Klassik im Industrie-Klangraum – Die Dortmunder Philharmoniker im Salzlager der Kokerei Hansa

Das Konzept, klassische Musik aus den traditionellen Konzertsälen herauszuholen und an Un-Orte zu bringen, ist im Ruhrgebiet fest verankert. Doch selten gelingt die Symbiose aus historischer Architektur und musikalischer Exzellenz so organisch wie beim 4. Kammerkonzert der Dortmunder Philharmoniker. Unter dem vielversprechenden Titel „Lieblingsstücke“ luden die Musikerinnen und Musiker in das Salzlager der Kokerei Hansa – ein Abend, der bewies, dass Beethoven und Industriekultur sich erstaunlich viel zu sagen haben.



Ein genialer Strauss-Remix zum Auftakt

Den Beginn machte ein Werk, das man getrost als historischen „Remix“ bezeichnen darf: Richard Strauss’ Till Eulenspiegel einmal anders, in der hochkonzentrierten Bearbeitung von Franz Hasenöhrl. Wer das gewaltige orchestrale Original im Kopf hat, rieb sich hier fasziniert die Ohren. Eingedampft auf eine vitale Quintett-Besetzung war diese Hommage an Strauss zwar kurz, aber ungemein kurzweilig und von erfrischendem Witz geprägt. Die Musiker brachten die frechen, humorvollen Kapriolen des Till Eulenspiegel mit einer Pointiertheit auf die Bühne, die das Stück zu einem außergewöhnlichen, spritzigen Appetithappen des Abends machte.

Die Geigerin Shinkyung Kim gehörte zum Septett. (Foto: (c) Sophia Hegewald)
Die Geigerin Shinkyung Kim gehörte zum Septett. (Foto: (c) Sophia Hegewald)

Perfekte Harmonie zwischen Bläsern und Streichern

Das Hauptwerk des Abends forderte ein Höchstmaß an kammermusikalischer Präzision: Ludwig van Beethovens monumentales Septett Es-Dur op. 20. Es war eine helle Freude zu beobachten, wie außergewöhnlich gut die gemischte Besetzung aus Streichern und Bläsern hier harmonierte. Die Balance zwischen dem warmen Fundament der Streicher und den eleganten Linien der Bläser war makellos austariert. Das Ensemble musizierte mit einer spürbaren Spielfreude, die die jugendliche Frische und den unbeschwerten Esprit dieses frühen Beethoven-Meisterwerks voll zur Entfaltung brachte.

Industrielle Relikte als Resonanzkörper

Das eigentliche Highlight des Abends war jedoch die Kulisse selbst. Auf den ersten Blick scheinen das moderne, raue Industrieambiente der Kokerei Hansa und die Wiener Klassik eines Beethovens Welten voneinander entfernt zu sein. Doch die Verbindung funktionierte auf magische Weise. Das Salzlager erwies sich nicht bloß als dekorativer Hintergrund, sondern als ein ganz besonderer Klangraum. Die industriellen Relikte und die weiten Mauern absorbierten den Schall nicht, sondern formten ihn mit, sodass eine intime und zugleich tragende Akustik entstand, die den Instrumenten eine ganz besondere Färbung verlieh.

Fazit: Die Dortmunder Philharmoniker haben mit ihren befreundeten Gästen gezeigt, wie lebendig Kammermusik sein kann, wenn sie den richtigen Raum findet. Die Kokerei Hansa bot an diesem Abend weit mehr als nur Industrie-Nostalgie – sie wurde zu einem lebendigen Resonanzkörper für zwei absolute Lieblingsstücke. Ein rundum gelungener, kurzweiliger Abend, der vom Publikum mit begeistertem Applaus quittiert wurde.




Eine Zeitmaschine aus Klang – Das Sollazzo Ensemble in der Dortmunder Marienkirche

Es passiert nicht alle Tage, dass die Musikwelt einen jahrhundertealten Schatz hebt. Als 2015 der sogenannte Leuven Chansonnier bei einer Auktion auftauchte, war das eine musikwissenschaftliche Sensation: Ein intaktes, winziges Liederbuch aus der Zeit um 1470, vollgepackt mit weltlichen Chansons der franko-flämischen Schule. Einige dieser Werke sind weltweit einzigartig (Unica). Das hochkarätige Sollazzo Ensemble unter der Leitung von Anna Danilevskaia brachte dieses musikalische Juwel nun in der St. Marienkirche zu Gehör – und verwandelte das Gotteshaus für einen Abend in einen spätmittelalterlichen Fürstenhof.



Klangliche Transparenz in historischen Mauern

Wer die St. Marienkirche kennt, weiß um die akustischen Herausforderungen, die große Kirchenräume für komplexe, mehrstimmige Musik oft bereithalten. Aus den vorderen Reihen bot sich dem Publikum jedoch ein phänomenales Klangerlebnis. Die komplexe Polyphonie von Meistern wie Johannes Ockeghem, Antoine Busnoys oder Robert Morton verschwamm keineswegs im architektonischen Nachhall. Im Gegenteil: Die Gesangsstimmen und historischen Instrumente präsentierten sich in einer wunderbaren Klarheit und messerscharfen Deutlichkeit. Jede feine Linie, jede harmonische Reibung blieb transparent und greifbar.

Die Kunst der Zeitreise

Es ist eine Gratwanderung, Musik des 15. Jahrhunderts so zu interpretieren, dass sie nicht wie ein staubiges Museumsstück wirkt. Dem Sollazzo Ensemble gelang hier ein kleines Kunststück: Sie brachten die höfische Liebeslyrik und die intellektuelle Tiefe der Epoche so authentisch zu Gehör, dass sich die Zuhörenden unweigerlich auf eine Zeitreise zurück an die Schwelle zwischen Spätmittelalter und Renaissance versetzt fühlten.

Das Sollazzo Ensemble in der Marienkirche. (Foto: (c) Karen Elias)
Das Sollazzo Ensemble in der Marienkirche. (Foto: (c) Karen Elias)

Einzelne Stücke herauszuheben, fiele schwer und würde dem geschlossenen Charakter des Abends kaum gerecht werden. Jedes Chanson funktionierte wie ein kunstvoll gestaltetes Epochenfenster. Man konnte förmlich die melancholische Eleganz und die strenge Etikette der damaligen Adelshöfe spüren. Die Musikerinnen und Musiker transportierten die Emotionen der Texte mit einer Lebendigkeit, die das Gestern ganz nah ans Heute heranholte.

Ein Abend für Entdecker und Kenner

Dass ein solches Nischenprogramm kein klassisches Mainstream-Publikum anzieht, liegt in der Natur der Sache. Die Marienkirche war an diesem Abend spürbar von einem fachkundigen Publikum besetzt – Menschen, die die Seltenheit und den musikhistorischen Wert dieser Aufführung zu schätzen wussten. Doch auch die neugierigen Entdecker im Raum wurden von der dichten Atmosphäre und der handwerklichen Perfektion des Ensembles sogleich gefesselt. Unbekannte Musik der Renaissance in dieser Qualität bekommt man schließlich nur extrem selten live geboten.

Fazit: Das Sollazzo Ensemble hat dem Leuven Chansonnier in Dortmund genau die Bühne geboten, die dieser sensationelle Fund verdient. Ein Abend von berückender Klarheit, der bewies, dass alte Musik, wenn sie mit so viel Hingabe und Sachverstand interpretiert wird, die kraftvollste Zeitmaschine überhaupt sein kann.