tt#14 2.Tag – ostwestfälischer Doppelpack

Der Samstag, der zweite Tag des NRW Theatertreffens in Dortmund, stellte die beiden ostwestfälischen Theater Paderborn und Bielefeld vor. Beide überzeugten mit spannenden Inszenierungen.
Der Samstag war auch der Beginn der Panels. Um 16 Uhr diskutierten Stefan Keim mit Anna Bromley und Ulf Otto über Theater und Rollenspiele. Ulf Otto widersprach ein wenig den Thesen von Ulf Schmidt, der bei der Eröffnung des Theatertreffens eine stärkere Ausrichtung der Theater an die technisierte Netzgesellschaft forderte. Schmidt benutzte dabei das Bild von Kolumbus als Entdecker einer neuen Welt. Genau dieses Bild kritisierte Ulf Otto. Denn nach der Entdeckung der neuen Welt kam es zur Eroberung derselbigen. Auch Jefferson, der dritte Präsident der USA, und Autor der Unabhängigkeitserklärung war ein Sklavenhalter. Die Hervorhebung von Technologie ohne ihre Problematik anzusprechen,nennt Ulf Otto die „kalifornische Ideologie“. Denn wer denkt beim Kauf eines Handys an die Herstellungsbedingungen. Hier fällt mir sofort das Stück „Die Agonie und Ektase des Steve Jobs“ ein, das vor zwei Spielzeiten im Schauspiel Dortmund Premiere feierte.
Das Theater Paderborn präsentierte mit „wohnen.unter Glas“ ein Stück über die Generation 30+. Nicht wissend, ob man (oder Frau) ihren Zenit noch erreichen wird oder ob man schon auf dem absteigenden Ast ist.
Die Geschichte: Drei ehemalige WG-Bewohner (zwei Frauen und ein Mann) treffen sich nach einigen Jahren in einem Hotel wieder. Schnell werden aus den Nettigkeiten Vorwürfe.
Schon das Bühnenbild zeigt das Dilemma der Thirty-Somethings. Überall lagen Umzugskartons herum, so als ob jeder auf dem Weg zu einem neuen Projekt oder einer neuen Vision ist. Hinzu kommt diese unerträgliche Marketingsprache, die ständig irgendwelche Möglichkeiten optimieren will.So wirkt das Private durchökonomisiert. Am Ende steht eine Wand.
Die Dreiecksgeschichte zwischen Max, Babsi und Jeani zeichnet ein tragisches Bild einer Generation die erkennt, dass sich Lebensentwürfe ändern und die Angst hat, zu einem „roten Riese „, einem sterbenden Stern, zu werden. Hoffnungen, die man früher hatte, sind geplatzt, individuelle Entwürfe stehen im Mittelpunkt und Wunden werden geleckt.
Wenn die Visionen, die man sich steckt, immer unerreichbarer werden, muss man halt,die Visionen anpassen. das heißt herunterschrauben. Bis der Zenit sich als Glasdecke entpuppt, die dicht über einem schwebt.
Natascha Heimes (Babsi), Kirsten Potthoff (Jeani) und David Lukowczyk als Max zeigten im Studio eine engagierte Leistung.
Der Klassiker Minna von Barnhelm von Lessing am Abend als dritte Inszenierung im Wettbewerb wurde vom Theater Bielefeld kräftig gegen den Strich gebürstet. Minna und ihre Kammerzofe Franziska wurden als It-Girls eingeführt, während Major von Tellheim und sein Diener Just ein klein wenig wie Frodo und sein Gefährte Sam in Herr der Ringe wirkten. Ob Tolkien sich von Lessing hat inspirieren lassen?
Das Bühnenbild war eine riesige schräge Fläche mit einigen Klappen, aus dem die Schauspieler urplötzlich auftauchten. man,konnte sie aber auch einfach nur herunterrutschen.
Die Inszenierung von Mareike Mikat konzentriert sich neben dem Major und Minni auf Franziska, Just, dem Wirt und Paul Werner, dem Freund vom Major. Von Minnas Oheim wird nur berichtet.
Dafür zeigten die Bielefelder wie sich Lessing und E-Gitarren miteinander kreuzen lassen. Viele kleine Gags wie das Betteln von Just beim Publikum um Pausenbrot oder wenn sich ein Koffer voller Geld in einen imaginären Fußball verwandelt, brachte das Schauspielhaus zum Lachen. Lessings Sprache gemixt mit modernen Elementen, das hat was. Chapeau Theater Bielefeld.
Das Ende ist zwar etwas verwirrend, wenn der Zuschauer die Orientierung verliert, wer nun wessen Ring eingelöst und wieder beschafft hat, aber die Schauspieler machten einen Riesenjob und der gute alte Lessing wurde ordentlich entstaubt. Sehr zur Begeisterung des Publikums. Jedenfalls vergingen die drei Stunden wie im Flug. Großes Lob an alle Beteiligten.

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