Natur und Kunst finden innen statt

Ausstellung „Fläche & Raum“, print.kollektiv, im Torhaus zum Tag der Druckkunst

Die Wendeltreppe im alten Gemäuer ist eher düster, dafür öffnet sich am Ende der Blick auf einen hellen, gefühlt weiten Raum, in den das Sonnenlicht hineinlacht. Eine Landschaft breitet sich auf dem Boden aus. In einer Rundung tummeln sich in einem riesigen Netz Spinnen. Auf der gegenüberliegenden Seite sprechen Bücher und quaderförmige Objekte.



Aber keine Angst, es handelt sich um Drucksachen. Das Netz ist echt, doch die Spinnen kommen zweidimensional daher. Die Landschaft am Boden und an der Wand ist raumgreifend und dreidimensional. Man betritt im Torhaus Rombergpark an diesem Sonntag, dem Tag der Druckkunst, eine Installation des print.kollektivs, das sich 2022 zusammengeschlossen hat und seitdem hin und wieder gemeinsame Ausstellungen präsentiert.

Die drei DruckkünstlerInnen Bärbel Thier-Jaspert und Michael Jaspert aus dem Depot sowie Marc Bühren aus dem Umfeld des KünstlerInnenhauses, der jüngst 2025 den Kunstpreis des Ennepe-Ruhr-Kreises für sich entscheiden konnte, zeigen unter dem Titel „Fläche & Raum“ Variationen der Druckkunst.

Marc Bühren und Bärbel Thier-Jaspert im Torhaus Rombergpark (Foto: (c) Martina Bracke)
Marc Bühren und Bärbel Thier-Jaspert im Torhaus Rombergpark (Foto: (c) Martina Bracke)

Zu sehen sind Artificial Landscapes von Marc Bühren, die den Eingriff des Menschen in die Natur thematisieren. Natur wird zu einem gestalteten Raum.

Mit seinen Spinnen im Netz will Michael Jaspert auch Parallelen zum World Wide (oder sollte man „Wild“ sagen) Web aufzeigen. Beute lässt sich in beiden Netzen machen, wie er erklärt.

Bärbel Thier-Jaspert gestaltet „Sprachräume“. Papierobjekte auf der Basis von Zitaten sind zu druckgrafischen Unikaten entwickelt.

Lesen und nachdenken, umhergehen und schauen. Man kann durch den Raum wandern und seine Gedanken schweifen lassen. Diese Ausstellung zum Tag der Druckkunst, der seit 2018 deutschlandweit am 15. März gefeiert wird, dem Tag, als die Druckkunst als immaterielles Kulturerbe in die Liste der UNESCO aufgenommen wurde, ist ein lebendiges Beispiel für die Möglichkeiten und Weiterentwicklungen der Druckkunst. Bis 17 Uhr konnten über einhundertachtzig Besucherinnen und Besucher gezählt werden.

Noch mehr werden die Ausstellung sicherlich bis zum 5. April im Torhaus, Am Rombergpark 65, 44225 Dortmund, genießen. Jeweils dienstags bis freitags von 14.00 bis 18.00 Uhr und samstags und sonntags von 10.00 bis 18.00 Uhr. Bei lachendem Sonnenschein, aber auch bei schlechterem Wetter. Innen ist es jedenfalls immer trocken.

Das @print.kollektiv findet man auch auf Instagram.

„Fläche & Raum“, 15.03.2026 – 05.04.2026




Zwischen Mythos und Comic-Held: Grandvals „Mazeppa“ in Dortmund

Mit der deutschen Erstaufführung von Mazeppa ist der Oper Dortmund ein echter Coup gelungen. Das Werk stammt aus der Feder von Clémence de Grandval (1828–1907), einer der produktivsten Komponistinnen ihrer Zeit. Dass sie ihre Opern oft unter Pseudonymen veröffentlichen musste und von Kritikern trotz ihres Talents oft als „Amateurin“ herabgestuft wurde, macht diese späte Würdigung ihres handwerklich brillanten Fünfakters umso bedeutender.



Vom Held zum Verräter: Der historische Kern

Die Oper greift den Mythos um Ivan Mazepa (1639–1709) auf, jene schillernde historische Figur, die heute als ukrainischer Nationalheld verehrt wird. Die Legende seiner Jugend – er soll wegen eines Ehebruchs nackt auf ein Wildpferd gebunden und in die Steppe gejagt worden sein – bildet den furiosen Auftakt der Oper. Doch de Grandval und ihr Regisseur Martin G. Berger blicken tiefer: Es geht um den Mann, der zwischen den Fronten lavierte und schließlich vom glühenden Hoffnungsträger zum ausgestoßenen Verräter wurde.

Die Inszenierung: Treppensturz statt Historienschinken

Regisseur Martin G. Berger verzichtet konsequent auf historischen Pomp. Das zentrale Bühnenelement ist eine karge, aber wirkungsvolle Treppenlandschaft. Diese „Himmelsleiter“ dient als Symbol für den rasanten Aufstieg und den unvermeidlichen Fall.

Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund
Foto: (c) Björn Hickmann
Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund
Foto: (c) Björn Hickmann

Besonders spannend ist die visuelle Ebene: In Video-Sequenzen wird Mazeppa als Comic-Held im Stil moderner Blockbuster überzeichnet. Diese Ästhetik macht Mazeppa zu einer fast künstlichen Ikone – ein „Superheld“, dessen Fassade bröckelt, je mehr die politische Realität ihn einholt. Dieser „Netflix-Rhythmus“ sorgt für ein hohes Tempo, das die fünf Akte wie im Flug vergehen lässt.

Musikalische Romantik und sängerische Glanzlichter

Unter der Leitung von Jordan de Souza entfaltet die Partitur eine Wucht, die weit über das Jahr 1892 hinausweist.

Der cineastische Klang des Abends wurde maßgeblich von den Dortmunder Philharmonikern getragen, die unter der Leitung von Jordan de Souza in einem betont warmen, romantischen Stil schwelgten. Dabei verliehen besonders die geschickt eingewobenen russischen Volksweisen der Partitur eine atmosphärische Tiefe. Inmitten dieser orchestralen Pracht präsentierte sich Mandla Mndebele in der Titelpartie als die personifizierte Zerrissenheit – gleichermaßen charismatisch in seinem rasanten Aufstieg wie erschütternd in seinem tiefen Fall. Ihm gegenüber bildete Anna Sohn als Matréna das emotionale Zentrum des Abends; vor allem ihre bewegende Wahnsinnsszene im Finale markierte einen sängerischen Höhepunkt, der das Publikum zutiefst berührte. Flankiert wurde das Paar von Gegenspielern, die das Drama stimmlich zuspitzten: Während Sungho Kim als Iskra mit einem schneidenden Tenor überzeugte, dessen Warnungen vor dem Fremden tragisch ungehört verhallten, machte Artyom Wasnetsov als Kotchoubey die verzweifelte Ohnmacht eines Vaters mit seinem profunden Bass unmittelbar fühlbar.

Die Oper Dortmund zeigt, dass Clémence de Grandval eine Meisterin der Dramaturgie war. Ihr Mazeppa ist kein verstaubtes Relikt, sondern durch Bergers kluge Abstraktion und die Comic-Ästhetik eine hochaktuelle Parabel über die Zerbrechlichkeit von Macht. Ein Pflichttermin für alle, die große Oper im modernen Gewand erleben wollen.