tt#14 7.Tag – Ayşe und Aischylos

Der 7. Tag des NRW-Theatertreffens präsentierte zum zweiten Mal einen Doppelpack. Zunächst zeigte das Theater Münster die „deutschen Ayşe“, ein Theaterstück basierend auf den Erfahrungen der ersten Generation türkischer Einwanderer, die Ende der 60er bzw. Anfang der 70er Jahre nach Deutschland kamen. Danach ging es zum Auswärtsspiel nach Oberhausen. Dort wurde „Die Orestie“ gezeigt.

 

Hinter den drei Geschichten der deutschen Ayşen steckten echte Erfahrungen dreier Frauen. Theater gewordene oral history. Sehr schön war es, als die Schauspielerinnen über ihre Hoffnungen und Vorurteile (Kartoffeln!) über Deutschland sprachen. Man merkte in jedem Wort, wie sehr sich die drei Frauen auf Deutschland freuten. Wie sie Sprachkurse belegten und sich integrieren wollten.

Doch die Enttäuschung lies nicht lange auf sich warten. Statt in eine Großstadt wie Istanbul kam man in die Schwäbische Alb, nach Menden oder nach Beckum. Hier waren die Frauen Fremde in einer Gesellschaft, die absolut kein Interesse an Integration hatte. Ganz im Gegenteil zu den Türkinnen.

 

Das Stück konzentriert sich ganz auf die erste Generation von Türken, die neugierig nach Deutschland gekommen ist. Die Herausforderungen der nachfolgenden Generationen wird nicht thematisiert.

 

Klasse war es, als sich die drei Schauspielerinnen zum Schluss auf Türkisch bei einem imaginären Abwerbungsbüro vorstellten.

 

 

In Oberhausen empfing uns ein beeindruckendes Bühnenbild. Eine Art schwarzer Zauberkasten nahm den größten Raum ein. Nach jeder Szene wurden die Wände herunter gefahren und auf einem Laufband gab es kurze Infos zum nächsten Geschehen. Nach dem Umbau wurden die Wände wieder hoch gefahren.

Der australische Regisseur Simon Stone präsentiert das antike Drama „Die Orestie“ von Aischylos als Art Familiendrama im US-Serienformat. Stone erzählt die Geschichte verkehrt herum und beginnt mit der Ermordung Klytaimnestra durch ihren Sohn Orest. In den weiteren Akten wird die Entstehung des Familiendramas, des „Fluches“ erzählt. Agamemnon erlaubt seiner Tochter Iphigenie den Selbstmord. Die Mutter von Iphigenie, Klytaimnestra, tötet deshalb ihren Mann Agamemnon.

 

Eigentlich wollte Aischylos mit seinem Drama erzählen, wie das System der (Blut-)Rache im antiken Griechenland durch ein Rechtssystem mit Gerichten verändert wurde. So bringt sich orest auch nicht um wie bei Stone, sondern wird vor Gericht gestellt und durchbricht so den kreislauf der Rache.

 

Stone bringt die Geschichte zwar sehr sprachgewaltig in die Moderne, lässt aber meiner Meinung nach den Kern des Dramas außer acht. Zumal ein paar Modernisierung zwar sehr effektvoll sind, so wird Iphigenie nicht geopfert, sondern Agamemnon besorgt ihr Gift für ihren Selbstmord, aber der tödliche Hass von Klytaimnestra auf ihren Mann nicht so ganz verständlich.

 

Was übrig bleibt ist eine sehr freie Interpretation, die in der Sprache der heutigen Zeit abgefasst ist. Smartphones, Google, Blogs und Facebook sind ebenso selbstverständlich wie populäre Serien wie „The Wire“ oder „Braking Bad“. Die Schauspieler machten einen exzellenten Job.

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