Unter Wölfen – Die letzte Premiere im Schauspiel am Hiltropwall

Nach dem Schlussapplaus an diesem besonderen Abend kündigt die Schauspieldirektorin Julia Wissert es an: Die Uraufführung von „PIDOR und der Wolf“ des amerikanischen Autors Sam Max ist tatsächlich die letzte Premiere im alten Gebäude des Schauspiels Dortmund.

Als „wahres Schauermärchen“ bezeichnet der Autor sein dicht gewebtes Familiendrama, in dem es um die Verfolgung queerer Menschen in einem tyrannischen Staat geht. Das Thema ist höchst aktuell, auch mit Blick auf autokratische Tendenzen in westlichen Demokratien. Das Dortmunder Ensemble unter der Regie von Jessica Samantha Starr Weißkirchen gestaltet daraus einen bisweilen anstrengenden, vor allem im ersten Teil manchmal überdramatisierten Theaterabend, was der Inszenierung aber wenig von ihrer Intensität nimmt. Auch wenn es wahrlich keine leichte Kost ist – die Aufführung besticht durch das intensive und körperbetonte Spiel der Darsteller, die fantasiereiche, variable Ausstattung (Wanda Traub) und immer wieder durch eindrucksvolle Bilder.

Beinahe märchenhaft geht es los. Auf der Bühne wabert Nebel, rechts und links stehen dunkle Tannen und mittendrin eine schräge Hütte; wie ein Gewächshaus sieht es aus, erinnert aber auch an das Hexenhäuschen aus „Hänsel und Gretel“. Aber im Haus und drumherum ist es weniger märchenhaft: Eine Frau raucht mit zitternden Händen, ein Kind wuselt herum und ein Mann läuft hin und her wie ein gehetztes Tier, sieht sich nervös immer wieder um und bleibt schließlich vor der Gartenpforte stehen. Dieser Beginn markiert den Ton der Inszenierung, den Rhythmus und die Atmosphäre. Eine dramatische Saite wird angeschlagen und klingt den ganzen Abend nach – nicht beschaulich, eher bedrohlich, schauermärchenhaft.

Pidor und der Wolf: v.l.n.r.: Antje Prust, Luis Quintana, Lukas Beeler, Ekkehard Freye und der Wolfschor(Foto: ©Birgit Hupfeld)
Pidor und der Wolf: v.l.n.r.: Antje Prust, Luis Quintana, Lukas Beeler, Ekkehard Freye und der Wolfschor
(Foto: ©Birgit Hupfeld)

Der Mann am Tor ist Peter, der schon als Kind auf dem Spielplatz als „Pidor“, als „Schwuchtel“ beschimpft und gedemütigt wurde. In Tschetschenien, wo Sam Max sein Stück ansiedelt, wird wie in keiner anderen Region brutal gegen LGBTQ+-Personen vorgegangen. Entführungen, Folter, Mord – jedes Mittel ist recht. Peter versteckt sich deshalb als Vater in einer Kleinfamilie, die ihm aber nicht nur als Tarnung dient. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Frau und Kind und seiner Sehnsucht, verabredet er sich ausgerechnet am Vorabend des achten Geburtstages seines Sohnes mit einem Mann, der sich Wolf nennt. Hoch und heilig verspricht er, am nächsten Tag wieder da zu sein, aber dann geht alles schief. Denn dieser Wolf ist ein Agent, der für die autokratische Regierung queere Personen aufspürt; das Date ist eine Falle. Peter landet im Gefängnis, wo er seine Jugendliebe, den Musiker Ilya, wiedertrifft. Erst acht Jahre später sieht er seine Familie wieder.

Dieser Plot ist die Grundlage für ein Drama, in dem Sam Max aufschlüsselt, wie sich die ganze Grausamkeit eines autokratischen Systems in den Körpern und Köpfen seiner Opfer niederschlägt und zu wirken beginnt. Peters Frau ist gezwungen, sich mit den Machthabern zu arrangieren; sie prostituiert sich, heiratet sogar den Wolf – aus Trotz, aus Kalkül oder aus Angst.

Am meisten aber leidet Peters Sohn, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Sowohl als Achtjähriger als auch als Jugendlicher mit sechzehn tritt er in Erscheinung. Oft erzählt er von sich in der dritten Person, wie es auch die übrigen Protagonisten immer wieder tun. Diese Erzähltechnik hilft den Figuren, Distanz aufzubauen zu ihren heftigen, widersprüchlichen und manchmal selbstzerstörerischen Gefühlen. Man folgt dieser Erzählung nicht mühelos, aber doch aufmerksam und mit Interesse.

Es ist vor allem dieser narrative Rahmen, der an Sergei Prokofjews Musikmärchen für einen Erzähler und Orchester aus dem Jahre 1936 erinnert, in dem der Protagonist auch den schützenden Garten verlässt und so dem Wolf eine Tür öffnet. Prokofjews Geschichte endet allerdings damit, dass der Wolf in den Zoo gebracht wird; Max’ „Schauermärchen“ dagegen mündet in einem grausamen Showdown, wo sich alle am sechzehnten Geburtstag von Peters Sohn wiedertreffen – ein ungeschöntes, hoffnungsloses Ende, eine Botschaft, die aufrüttelt.

Natürlich lebt die Inszenierung auch von der Musik Chiara Stricklands und dem live aufspielenden Cellisten, besonders aber von den souverän agierenden Schauspielern, die hin und wieder den dramatischen Ton ein wenig überstrapazieren, die sich aber ansonsten voll in jede Situation reinhauen mit Leib und Seele. Der Chor der Wölfe ist großartig choreografiert und in Szene gesetzt; diese pöbelnden, feixenden, brutalen Handlanger des Regimes erinnern an die uniformierten ICE-Agenten in Amerika. Die Aktualität der Inszenierung wird dadurch noch unterstrichen. Ein außerordentlicher Abend: anstrengend, aber unbedingt sehenswert.




Gipfeltreffen der Siebten: Marek Janowskis triumphale Rückkehr zu den Dortmunder Philharmonikern

Es war mehr als nur das 4. Philharmonische Konzert am 27. Januar 2026 im Konzerthaus. Es war eine historische Rückkehr und ein musikalisches Statement. Als Marek Janowski, der die Dortmunder Philharmoniker bereits von 1975 bis 1979 als Generalmusikdirektor prägte, das Podium betrat, schloss sich ein Kreis. Auf dem Programm standen keine solistischen Kabinettstückchen, sondern zwei gigantische Monolithen der Romantik: Schuberts Siebte und Bruckners Siebte.

Man könnte diese mutige Zusammenstellung als eine Reise von der „Keimzelle“ zur „Kathedrale“ bezeichnen. Die Dramaturgie des Abends schlug eine historische Brücke: Schubert, der Urvater der romantischen Sinfonik, der mit seinem Mut zu langen, singenden Themen und atmosphärischen Wanderungen den Weg bereitete – und Bruckner, der diesen Stil später in gigantische Dimensionen führte. Ohne Schuberts Vorarbeit wäre Bruckners Klangkosmos kaum denkbar gewesen.

Von der himmlischen Länge zur architektonischen Tiefe

Beide Werke eint das Spiel mit der Zeit, doch auf völlig unterschiedliche Weise. Was Robert Schumann einst bei Schubert als „himmlische Länge“ bezeichnete, nutzt dieser für einen unaufhaltsamen, rhythmischen Puls. Es ist ein musikalisches „Ja“ zum Leben, strahlend, tänzerisch und voller Vorwärtsdrang trotz aller innewohnenden Melancholie.

Nach der Pause dann der Kontrast in der Energie: Bruckners Siebte in E-Dur. Hier wird die Zeit genutzt für einen monumentalen, fast sakralen Aufbau. Vom ersten, endlos strömenden Thema bis zum berühmten Adagio – der Totenklage für Richard Wagner – füllt die Musik Raum und Zeit auf eine Weise, die eher dem Besteigen eines Berggipfels gleicht als einer Wanderung im Tal.

Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.
Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.

Der Architekt am Pult

Dass dieses „schwere“ Programm nicht unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach, ist dem Rückkehrer am Pult zu verdanken. Marek Janowski erwies sich einmal mehr als der „Architekt“ unter den Dirigenten. Er ist kein Mann des bloßen Pathos, sondern ein Analytiker, der Strukturen offenlegt.

Bei Schubert verhinderte Janowskis Zugriff konsequent, dass die „Große C-Dur“ im rein „Gemütlichen“ stecken blieb; stattdessen verlieh er ihr den nötigen Drive und rhythmische Schärfe. Bei Bruckner wiederum sorgte er mit struktureller Klarheit dafür, dass die riesigen Steigerungswellen nicht zerflossen, sondern sich logisch und zwingend aufbauten.

Ein Wiedersehen mit der „Janowski-Schule“

Für das Orchester war der Abend wie ein Wiedersehen mit einem strengen, aber hochgeschätzten Lehrmeister. Der spezifische, transparente Orchesterklang, den Janowski fordert, war deutlich zu hören. Es wirkte wie eine Rückbesinnung auf die eigene Identität und das Kernrepertoire der deutschen Romantik.

Dabei blieb Janowski seinem Ruf als „Anti-Star“ treu. Dass er zwei so massive Sinfonien ohne Solisten und ohne Beiwerk nebeneinanderstellte, passt perfekt zu seinem Ethos: Keine Mätzchen, die Musik soll für sich selbst sprechen. Es war ein puristisches Programm, das volles Vertrauen in die Substanz der Kompositionen setzte.

Eine Brücke in die Vergangenheit

Der langanhaltende Applaus am Ende galt nicht nur der künstlerischen, sondern auch der physischen Leistung. Für den 1939 geborenen Dirigenten ist ein solches Programm ein Kraftakt, der höchste Konzentration und Ausdauer verlangt. Dass er diese Energie mit weit über 80 Jahren noch aufbringt, rang dem Saal tiefen Respekt ab.

Besonders für jene Besucher, die Janowski noch aus den 70er Jahren kannten, war dieser Abend eine emotionale Brücke in die eigene Vergangenheit. In einer sich schnell verändernden Welt wirkte Janowskis Beständigkeit – als sachdienlicher, strenger Diener der Partitur – beruhigend und erdend. Ein großer Abend für Dortmund.