Tief eingetaucht in Beethovens 5. Sinfonie

Im Dortmunder Konzerthaus präsentierten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung des neuen GMD Jordan de Souza das neue Format „Deep Dive“. Bei dieser Premiere tauchte das Publikum tief ein in die 5. Sinfonie c-Moll op. 67 von Ludwig van Beethoven (1770–1827), der sogenannten „Schicksalssinfonie“ aus den Jahren 1807/1808. Das Werk wurde in den Kontext des privaten und historischen Lebenshintergrunds des Komponisten eingeordnet.

Das Besondere und musikalisch Innovativ-Revolutionäre Beethovens wurde dem Publikum anschaulich vermittelt. Spürbar wurde im ersten Teil des Abends vor allem die existenzielle Wucht des berühmten Anfangsmotivs „pa-pa-pa-paa“ im ersten Satz. Dieses prägnante Motiv kehrt in den folgenden drei Sätzen in versteckter und variierter Form wieder. Auch der Einfluss der Französischen Revolution (1789) auf den rebellischen Komponisten der Wiener Klassik wurde deutlich herausgearbeitet.

Humorvoll eingebunden durfte das Publikum selbst aktiv werden und das klopfende Motiv mit laut gerufenen Worten wie „Liberté“, „Égalité“ – oder je nach Temperament auch „BVB“ – begleiten. Mit kurzen musikalischen Beispielen wurde zudem der deutliche Entwicklungssprung im Vergleich zu Mozart (etwa aus Die Hochzeit des Figaro) oder Beethovens Lehrer Haydn herausgestellt. Ebenso wurde hörbar, wie meisterhaft Beethoven musikalische Spannung aufbaut und seine Motive kunstvoll variiert.

Intensive Beschäftigung mit Beethovens 5. Sinfonie (Foto: (c) Valdas Miskinis / pixabay).
Intensive Beschäftigung mit Beethovens 5. Sinfonie (Foto: (c) Valdas Miskinis / pixabay).

Die tragisch-existenzielle Grundstimmung des ersten Satzes entfaltet eine fast niederschmetternde Kraft. Im Verlauf verändert sich der Charakter jedoch spürbar: Die Musik wirkt zunehmend sehnsuchtsvoll, romantisch, stellenweise wie eine Liebeserklärung – dann wieder geheimnisvoll und unheimlich. Nachdem sich die Klangwelt nochmals verdunkelt, gelingt Beethoven im Finale ein überwältigender Durchbruch von euphorischem, beinahe revolutionärem Schwung. Das Ergebnis: ein kraftvoll optimistisches Menschenbild, das bis heute fasziniert.

Nach einer kurzen Pause folgte die vollständige Aufführung der Fünften, eindrucksvoll interpretiert von den Dortmunder Philharmonikern und temperamentvoll-empathisch geleitet von Jordan de Souza.

Fazit: Ein spannendes Format, das Neulingen wie Kennern einen intensiven, persönlichen Zugang zu Werk und Komponist eröffnet.

Das nächste Deep-Dive-Konzert findet am 12.01.2026 um 19:00 Uhr im Konzerthaus Dortmund statt.
Thema: Richard Strauss – Don Juan, op. 20




Der zerbrochne Krug

Am 11.10.2025 feierte die dritte Inszenierung von Lola Fuchs Premiere auf der Bühne des Dortmunder Schauspiels. „Der zerbrochne Krug“ kündigt sich als eine Mystery-Seifenoper nach Heinrich von Kleist an und hält damit mindestens die Hälfte seines Versprechens. Die Eckdaten aus Kleists ursprünglichem Lustspiel sind gleich, jedoch entstaubt Fuchs die Figuren und Handlung und katapultiert sie in eine schräge Szenerie zwischen entrücktem CDU-Dorfleben und überdrehter Influencer-Realität.

Die Handlung rund um einen Gerichtsprozess bekommt auf der Dortmunder Bühne einen grotesk modernen Anstrich. Die Klägerin und Geschädigte Marthe Rull (Antje Prust) tritt als überambitionierte Keramik-Unternehmerin von „The Pottery Fairy“ auf, die ihre Tochter Evangelista aka Eve (Puah Abdellaoui) für ihren Lebenstraum vereinnahmt. Ihr Trailerpark-Look steht dem von Eves prolligen Geliebten Ruprecht Tümpel (Roberto Romeo) in nichts nach, und doch sind die beiden sich spinnefeind. Das reicht so weit, dass Marthe Ruprecht beschuldigt, ihre Töpferware zerstört zu haben, und wendet sich dafür direkt an den Dorfrichter Mr. A (Linus Ebner). Dieser ist als aktives Mitglied im CDU-Landesverband und Naturwein-Liebhaber Vertrauensperson für die Dorfbewohner:innen, entpuppt sich jedoch schließlich als der Schuldige des Verbrechens. Der Gerichtsschreiber Licht (Lukas Beeler) bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als seine „Magd“ und mimt den Erzähler für das Publikum. Aus Gerichtsrat Walter wird bei Fuchs die unterkühlte Compliance-Managerin Wendy Walter (Nika Mišković), die die Ermittlungen überwacht. Und zu guter Letzt taucht noch das Dorfmedium Brigitte auf, die sich zwischen mysteriösem Orakeln, gewitztem Geschäftssinn und verrücktem Vogelnest auf dem Kopf bewegt.

Der zerbrochne Krug.: v.l.n.r.: Tobias Hoeft, Lukas Beeler, Roberto Romeo, Antje Prust, Puah AbdellaouiFoto © Birgit Hupfeld
Der zerbrochne Krug.: v.l.n.r.: Tobias Hoeft, Lukas Beeler, Roberto Romeo, Antje Prust, Puah Abdellaoui
Foto © Birgit Hupfeld

Fuchs verpackt in ihrer Adaption von Kleists Stück über Wahrheit und Recht jede Menge  Gesellschaftskritik. Angefangen bei ihrem humoristischen, aber pointiert kritischen Blick auf digitale Medien, neoliberale Geschäftsmodelle und moderne Sozialstrukturen richtet Fuchs ihre Aufmerksamkeit besonders auf Phänomene, die uns die Gegenwart leicht bekömmlich, aber klar aufzeigen. Eve wurde seit ihrer Kindheit von ihrer Mutter an die Töpferscheibe gezwungen und verkörpert eine Type des Millennials, die unter Leistungsdruck und digitaler Omnipräsenz lost zwischen Hingabe für ihren Geliebten und Selbstbehauptung ihrer Selbst ist.

Dem Publikum werden durch den Modellbau der Dorfgesellschaft Klassismus und soziale Ungleichheiten aufgezeigt – Marthe ist hochverschuldet und Mr. A bereichert sich an privaten Darlehen – ebenso wie patriarchale Strukturen zum Vorschein kommen – Mr. A ist die Autorität über Wahrheit und Sein im Dorf. Und auch Feinheiten wie ein kritischer Blick auf die moderne Vermarktung von Esoterik und Spiritualität werden von Fuchs mit skurriler Leichtigkeit herausgearbeitet. Der Spagat zwischen der alten Sprache des 19. Jahrhunderts und neudeutschen Konstruktionen gelingt dabei nur halb und kommt etwas spröde daher. Auch der Umzug von Fuchs Stücken auf die große Bühne des Theaters kommt ihrer Arbeit nicht unbedingt zugute. Der Charme der Live-Kamera, die zwei simultane Perspektiven auf das Bühnengeschehen zulässt, verkommt jenseits der Studiobühne zur Spielerei, die höchstens noch an ein filmisches Reenactment bei Gericht erinnert. Die extreme Typisierung der Figuren, die fast bis zur Parodie ihrer selbst reicht, gelingt Fuchs wie so oft erneut. Jedoch bewegen sich Handlung und Personen nicht weit genug aus dem Korsett der Stückvorlage und dem Habitus einer großen Bühneninszenierung heraus, wodurch die Adaption teils hölzern wirkt. Lola Fuchs‘ künstlerische Handschrift und ihre eigenwillige Art, die Gegenwart pointiert zu sezieren, verbinden sich nur schwerlich mit den Scherben von Kleists zerbrochenem Krug. Dennoch entsteht ein unterhaltsamer Theaterabend, der den Klassiker mit Witz und schrillen Bildern neu befragt.