Pop-Fassade und toxische Weiblichkeit

Im Studio des Schauspiels Dortmund feierte am 23.01.2026 die musikalische, queere Sitcom „I wanna be a Gurrrlband“ unter der Regie von Shari Asha Crosson ihre Uraufführung.

Die Girlband „Poly Pockets“ steht im Mittelpunkt des Geschehens. Die vier Frauen – Jeanne (Sarah Quarsie), Alice (Push Abdellaoui), Demmi (Rose Lohmann) und Salome (Hannah Müller) – vertreten unter dem Slogan „All we need is Girl Power“ ein queeres Selbstverständnis. Mit dabei ist auch Demmis Hund Kylo, der das Geschehen als Beobachter mit bissig-frechen Kommentaren begleitet.

Der Bruch der Fassade

Als ihr innen komplett rosaroter Tourbus in der Wüste liegen bleibt, zerbricht in der Hitze die glitzernde Pop-Fassade. Eine toxische Mischung aus subtilen Machtspielen, Begehren, Erschöpfung und der Suche nach Authentizität bricht hervor. Konkurrenzdruck, Perfektionismus (befeuert durch die sozialen Medien) sowie Eifersucht treten offen zutage. Es zeigt sich: Auch Frauen können patriarchale Strukturen weitertragen.

v.l.n.r.: Sarah Quarshie, Rose Lohmann, Hannah Müller und Puah AbdellaouiFoto: ©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Sarah Quarshie, Rose Lohmann, Hannah Müller und Puah Abdellaoui
Foto: ©Birgit Hupfeld

Die vier Band-Mitglieder tragen Namen, die auf weibliche Rollenbilder der Geschichte verweisen:

  • Jeanne: Die Frontfrau ist nach der Kriegerin Jeanne d’Arc benannt und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Unabhängigkeit, Macht und Nähe.
  • Salome: Sie verweist auf die biblisch-mythologische Verführerin (Verbindung von Begehren, Macht und Tod) und schützt sich durch eine Fassade aus Ironie und Zynismus.
  • Alice: Sie wandelt wie „Alice im Wunderland“ zwischen Traum und Realität.
  • Demmi: Sie verkörpert die müde, desillusionierte, aber fürsorgliche Demeter-Figur.

Ausbruch aus Narrativen

Die Managerin Sharly Mannson (Shari Asha Crosson) lenkt das gewünschte Verhalten der Band per Video; es geht allein um Profitinteressen. Solange die Frauen im Sinne des Systems „funktionieren“ und Erfolg haben, sind sie „sichtbar“. Die Figuren versuchen jedoch, sich aus festgefahrenen Narrativen zu befreien und ihre Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Das Ende – so viel sei verraten – verweigert allerdings ein klassisches Happy End.

Die Inszenierung räumt der Musik von Girlbands wie den „Spice Girls“ und anderen viel Platz ein. Dies ist nicht nur gesanglich eine Herausforderung für das Quartett auf der Bühne: In passenden Outfits bewältigen sie scheinbar mühelos eine anspruchsvolle, frech-frivole Choreografie.

Die queer-feministische Sitcom richtet sich, auch sprachlich, vor allem an ein jüngeres Publikum.

Infos zu den weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel. 0231 / 50 27 222.

 




Lucie Horsch und die Vielfalt der Blockflötenkunst

Erneut gastierte die niederländische Star-Blockflötistin Lucie Horsch (* 1999 in Amsterdam) am 22.01.2026 im Rahmen der Reihe „Junge Wilde“ im Dortmunder Konzerthaus. An ihrer Seite brillierte diesmal als kongeniale Begleitung das 2005 in Gent gegründete B’Rock Orchestra, ein Ensemble aus 13 Musikerinnen und Musikern. Das Orchester verbindet seine Leidenschaft für Barockmusik mit modernen, zeitgenössischen Interpretationen.

Das Programm bot eine vielseitige musikalische Reise durch mehrere Jahrhunderte, die häufig die facettenreichen Gefühlswelten der dunklen Nacht thematisierte. Dabei gingen die einzelnen Beiträge fast fließend ineinander über.

Von barocker Pracht zu moderner Abstraktion

Im Spiegel des Barocks erklangen anspruchsvoll-virtuose Arrangements von Antonio Vivaldi (1678–1741), Arcangelo Corelli (1653–1713) und Pietro Antonio Locatelli (1695–1764). Kontrastiert wurden diese durch die komplexen Klangwelten Béla Bartóks (1881–1945), die meditativ-reduzierte Musik Isang Yuns (1917–1995) sowie die abstrakten musikalischen Frequenzen von György Kurtág.

Lucie Horsch (Foto: Simon Flowler)
Lucie Horsch (Foto: Simon Flowler)

Ein besonderer Höhepunkt war das nach der Pause präsentierte Werk „Airs, Riffs & Runs“, das Robert Zuidam eigens für diesen Anlass für Lucie Horsch komponiert hatte. Nach einem lyrischen Beginn steigert sich das Stück in eine kinetische Ekstase, um schließlich in einem rockigen Scherzo zu münden.

Virtuosität und Ausdruckskraft

Die charismatische Solistin begeisterte durch die meisterhafte Beherrschung ihres Instruments, wobei ihr ganzer Körper die Musik sichtlich mitgestaltete. Da sie während des Konzerts immer wieder zwischen verschiedenen Flöten wechselte, kam die gesamte Bandbreite und Ausdruckskraft der Blockflöte zur Geltung.

Auch das B’Rock Orchestra stellte sein Können und Einfühlungsvermögen unter Beweis, insbesondere beim theatralischen Concerto grosso für Streicher und Basso continuo Es-Dur op. 7 Nr. 6 von Locatelli. In zehn kurzen Sätzen vertonte der Komponist hier auf originelle Weise die Gefühlswirren der verlassenen mythologischen Figur Ariadne.

Dass Lucie Horsch zudem über eine starke Stimme verfügt, bewies sie eindrucksvoll bei einer Arie als Zugabe.




Deep Dive – Eintauchen in „Don Juan“ von Richard Strauss

„Herrlich, oder?“ Jordan de Souza ist begeistert. Im ersten Teil des zweiten Konzertes unter dem Motto „Deep Dive“ taucht er mit den Dortmunder Philharmonikern und dem Publikum tief in das Werk des fünfundzwanzigjährigen Richard Strauss, in den „Don Juan“ ein. Anhand einer Reihe von Klangbeispielen aus dieser Tondichtung und aus vergleichenden Ausschnitten von Mozart, Brahms, Wagner und einigen anderen verdeutlicht er das Einmalige, aber auch das Herkömmliche in Strauss‘ Werk. Und vermittelt nebenbei ein wenig zu dem Leben und dem weiteren Wirken des Komponisten.

Zwar liest er seine Texte vom Blatt ab, aber immer wieder spricht er auch frei, es bricht sich seine Begeisterung für das vorgestellte Werk, aber auch für die anderen Beispiele Bahn. Dabei wechselt er noch lebhaft zwischen Klavier und Taktstock, führt kleinere Tonfolgen selbst vor, bezieht dann wieder das Orchester ein.

Das Publikum folgt aufmerksam. Eine ganze Reihe von Schülerinnen und Schülern sitzt im Parkett, hat sich also an einem Montagabend ins Konzerthaus geschwungen, um sich in das Werk zu vertiefen. Ab und an flüstern die Menschen im Saal sich etwas zu, gehen mit, muss das Gehörte doch kurz verarbeitet werden. Eine lockere Atmosphäre.

Aktiv konnte man bereits vor der Veranstaltung im Foyer werden. Das Tiny Music House der Dortmunder Philharmoniker, eine eigene kleine Bühne auf Rädern mit zwei Musikvermittlerinnen, bietet die Möglichkeit, Sequenzen aus dem „Don Juan“ zu sampeln und mit Beats zu unterlegen. Das Angebot wird von Jung bis Alt angenommen und bringt in kurzer Zeit Ergebnisse und viel Spaß.

Selber Samplen und Mixen war möglich. (Foto: Martina Bracke)
Selber Samplen und Mixen war möglich. (Foto: Martina Bracke)

Im Saal geht es besonders lebhaft zu, als auch Musik von James Brown und dem Filmkomponisten John Williams erklingt. Alle sind offenbar mit „Star Wars“ vertraut. Aber dafür ist man ja da, etwas Neues zu hören, zu erfahren und zu genießen.

Und nach der Pause ist es dann so weit, dass der ganze „Don Juan“ aufgeführt wird. Etwa zwanzig Minuten, die aber reichen, dass dem Publikum „warm wird“ gemäß der zweiten Regel des Komponisten und Dirigenten Richard Strauss „Du sollst beim Dirigieren nicht schwitzen, nur das Publikum soll warm werden.“

Ob de Souza geschwitzt hat, weiß man nicht. Aber zur Freude des Publikums hat er dirigiert gemäß Regel eins: „Bedenke, dass du nicht zu deinem Vergnügen musizierst, sondern zur Freude deiner Zuhörer.“

Wobei er und alle Musikerinnen und Musiker bestimmt auch, so ein kleines bisschen, zu ihrem eigenen Vergnügen musiziert haben. Schließlich ist es kein Verbrechen, bei der Arbeit Spaß zu haben.

Ein Verbrechen ist vielleicht das „Todeszucken der Violine“, das das Ende markiert. Bereits vor der Pause einmal vom Orchester gespielt, „damit Sie (das Publikum) später genau wissen, wann Sie klatschen müssen.“

Das haben sich alle gemerkt, und langanhaltender Applaus honoriert den Abend der gut aufgelegten Philharmoniker mit ihrer Solistin Anna Sohn und ihrem Dirigenten Jordan de Souza.




Ausnahmezustand

Es ist schon eine besondere Herausforderung, das bekannte Terrain der Bühne zu verlassen und in den unbekannten Gefilden von Klassenzimmern aufzutreten. Nah am Publikum, auch im Publikum. Roberto Romeo nutzt den gesamten Raum, für die Premiere noch nicht in einem Klassenzimmer, sondern im sog. „Institut“ des Schauspielhauses. Ca. zwanzig Schülerinnen und Schüler sitzen auf Bänken an Tischen und sehen zu Beginn auf einer Leinwand im Hintergrund einen kurzen Film mit brennenden Wäldern, schmelzendem Eis und einem halb verhungerten Eisbären.

Roberto Romeo kommt als Marvin, achtzehn Jahre alt, auf die Spielfläche, schüttet erst einmal eine Tüte Müll auf den Boden, um dann sauberzumachen. Dabei erzählt er seine Geschichte. Sein Verhältnis zu den Eltern, seine Begegnung mit Lea, wie er beginnt, über das Klima und den Klimaschutz nachzudenken. Wie er mit anderen demonstriert und ihm das irgendwann nicht mehr reicht. „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.“ Und er meint nicht nur das Putzen des Klassenzimmers.

Was kann man tun? Reicht ein Einkauf im Biomarkt? Schon mal über das Handy und die Rohstoffe nachgedacht? Das Handy ist dem Publikum wichtig, merkt man. Ist es heilig?

Wie weit geht man, wenn man von seinen Zielen überzeugt ist? Wie reagieren andere? Was ist legitim? Was ist legal?

Roberto Romeo als Marvin. (Foto: Birgit Hupfeld.)
Roberto Romeo als Marvin. (Foto: Birgit Hupfeld.)

Marvin putzt, weil er Sozialstunden aufgebrummt bekommen hat. Weil er, um aufzurütteln, radikaler wurde. Im Klassenzimmer. Und in diesem Zimmer sitzen junge Menschen, die verschiedene Meinungen haben.

Die Schülerinnen und Schüler im Publikum sind um die fünfzehn Jahre alt, neunte Klasse. Der Schauspieler ist Mitte zwanzig und verkörpert Marvin so lebensecht, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion teilweise verschwimmen. Sie erkundigen sich nach Lea, der Freundin von Marvin, was sie dazu sagt. „Wenn man die Welt retten muss, hat man sowieso keine Zeit für die Liebe.“ Sie kritisieren seinen Umgang mit dem Vater.

Teilweise werden die jungen Leute von Marvin direkt angesprochen, teilweise mischen sie sich auch so ein. Roberto Romeo behält souverän seinen roten Faden. Am Ende ist die Spielfläche sauber, er erntet wohlverdienten Applaus. Damit gibt es keinen vorgegebenen Text mehr (Stück von Christina Kettering), die Aufführung ist aber noch nicht zu Ende. Es schließt sich eine Gesprächsrunde an, moderiert von der Theaterpädagogin des Schauspielhauses Sarah Jasinsczcak, die bereits viele Jahre die Stücke am Haus begleitet und auch mit in die Klassenzimmer geht. Für Romeo ist es das erste Klassenzimmerstück, in der Generalprobe mit einer dreizehnten Klasse, in der Premiere mit einer neunten. Dazwischen liegen sicherlich schon Welten.

Spannend zu hören, auf was die Einzelnen achten, was die jungen Menschen beschäftigt. Was sie im Stück gesehen haben. Was sie auf ihre Lebenswelt übertragen können. Und sicherlich endet das Gespräch nicht, wenn die Jugendlichen ihr Klassenzimmer wieder für sich haben. Denn vieles kann das Stück in einer knappen dreiviertel Stunde nur anreißen; es muss in der Diskussion und im Dialog mit den Lehrerinnen und Lehrern noch vertieft werden. Eine Basis ist gelegt, aber die Ver- und Bearbeitung bleiben eine weitere Herausforderung.

 

Regie: Madita Scülfort, Dramaturgie: Cosima Schubert, Ausstattung (bemerkenswert im Laufe des Stücks auf jeden Fall der Hoodie): Slynrya Kongyoo, Unterstützung mobile Vorstellungen: Quinn Mengs