Vom Ende der Trauer

Warum trägt Klarissa zur Beerdigung ihres Mannes rote Schuhe und ein buntes Kleid? Und warum schmückt sie das frische Grab mit einem stachligen kleinen Kaktus?

Das beantwortete die Lesung „Ich geh’ tanzen – Eine Hommage an die Lebensfreude“ im Theater im Depot. Autorin Jule Vollmer liest selbst mit schauspielerischer Verve das Hörspiel, hinter ihr illustriert eine Projektion im Comic-Stil den Vortrag.

Klarissa Schubert, 89 Jahre, sitzt auf einer Friedhofsbank am Kaktus-geschmückten Grab ihres Gatten. Im Zwiegespräch mit ihrem verstorbenen Mann Goldemar beleuchtet sie ihre Ehe. Es entwickelt sich ein Dialog, in dem Vieles zur Sprache kommt, das zu Lebzeiten ungesagt blieb.

Mit trockenem Witz und Ironie erzählt Klarissa in ausgeprägtem norddeutschen Dialekt ihre Sicht der Dinge. Geschäftsmann Goldemar reiste durch die Welt, hatte Affären, machte sich ein schönes Leben und vertraute auf die Treue seiner Frau. Die wartete brav zu Hause.

Die Stimme des Ehemannes spricht Claus Dieter Clausnitzer aus dem Off, während alle anderen Rollen wunderbar überzeugend von Autorin Jule Vollmer interpretiert werden. Die musikalische Brücke zwischen einzelnen Szenen gestaltet Elmar Dissinger am Keyboard.

Verschiedene Personen gesellen sich zu Klarissa auf die rustikale Bank. Eine Nachbarin, ein älterer Verehrer, der Pfarrer, eine andere Witwe. Mit allen führt sie intensive, kurze Gespräche und skizziert dadurch ihr Leben. Dazwischen erscheint immer wieder Goldemar und nahtlos geht der Dialog der Eheleute weiter.

Kraftvoll vertritt Klarissa ihren Standpunkt: Jetzt, nach dem Tod ihres Mannes werde es Zeit, die eigenen Wünsche in den Vordergrund zu stellen. Die kann sie auch genau benennen: Sie möchte Fallschirm springen, mit Delfinen schwimmen, durch den Grand Canyon fahren und nach Australien reisen. Dort will sie auch verbrannt werden – und ihre Asche vom Ayers Rock verstreuen lassen.

Australien ist ihr wichtigstes Ziel: Vor über 40 Jahren hat ihr Mann Goldemar dort auf einer Dienstreise unwissentlich ein Kind gezeugt. Durch Zufall entdeckt, schloss Klarissa diese kleine Familie in ihr Herz und hielt über die Jahre Kontakt zu ihr.

Zum Ende des Stücks stellt sich die Beziehung des Ehepaares viel klarer dar. Vielleicht kann Klarissa ihrem Goldemar sogar irgendwann verzeihen. Jetzt nimmt sie sich erst mal Zeit für sich und geht mit ihrem neuen Verehrer Herbert tanzen.

Durch die humorvolle und berührende Erzählung gelingt es dem Kleinkunst-Ensemble LiteraMusico, mit dieser Uraufführung, Gefühl und Verstand des Publikums zu erreichen und Sprachlosigkeit und Entfremdung eines Paares zu thematisieren.

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