Künstlerischer Blick auf die ostdeutsche Industriegeschichte

Vom 14. März bis zum 26. Juli 2026 präsentiert der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) im Dortmunder U (3. Etage) seine neue Ausstellung „Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz“. Die Schau entstand in Kooperation mit der GfZK – Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, wo sie bereits bis zum 22. Februar 2026 unter dem Titel „Robotron. Code und Utopie“ zu sehen war.

Das Industriekombinat „Robotron“ aus der ehemaligen DDR dürfte vielen Menschen ein Begriff sein. Der als „dritte industrielle Revolution“ bezeichnete, weltverändernde Siegeszug der Computer und Mikroelektronik, der in den 1960er-Jahren auch in Ostdeutschland stattfand, ist im Westen hingegen noch immer relativ unbekannt.

Zwanzig Künstler*innen setzen sich in der Ausstellung auf vielfältige Weise mit diesem Thema auseinander – sei es durch Fotografien, Videos, Skulpturen, Zeichnungen, figurative Ölgemälde oder Diagramme.

Ein Blick in die Ausstellung "Robotron" des HMKV (Foto: (c) Heinrich Holtgreve)
Ein Blick in die Ausstellung „Robotron“ des HMKV (Foto: (c) Heinrich Holtgreve)

Der Ausstellungstitel „Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz“ verweist auf das fast 14 Meter breite, monumentale Wandgemälde von Werner Tübke. Das 1973 im Auftrag der SED entstandene Werk ist bis heute fest in der Universität Leipzig installiert. Es sollte das Zusammenwirken von „Arbeiterklasse und Intelligenz“ veranschaulichen. Im Zentrum stehen der Großrechner Robotron R 300 sowie führende Manager des Kombinats, umgeben von Angestellten, Ingenieuren und Bauarbeitern – ein Sinnbild der technologischen, sozialistischen Moderne. Eine fünf Meter breite Ölskizze dieses Wandgemäldes ist im Zentrum der Ausstellung zu sehen.

Darüber hinaus thematisiert die Ausstellung die Rolle der Kybernetik, den massiven, umweltbedrohenden Wasserverbrauch der wachsenden Chip-Produktion, die Folgen des CoCom-Embargos der 1950er- und 1960er-Jahre sowie Wirtschaftsspionage und die Tücken der Planwirtschaft.

In einer modern-witzigen „Robotron – A Tech Opera“ nimmt eine der Künstlerinnen das Publikum mit auf eine Reise direkt in das Industriekombinat. Tina Bara dokumentiert eindringlich und musikalisch untermalt die 1988 heimlich in den Buna-Werken aufgenommenen Arbeitsbedingungen und Umweltzerstörungen. Franca Hunger untersucht die statistische Sprache der DDR-Bürokratie und entlarvt sie als quasi hypnotisierenden Verwaltungsapparat.

Antye Guenther wiederum greift mit ihrer Arbeit „Operation Zwiebelmuster“ den Toshiba-Skandal der 1980er-Jahre auf: Japanische Manager schmuggelten damals geheime Informationen über Computer-Chips in die DDR und wurden unter anderem mit edlem Meissener Porzellan bezahlt. In Guenthers Werk verschmelzen die Baupläne eines 1-Megabit-Chips mit dem traditionellen blau-weißen Zwiebelmuster, wodurch das Porzellan zum Träger einer verborgenen Mikroelektronik-Geschichte wird.

Es gibt also viel zu entdecken! Tiefergehende Erklärungen zur Geschichte von Robotron und zum Verständnis unserer technologisch geprägten Gegenwart liefern die Wandessays von Jan Wenzel, dem Verleger und Mitbegründer des Leipziger Verlags „Spector Books“.

Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen zu den Öffnungszeiten sowie zum umfangreichen Rahmenprogramm (darunter Buchvorstellungen & Talks zum Katalog „Robotron“, Künstler*innen-Aktionen, Lesungen, Yoga, Führungen und vieles mehr) finden Sie unter: www.hmkv.de

Übrigens: Am 24. Juli 2026 ist auf der Bühne vor dem Dortmunder U (20:00–22:00 Uhr) eine große Jubiläumsparty anlässlich des 30-jährigen Bestehens des HMKV geplant!




Winterreise – eine Wanderung, die mehrere Sinne anspricht

Ein multisensuales Poem nach dem Stück von Elfriede Jelinek im Studio des Schauspielhauses

Das Zucken des Lichts trifft das Auge. Der Donner ist mit dem ganzen Körper spürbar. Taube und Hörende können das Gewitter erleben. Im Publikum sitzen sie nebeneinander und folgen den fünf Wanderinnen und Wanderern auf ihrer Winterreise durch die Zeit und die Zeiten. Sturm, Schmerz, Tränen – Gefühle streifen durch ein Bühnenbild mit Wasserbecken, Windmaschinen und einem umgestürzten Mobilfunkmast. Im Hintergrund eine Projektionsfläche.

Ausgangsbasis ist die Winterreise von Franz Schubert, ein Liederzyklus aus dem Jahr 1827, in dem er vierundzwanzig Gedichte von Wilhelm Müller vertonte. Vielfach interpretiert und aufgenommen, finden sich Elemente daraus bereits in verschiedenen Werken, z. B. in einem Film von Hans Steinbichler oder dem Stück „Baal“ von Brecht. Auch eine Übersetzung der Lieder in österreichische Gebärdensprache gibt es.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ließ sich in den 2010er Jahren inspirieren und erhielt für ihre „Winterreise“ den Mülheimer Dramatikerpreis im Jahr 2011.

v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch
©Birgit Hupfeld

Die Mitglieder des Ensembles des Dortmunder Schauspielhauses, Linda Elsner, Marlene Goksch, Roberto Romeo und die Gäste Eyk Kauly – Deaf Performer, Schauspieler und Leiter des Deutschen Gehörlosentheaters – sowie Rafael-Evitan Grombelka arbeiten gemeinsam mit dem Regisseur Zino Wey mit Jelineks Text. Hörende und Taube interpretieren und finden neue Formen des Ausdrucks für diese „Partitur der Einsamkeit“. Gesprochen und gebärdet, vieles passiert auch ganz ohne Worte. Gefrorene Tränen werden auf die Gesichter geklebt. Im Wasserbecken stehend, mit Gewändern aus silbernen Bändern, entsteht die Illusion von fließendem Wasser. Wind jagt flatternde Fahnen. Einprägsame Bilder.

Dazwischen Liedfetzen von Schubert und Jelineks Worte. „Vorbei. Das Vorbei ist immer vorbei. Es kann anders kommen, man kann mit ihm mitgehen, aber vorbei ist vorbei.“ Die Liebe ist vorbei, verloren steht man in der Weite. Ein Zurück ist nicht möglich. Aber wohin? Allgemeingültig bleibt diese Suche über die Jahrhunderte.

Aber der Mobilfunkmast spielt auch seine Rolle. Sie wandern ohne Netz. Wieder ein eindrückliches Bild mit Mobiltelefonen auf der Suche nach Empfang. Die Geräte beleuchten die Gesichter aus der Nähe (verbaute LEDs machen es möglich). Individuell, aber kollektiv auf der Suche nach Liebe und Verbindung. Im Internet scheinbar so einfach. Aber auch das Verlassen und Weiterziehen sind naheliegende Optionen. Nur eine Spur. Und wieder vorbei.

Anklänge an Jelineks Lebensgeschichte finden sich insbesondere in dem Ausschließen des Vaters, aber dazu muss man tief eintauchen. Ihr Vater war in seinen letzten Lebensjahren dement. Der Text wirkt auch für sich. „Wandern im Vergessen“ ist die Passage betitelt.

Zino Wey zeichnet für Regie und Bühne verantwortlich, Pascale Martin für die vielfältigen Kostüme. Musik mit Lukas Hübner und Dramaturgie und Access-Dramaturgie in der Verantwortung von Sabrina Toyen und Franziska Winkler. Eine Einführung fand in Gebärdensprache mit Untertiteln im sog. „Institut“ eine halbe Stunde vorher statt.

Vor Lichtreizen und lauten Basstönen, die in den Körper dringen, wird gewarnt, es ist aber gut anzunehmen und unterstützt das „multisensuale Poem“. Ein eindrückliches, intensives Schauspiel mit und ohne Ton, eine insgesamt lohnenswerte Inszenierung, die sich für Hörende und Taube gleichermaßen eignet. Langanhaltender Applaus belohnt das Ensemble nach rund siebzig Minuten.

Weitere Aufführungen folgen, zum Beispiel am 28. und 29. März.

 

Alle Termine unter www.theaterdo.de




Über den Wolken: Götterdialoge – alles nochmal gründlich durchdenken

Götter schweben bekanntlich in anderen Sphären. Hoch über den Wolken?

Die Bühne im Theater im Depot ist an diesem Abend mit einem weißen Tuch großflächig bedeckt. Wie auf einer Wolke bewegt sich der Solist des Abends, Thomas Lehmen, in seiner Performance im Kampfpilotenanzug und mit entsprechendem Helm über die Bühne zu einem Sound, der für niemanden hörbar ist. Ein großer Gitarrenverstärker steht als Lautsprecher im Hintergrund, im Vordergrund links und rechts jeweils ein Mikrofon. Der Wolkenplatz wird von Scheinwerfern auf Stativen erhellt.

Der Gott des Unsinns ist sofort zu erkennen. Er führt den Tänzer an der Nase herum. Clowneske, pantomimische Bewegungen, die das Publikum amüsieren. Für die weiteren Dialoge kommt ein Buch ins Spiel, das es gar nicht mag, wenn jemand in ihm herumkritzelt. Dabei ist der Pilotenoverall auch mit drei Kugelschreibern bestückt. Doch diese kommen nicht zum Einsatz. Stattdessen darf das Buch durch Thomas Lehmen jede Menge sagen.

Tänzer Thomas Lehmen in "Götterdialoge". (Foto: (c) Thomas Aurin)
Tänzer Thomas Lehmen in „Götterdialoge“. (Foto: (c) Thomas Aurin)

„Jedes Gespräch nimmt mehr von der Sprache, als es gibt.“ Immer wieder bricht Lehmen das Gesagte durch seinen Tanz auf, zeigt seine Antwort – ohne Worte – darauf. Die Götter selbst mischen sich auf andere Weise weiter ein. Auf der linken Seite der Bühne symbolisieren verschiedenfarbige Transparentpapiere mehr oder weniger lebendige Wesen, vom Tänzer genutzt als Masken, Gegenpart, aber auch als eigenständig artikulierende Subjekte, die, zerknüllt über das Mikrofon gestülpt, bei ihrer Entfaltung Geräusche über die Boxen abspielen. Man hört also die Götter sprechen, doch das Gesagte bleibt faszinierend, aber unverständlich. So hält man sich an dem Buch fest, dem die Worte nicht ausgehen.

Die Bewegung auf dem Tuch ist nicht immer einfach, schließlich ist es lose und wirft Falten, aber Lehmen meistert seine tänzerischen Dialoge souverän, und so ein Gespräch mit Göttern ist ja auch immer ein etwas gefährliches Spiel. Götter sind und bleiben unberechenbar. Neben dem Gott des Unsinns sind es an diesem Abend noch die Götter für Nichts, Alles, Kunst, Liebe, Arbeit, Denken. Jede Menge Spielraum, Worte aus dem Buch, die vom Tänzer selbst stammen. Ein Fülle von Möglichkeiten, die Thomas Lehmen auf der Bühne zur Begeisterung des Publikums umsetzt.

Zum Ende hat er alles fest in der Hand, zieht langsam, aber stetig das Wolkentuch mit sämtlichem Equipment von der Bühne. Und schaltet bewusst jeden Scheinwerfer einzeln aus.

Lang anhaltender Applaus belohnt die monatelange Arbeit an dieser Tanzperformance.

 

Ein spannender Abend, der in einer kurzen Einführung mit Johannes Bergmann vom Theater im Depot und dem langjährigen Begleiter und Berater des Künstlers, Dr. Franz Anton Cremer, sowie einem Nachgespräch mit dem interessierten Publikum weitere Einblicke in die Arbeit des gebürtigen Oberhauseners gewährt. Thomas Lehmen tanzt seit mehr als dreißig Jahren. Nach Ausbildung in Amsterdam und verschiedenen Stationen, u. a. in Berlin, Gastprofessuren in Gießen, Hamburg und in Arizona, leitet er seit 2019 das Kunsthaus Mitte in Oberhausen und die Tanz-Arbeit Oberhausen. Hier widmet er sich intensiv seinem Anliegen, Kunst als Arbeit mit der Gesellschaft zu verbinden. Als ein durchaus sehr irdisches Projekt hat er seinerzeit das „Das Erste Oberhausener Arbeitslosen-Ballett“ in Leben gerufen.

Unterstützt wurde Lehmen bei den „Götterdialogen“ durch Anna Luisa Binder und punktuell durch die renommierte niederländische Tänzerin und Choreographin Pauline de Groot.

Weitere Aufführungen sind derzeit nicht terminiert, aber es wäre schön, wenn die Produktion wieder auf die Bühne käme. Ein Besuch im Theater im Depot lohnt auf alle Fälle.

 

www.theaterimdepot.de

www.kunsthausmitte.de