einen Fluss und in eine riesige Bibliothek: eine archäologische Grabung in den Untergrund, hinab zu den verschütteten Wissensschichten menschlicher Kultur.
  • In einen Wald mit pausenlos tanzenden Menschen: eine pointierte Zivilisationskritik an kollektiver Betäubung und Eskapismus – das rastlose Feiern als Verdrängungsmechanismus, um sich der drohenden Realität nicht stellen zu müssen.

Entscheidung und Demut

Schließlich gelangt die Gruppe zur Gottesanbeterin (Mantis), die den verloren geglaubten Schwirrling hütet. An diesem Punkt spitzt die Inszenierung ihre partizipative Haltung vollends zu: Per Publikumsentscheid wird bestimmt, dass der Schwirrling – ein Glühwürmchen – in die Freiheit entlassen wird. Die Verantwortung für das Überleben der Spezies wird unmittelbar in den Zuschauerraum verlagert.

Das Stück schließt mit einem eindringlichen Lied, das dem anthropozentrischen Blick eine heilsame Demut entgegensetzt. Es erinnert daran, dass Insekten Hunderte Millionen Jahre vor dem ersten Menschen existierten – und diesen Planeten aller Wahrscheinlichkeit nach auch dann noch bewohnen werden, wenn die letzte menschliche Megastadt längst vergangen ist.




Those were the days oder wie man eine Axt archiviert

Im altehrwürdigen Schulte-Witten-Haus mit seinen holzvertäfelten Wänden ist eine Axt vielleicht eine potenzielle Gefahr. Hier ruht sie an diesem Abend, mehr schlecht als recht, in einem standardisierten Archivkarton und wirft Fragen auf.



Die Theaterinstitution ohne Haus – artscenico e. V. performing arts – hat eingeladen zu einem Performance-Abend, der die repräsentativen Räume im Erdgeschoss des Schulte-Witten-Hauses bespielt. Das Publikum wird in den ersten Raum geführt und erhält einen Einblick in das gesammelte Material des prägenden Kopfes von artscenico, des 2024 verstorbenen Rolf Dennemann, der 1991 diesen Verein mitgründete, neben den Produktionen auch für diverse Festivals verantwortlich zeichnete, z. B. den Theaterzwang, heute „favoriten“, und bis zu seinem Tod der künstlerische Leiter war.

Fotos, an die Wand projiziert, zeigen einen überfüllten Lagerraum. Im Kontrast dazu die säurefreien Archivkartons, von denen es im Fritz-Hüser-Institut vierundachtzig Stück mit Material von artscenico gibt. Einen Einblick in die Archivarbeit vermittelt Anna-Luise Binder. Wie archiviert man eine Axt? Wie hält man mehr als einhundert Produktionen für die Nachwelt fest? Und bei welcher hat die Axt denn nun mitgespielt?

Performance-Abend über artscenico: Wie archiviert man eine Axt? Foto von Martina Bracke.
Performance-Abend über artscenico: Wie archiviert man eine Axt? Foto von Martina Bracke.

artscenico ist immer noch artscenico. Und so geht die nächste Station filmisch über die Leinwand. Erst im dritten Raum wird es theatral, wenn Matthias Hecht und Sascha von Zambelly Poetisches aus der Loseblattsammlung von Rolf Dennemann vortragen. Endlos könnte man lauschen, was alles „schön“ ist. Vieles. Ein Bergsee mit nur einer einzigen Forelle im Mondlicht beispielsweise. Schön kann es überall sein, schön kann fast alles sein, man muss es nur sehen können. Oder sich so schön vortragen lassen von zwei Schauspielern. Wie auch das Manuskript für einen Kurzfilm, der noch zu drehen wäre.

Aber bei den Performances von artscenico wurde auch immer getanzt. Folgerichtig erwartet das Publikum im nächsten Saal eine Tanzepisode: Elisa Marschall hüllt sich kunstvoll in Bandagen ein.

Im schönsten Raum des Hauses, dem blaugekachelten Salon, folgen ein paar Anekdoten mit einer über neunzigjährigen Ikone aus Wuppertal: Lore Duwe-Scherwart, die für artscenico auf Brachen in „Strawberry Fields“ spielte oder mit nach Łódź reiste, dort unverhofft deutsche Volkslieder vortrug und die Herzen des polnischen Publikums damit gewann. Zum Glück sind noch Protagonisten da, die Fragen der Wissenschaftler*innen beantworten können – wie Berthold Meyer, der durch den Abend führt.

Das ganze Ausmaß des internationalen Engagements von artscenico und Rolf Dennemann wird wieder streng wissenschaftlich sichtbar. Material aus den echten Archivkartons zeigt plakativ eine illustre Sammlung von Festivalbändchen oder auch Urkunden für Inszenierungen in anderen Ländern, einiges auch aus Ungarn, gern aus Dortmunder Partnerstädten, denn die freie Szene ist oft zur Stelle, wenn es um den partnerschaftlichen Städteaustausch geht. Lebendig, zum Greifen nah ist das Material. Aber ab jetzt bitte nur mit Baumwollhandschuhen anzufassen.

Während die Protagonisten ihre Schonhandschuhe wieder ausziehen, streift auch die Tänzerin im Hof des Hauses rund um den Brunnen ihre Bandagen kunstvoll wieder ab.

Ein informativer Abend, ein performativer Abend, ein Abend für Insider und alle, die einen Blick darauf erhaschen wollten, was die freie Theaterszene im Ruhrgebiet so bieten kann. Mit oder ohne Haus. Auf jeden Fall mit technischer Unterstützung aus einem Haus, dem Theater im Depot. In einem wirklich schönen Schulte-Witten-Haus.

Nur die Axt wandert leise und still zurück ins Fritz-Hüser-Institut und gibt vorläufig weiterhin Rätsel auf.

www.artscenico.de – Performing Arts

www.dortmund.de/fhi – Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt

www.theaterimdepot.de

www.favoriten-festival.de – wieder im Oktober 2026




Tierischer Saisonauftakt im Theater im Depot: Die Katze Eleonore

Miau! Wer hat sich nicht schon einmal vorgestellt, wie das Leben als Katze wäre? Auf dem Ofen liegen oder auf dem Sofa, sich der Fellpflege widmen, sich ab und zu recken und strecken und auf das Essen warten. Zumindest alle, die mit einer Katze leben, kennen das.



Für die Katze Eleonore ist es keine Vorstellung mehr: Die Immobilienmaklerin fühlt, dass sie eine Katze ist. Aber ganz so einfach ist das Finden der neuen Identität und die Verwandlung in eine Katze nicht. Es wächst nicht plötzlich über Nacht ein Katzenfell. Eleonore versucht sich zu behelfen. Beim Essen klappt es auch ganz gut. Aber natürlich nimmt die menschliche Umgebung das nicht so ohne Weiteres hin. Wo käme man denn hin, wenn jede*r die eigene Identität entdecken und konsequent verfolgen würde? Anfangs gibt es Konflikte mit der Mutter, später auch im Beruf, den Eleonore mehr und mehr vernachlässigt. Und relativ schnell schickt man sie zu einem Psychiater, der sich interessiert alles anhört, aber letztlich die Verwandlung nicht nachvollziehen und auch nicht stoppen kann.

Die Katze Eleonore. (Foto: Oliver Stroemer)
Die Katze Eleonore. (Foto: Oliver Stroemer)

„Wie geht es Ihnen denn ohne Arbeit, Frau Garazzo?“ „Ach Wildbruch, ich bin eine Katze, wie soll es mir gehen – gut.“

Eleonore hat insofern Glück, als dass sie sich ihr neues Leben leisten kann. Sie ist auf die Menschen nicht angewiesen, sie kann sich ganz und gar ihrem Katzendasein widmen und häutet sich vor den Augen des Publikums. Mehr und mehr fallen die menschlichen Hüllen, und in geschmeidigen Bewegungen erkundet die Katze Eleonore ihr neues Leben. S. Rudat inszenierte das Stück von Caren Jeß, das 2022 seine Uraufführung in Dresden erlebte, und spielt selbst. Die Mutter und der Psychiater werden gleichermaßen auf der Bühne lebendig; Rudat stellt sie mit kleinen Gesten und entsprechender Stimme überzeugend dar. Nur Eleonore folgt ihrem eigenen Weg und lässt sich kaum beirren. Sie findet in ihre Identität, füllt nicht nur den Platz auf der Chaiselongue, sondern den gesamten Theaterraum mit ihrer Präsenz. Wie es die Sicht einer Katze ist, gehört ihr an diesem Abend alles. Das Physical Theatre von Rudat lässt das Publikum aufmerksam, fasziniert und nachdenklich zurück. Das Stück markiert den Start des Theaterfestivals „Physical Fest 2026“, das das Physical Theatre Netzwerk NRW in Dortmund, Bochum und Essen veranstaltet. In diesem Jahr widmet sich das Festival der Reduzierung von Barrieren. Die Aufführung eignet sich daher ebenso für sehbehinderte/blinde und schwerhörige/gehörlose Menschen. Wer sie noch einmal sehen will, muss nun dafür allerdings nach Köln reisen. Die Inszenierung, die für den Kölner Theaterpreis 2026 nominiert ist, wird im Freien Werkstatt Theater in der Kölner Südstadt gezeigt. Gleichzeitig ist es der Saisonauftakt im Theater im Depot unter neuer Teamleitung – nach fünf Jahren mit Jens Heitjohann als künstlerischem Leiter. Ihm dankte Christoph Rodatz, der Vorsitzende des Trägervereins, vor der Vorstellung für seine Arbeit, die er als modern, politisch und international würdigte. Aus dem jetzigen Leitungsteam ergriff Johannes Bergmann das Wort und vermittelte, dass man ein Theater der Toleranz und Vielfalt, ein Theater mit offenen Türen sein wolle. Dazu passt die zweite Performance des Abends, die zeitgleich auf dem Nordmarkt mit Menschen aus der Nordstadt stattfand.

Man darf den Start als geglückt bezeichnen. Und man darf gespannt sein auf mehrere Premieren und das „favoriten-Festival“ in der nächsten Zeit. Mehr unter www.theaterimdepot.de

„Die Katze Eleonore“ kann Ende September wieder in Köln im Freien Werkstatt Theater besucht werden. www.fwt-koeln.de Das „Physical Fest 2026“ läuft weiter bis zum 27.09. noch in Bochum. Physical Fest 2026 | PTN




Liebe, Intrigen und Tod – Der große Gatsby auf der Bühne im Fletch Bizzel

„Ein kleines Geheimnis kann alles verändern.“ Viele kleine und große Geheimnisse entfalten sich auf der Bühne des Theaters Fletch Bizzel an diesem Sonntagabend. Die Jugendtheatergruppe der Academy of Theatre, Music and Dance (ATMD) zeigt eine Gesellschaft sich amüsierender Alt- und Neureicher, dazwischen ein Automechaniker und Tankstellenbesitzer und seine Frau.



Man vergnügt sich bei Partys, unterhält Affären, intrigiert und rätselt über Gatsby, den Mann, der rauschende Feste veranstaltet, selbst aber kaum auftaucht und über dessen Herkunft und vor allem die Ursprünge seines Reichtums niemand etwas weiß. Sehr schnell ist das Publikum inmitten der Ränkespiele. Eine Erzählerin, Nicky, die in psychologischer Behandlung das Erlebte aufarbeitet, bietet elegante Überleitungen und zusätzliche Informationen, sodass dem Geschehen gut gefolgt werden kann.

Der große Gatsby: Was tun mit der Leiche? Ensemble vom ATMD (Foto: Martina Bracke)
Der große Gatsby: Was tun mit der Leiche? Ensemble vom ATMD (Foto: Martina Bracke)

In sehr schönen und passenden Kostümen (Jilan Nomat-Gashi und Luscha Shala, Make-up) spielt und tanzt das Ensemble die Geschichte des großen Gatsby aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts, der alles darauf ausrichtet, seine Jugendliebe Daisy zurückzugewinnen, die inzwischen verheiratet ist. Mit einem Mann, der sie mit der Frau des Tankstellenbetreibers betrügt.

Das junge Ensemble, angeleitet von Dustin Gashi und Patrick Drann, die auch selbst auf der Bühne agieren, überspielt die im Vorfeld nötig gewordenen Umbesetzungen sehr gut und zeichnet die einzelnen Figuren anschaulich. Liebesschwüre, heimliche Absprachen, Langeweile in der Gesellschaft und Lügen werden mit wenigen Requisiten glaubwürdig auf die Bühne gebracht, und das Drama nimmt seinen Lauf.

Am Ende sind drei Tote zu beklagen, die Liebe hat nicht gehalten, was sie versprochen hat, und der alte Geldadel ist wieder mehr oder weniger unter sich. F. Scott Fitzgerald seziert 1925 den American Dream und lässt hinter die Fassade blicken. Auch einhundert Jahre später zeigt sich der Roman auf der Bühne aktuell. Mit Geld lässt sich vieles regeln, die Moral bleibt auf der Strecke. Wer will, kann durchaus Parallelen zur heutigen Zeit ziehen. Insofern verrät das Stück nicht nur kleine, sondern auch große Geheimnisse. Ob sich im Großen etwas verändert, bleibt dahingestellt. Diese nun wirklich letzte Premiere auf der alten Bühne im Theater Fletch Bizzel bringt noch einmal ein volles Haus mit Publikum, das von der Spielfreude des Ensembles der Academy of Theatre, Music and Dance begeistert ist. Auf die nächste Produktion kann man also gespannt sein. Dann vielleicht auf der neuen Bühne des Fletch im Theater Olpketal, die das Theater Fletch Bizzel voraussichtlich ab Herbst bespielt.

ATMD auf Instagram @atmd.dortmund www.fletch-bizzel.de




Große Oper im kleinen Studio

Neufassung von „Salomé“ am Schauspiel Dortmund

 Oscar Wilde verfasste seinen Einakter „Salomé“ 1891 in Paris, wo er fünf Jahre später auch uraufgeführt wurde. In England fiel der skandalumwitterte Text unter die Zensur – ein Drama voller Sex, Blasphemie und abgründiger Begierden war einfach zu viel für die prüden Viktorianer. Richtig bekannt wurde der Stoff erst durch die Oper von Richard Strauss, der damit „Salomé“ die Pforten zur Hochkultur öffnete. Einar Schleef nannte das Stück eine „Sauerei“ und inszenierte seine eigene Version 100 Jahre nach der Uraufführung 1997 in Düsseldorf. Diese Fassung hat die junge Regisseurin Madita Scülfort noch einmal bearbeitet für ihre zweite Regiearbeit am Haus, die Inszenierung im Studio des Dortmunder Schauspiels ist bildgewaltig, ambitioniert, bisweilen angestrengt theatral und sie verlangt dem Zuschauer einiges an Aufmerksamkeit ab. Wer sich darauf einlassen kann, der darf den Abend genießen, neunzig emotionsgeladene Minuten der besonderen Art. Das Lebensgefühl gegen Ende des 19. Jahrhunderts war für viele Zeitgenossen geprägt von Melancholie, Weltschmerz und gesellschaftlichem Verfall. Für manche ist auch über hundert Jahre später dieses Gefühl wieder gegenwärtig. Die Menschen damals erwarteten das neue Jahrhundert hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Zukunftsangst. In der Kunst spiegelte sich diese Endzeitstimmung des „Fin de Siècle“.



In vielen Werken dieser Zeit ging es um Sexualität, Träume und um Vergänglichkeit. So auch im symbolistischen Einakter „Salomé“.

Entsprechend traumhaft wirkt das düstere und doch auch bunt gemalte Bühnenbild von Slynrya Kongyoo. Alles erscheint metaphorisch, die Ornamente auf den Kulissen, das grüne Moos, das an vielen Stellen hervorquillt, der knorrige Baum im Hintergrund, ein Baum mit Augen, die im Verlauf des Abends immer wieder auf alle Kulissen projiziert werden.

Der Plot des Dramas ist schnell erzählt. Am Hof von Herodes, einem Vasallen Roms, wird ein Fest gefeiert. Herodes ist besessen von seiner Stieftochter Salomé und will, dass sie für ihn tanzt. Salomé aber liebt den Propheten Johannes, der als Gefangener im Kerker sitzt, ein apokalyptischer Welterklärer. Der weist das Mädchen zurück, woraufhin Salomé als Preis für den Tanz von Herodes den Kopf des Johannes fordert und auch erhält. Am Ende dieser dramatischen Spirale aus Liebe, Begehren und Begierde sind beide tot. Scülfort konzentriert ihre Inszenierung auf Salomé, die hier weder als Femme fatale oder Heilige interpretiert wird, sondern als junge Frau, die sich mit radikaler Zuneigung wehrt, die dafür kämpft, gesehen zu werden und dafür konsequent die Grenzen der Konventionen sprengt. Gegen sich selbst und stellvertretend für die Welt.

Aus der Rückschau erzählt Salomés Mutter Herodias die Ereignisse dieser verhängnisvollen Nacht, in der eine brüchige Welt plötzlich endgültig zusammenzubrechen scheint. Damit rückt auch das Wort als zentrales Mittel der Erzählung unmittelbar in das Zentrum der Inszenierung. Fast jeder Satz hört sich an wie ein gemeißeltes Relief, fast jedes Wort ist aufgeladen mit Bedeutung, bedeutsam wird auch gespielt und gesprochen, große Worte mit großen Gesten untermalt. Das wirkt oft übertrieben theatral, opernhaft beinahe, entwickelt aber auch einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Wie gesagt, wenn man sich darauf einlässt. Drei SchauspielerInnen bewältigen diesen emotionalen Marathon mit Bravour. Ein besonderer Kunstgriff der Regisseurin ist der fliegende Rollenwechsel. So spielt Sarah Quarshie die Tochter als auch die Mutter, Viet Anh Alexander Tran Salomé und Johannes. Auch Luis Quintana spielt zwei Figuren. Ein bisschen verwirrend ist das schon, sich die Teile dieses dramatischen Puzzles zusammenzufügen. Aber es ist die Mühe wert und zeigt anschaulich die radikale, kräftezehrende Identitätssuche der Protagonistin.

Salome: Sarah Quarshie, Viet Anh Alexander Tran (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Salome: Sarah Quarshie, Viet Anh Alexander Tran (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Das Zusammenspiel des Trios ist betont körperlich, intensiv und leidenschaftlich, die Wortgefechte werden zudem untermalt von mal hämmernden, mal sphärischen Sounds (Karl Neukauf) und ergänzt von ausdrucksstarken Choreografien (Beatrice Masala), die das Drama jeweils auf ganz eigene Weise rhythmisieren und übersetzen auf eine andere Ebene.

Wer nicht bereit ist, diesem emotionalen Wechselspiel zu folgen, dem geht es vielleicht ähnlich wie dem Paar neben mir. Nach eher verhaltenem Schlussapplaus fragt sie ihn: „Hast du es verstanden?“ Worauf der Mann kurz überlegt und dann nur mit den Schultern zuckt.

Für alle anderen ist diese „Salomé“ eine hochtemperierte, spannende Theaterreise.