Befreiung aus langem Schatten: Das Musical „Rebecca“ triumphiert im Opernhaus Dortmund

In Koproduktion mit den Vereinigten Bühnen Wien präsentierte die Oper Dortmund am 19. September 2026 die mit Spannung erwartete Neuinszenierung des Musical-Welterfolgs „Rebecca“. Regie-Routinier Gil Mehmert setzt das Erfolgsstück von Michael Kunze (Buch/Liedtexte) und Sylvester Levay (Musik/Orchestrierung) als bildgewaltigen Psychothriller in Szene. Für das orchestrale Fundament im Graben sorgen die Dortmunder Philharmoniker, die unter der feinfühligen Leitung von Carlos Vázquez die düster-romantische Partitur packend zum Leuchten bringen.



Die Vorlage lieferte Daphne du Mauriers berühmter Roman aus dem Jahr 1938: Eine mittellose, namenslose Gesellschafterin („Ich“) begegnet an der Côte d’Azur dem wohlhabenden Witwer Maxim de Winter. Die beiden heiraten überstürzt und ziehen auf seinen legendären Landsitz Manderley. Doch das herrschaftliche Anwesen wird vom Geist der verstorbenen Rebecca beherrscht. Allen voran lässt die verbitterte Haushälterin Mrs. Danvers die junge Nachfolgerin spüren, dass sie Rebeccas makellosem Mythos niemals das Wasser reichen kann. Während Maxim unter der Last finsterer Erinnerungen zerbricht, droht das tödliche Geheimnis um Rebeccas Tod auch die neue Ehe zu vernichten.

Das Ensemble von "Rebecca". Foto: (c) Björn Hickmann
Das Ensemble von „Rebecca“. Foto: (c) Björn Hickmann

Atmosphärisch dichte, wandelbare Bühnenbilder und opulente Kostüme tragen die psychologische Spannung bis zum dramatischen Finale samt spektakulärem Feuereffekt. Getragen wird der Abend von einer hochkarätigen Besetzung: Antonia Kalinowski überzeugt auf ganzer Linie und vollzieht die Wandlung von der unsicheren, scheinbar unbedeutenden jungen Frau zur selbstbestimmten Retterin ihres Mannes mit stimmlicher Finesse und dramaturgischer Reife. Mark Seibert verleiht Maxim de Winter die nötige Tragik eines zerrissenen, schuldgeplagten Aristokraten.

Als darstellerische Urgewalt erweist sich Bettina Mönch in der Paraderolle der Mrs. Danvers: Mit bedrohlicher Präsenz zelebriert sie ihren manischen Totenkult und spinnt im Verbund mit dem herrlich zwielichtigen Jack Favell (glänzend besetzt mit David Jakobs) ihre bösen Fäden. Für willkommene humoristische Akzente in dieser beklemmenden Atmosphäre sorgt Amani Robinson als geschwätzige Mrs. van Hopper.

Ein packender Abend, den das Publikum mit tosendem Premierenapplaus und Standing Ovations feierte. Viele der kommenden Vorstellungen sind bereits restlos ausverkauft – wer Manderleys Untergang noch miterleben möchte, sollte sich sputen.

Tickets und Vorverkauf: www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Tiere an die Macht: Gelungene Uraufführung von „Miau!“ im KJT Dortmund

Mit dem Auftragswerk „Miau!“ der renommierten Dramatikerin Anne Lepper (ab 8 Jahren) feierte das Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT) am 18. September 2026 eine fulminante Uraufführung. Ensemble-Mitglied Sar Adina Scheer gab dabei ein rundum überzeugendes Regiedebüt.



Frei nach Erich Kästners Klassiker „Konferenz der Tiere“ verwandelt sich die KJT-Bühne in den Tagungsort der „Vereinigten Tier- und Pflanzenkonferenz“ (VTUPFK) – und das junge Publikum wird kurzerhand zu stimmberechtigten Seepferdchen-Delegierten ernannt. Die Szenerie besticht durch fantasievolle Grün- und Rosatöne, ergänzt durch einen runden, multifunktionalen Bildschirm, über den sich bedrohte Tierarten aus aller Welt mit ihren Nöten live zuschalten.

Der Ernst der Lage ist greifbar: Angesichts von Umweltzerstörung, Klimakrise und Ausbeutung natürlicher Ressourcen scheint der Fall für die Delegierten unter Leitung des geschäftigen Hamsters (Fabi ten Thije) klar: Die Erde muss vor dem Menschen gerettet werden. Gemeinsam mit der pessimistischen Giraffe (Bianca Lammert), dem Löwen (Rainer Kleinespel) und einer sprechenden Pflanze beschließen die Tiere drastische Maßnahmen. Doch kurz vor dem Beschluss kriecht eine bedächtige Schnecke (Sonja Glade) ins Geschehen – im Schlepptau ein „Kindchen“ (Andreas Ksienzyk), für das sie ein Gnadengesuch einreicht: Der Junge soll stellvertretend beweisen, dass die Menschheit lernfähig ist. Scheitert er, setzt sich eine unerbittliche Maschinerie in Gang.

Miau!: v.l.n.r.: Sonia Glade, Fabi ten Thije, Rainer Kleinespel, Andreas Ksienzyk
Foto: © Birgit Hupfeld
Miau!: v.l.n.r.: Sonia Glade, Fabi ten Thije, Rainer Kleinespel, Andreas Ksienzyk
Foto: © Birgit Hupfeld

Bühne, Maske und Kostüme begeistern mit enormem Detailreichtum und treffsicherem Witz. Das spielfreudige Ensemble geht mit viel Humor in seinen Rollen auf, wobei Bianca Lammert als Giraffe auch gesanglich starke Akzente setzt. Besonders charmant gelingt die wiederholte Einbindung des Publikums: Dass die Kinder im Saal ganz konkret als Helfende gebraucht werden, demonstriert spielerisch den Wert von Gemeinschaft und Zusammenhalt.

So verhandelt „Miau!“ auf kindgerechte, aber niemals naive Weise existenzielle Fragen: Es geht um Verantwortung und Widerstand, vor allem aber um die Selbstbestimmung junger Generationen auf einem krisengeschüttelten Planeten.

Weitere Termine und Karten unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Künstlerisch starke Positionen zur Globalisierung: Die Kunsthalle Dortmund eröffnet im Dortmunder U

Mit „INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000“ hat die Kunsthalle Dortmund – ehemals Hartware MedienKunstVerein (HMKV) – auf Ebene 6 des Dortmunder U ihre erste Ausstellung unter neuem Namen eröffnet. Das Kuratoren-Duo Dr. Inke Arns und Thibaut de Ruyter knüpft damit programmatisch an die geschärfte Profilierung des bisherigen HMKV an.



Der Auftakt markiert zugleich einen bemerkenswerten Identitätswechsel: Pünktlich zum 30-jährigen Bestehen verabschiedete sich der renommierte Hartware MedienKunstVerein im Sommer von seinem traditionsreichen, eigensinnigen Namen und firmiert als Ausstellungsort im U nun schlicht als ‚Kunsthalle Dortmund‘. Was einerseits den Abschied von einer unverwechselbaren Marke bedeutet, begründet Leiterin Inke Arns pragmatisch: Medienkunst sei längst kein elitäres Spezialgenre mehr, sondern integraler Bestandteil internationaler Gegenwartskunst geworden. Der neue Name soll Barrieren senken – auch wenn Trägerverein und diskursfreudiger Anspruch dieselben bleiben. Dass die erste Schau unter neuer Flagge gleich globale Handelsströme und geopolitische Netzwerke seziert, beweist: Der Name mag braver klingen, der analytische Biss des Hauses bleibt.

Ida Kammerloch, "MADE IN CHINA", (Foto: Ida Kammerloch)
Ida Kammerloch, „MADE IN CHINA“, (Foto: Ida Kammerloch)

Ausgangspunkt der Schau ist Chinas seit 2013 vorangetriebene „Belt and Road Initiative“, besser bekannt als Neue Seidenstraße. Im Zentrum stehen globale Lieferketten, Logistikströme und die Frage, wie sich diese Verflechtungen auf das Leben konkreter Menschen an konkreten Orten auswirken. Die gezeigten Netzwerke spannen einen Bogen von Japan und China über Zentralasien, den Kaukasus und die Türkei bis mitten hinein ins Ruhrgebiet.

Auf den Ebenen 3 und 6 des Hauses [– genaue Quadratmeterzahl hier einsetzen –] inszeniert Thibaut de Ruyter passend zum Thema eine Szenografie aus mobilen, alltäglichen Objekten der globalisierten Warenwelt – darunter auch der ikonische weiße Monobloc-Plastikstuhl.

Die internationale Gruppenausstellung vereint Arbeiten von 23 Künstlerinnen und Künstlern aus 16 Ländern. Das Spektrum reicht von Videoinstallationen und Skulpturen über Fotostrecken bis hin zu dokumentarischen Arbeiten: Ein japanischer Blick auf traditionelle wie industrielle Seidenproduktion trifft auf gefälschte Markenartikel, Doppelgänger-Phänomene und den Pipelinebau in der Türkei. Eindrückliche Aufnahmen führen etwa in die chinesisch-russische Grenzstadt Manzhouli. Zugleich spart die Ausstellung die Schattenseiten der Konsumgesellschaft nicht aus: Wer möchte, kann in einer Videoarbeit die unbarmherzigen sieben Stunden eines regulär 14-stündigen Arbeitstags in der Billiglohn-Textil- oder Spielzeugproduktion nachverfolgen.

Am Ende schlägt die Ausstellung den Bogen zurück in die Region: Ulrike Frankes und Michael Loekens preisgekrönter Dokumentarfilm „Losers and Winners“ (2006) erinnert an den spektakulären Abbau der Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl durch 300 chinesische Arbeiter und deren Verschiffung nach China. Ein historischer Meilenstein, der heute im Dortmunder Norden seine Fortsetzung findet – wo auf einstigen Industriebrachen die riesigen, hochautomatisierten Verteilzentren von IKEA oder Amazon den Takt der neuen Warenwelt vorgeben.

Begleitet wird die Schau von einem Rahmenprogramm aus öffentlichen Führungen, Fachdiskussionen und Familiensonntagen. Zu sehen ist „INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000“ bis zum 10. Januar 2027.