Humanismus auf Augenhöhe

"Doc" Martin Müller bei der Arbeit. (Foto: © Andreas Hub)
„Doc“ Martin Müller bei der Arbeit. (Foto: © Andreas Hub)

Sicher, es gibt Götter in Weiß. Aber es gibt auch Ärzte wie Martin Müller. Von 2008 bis 2014 leistete der Arzt „Doc“ Müller in der Nordstadt Hilfe: kostenlos, ohne Ansehen der Person und ohne Wertung. Auf Augenhöhe mit seinen Patienten. Nach drei Jahren Tätigkeit kam er auf die Idee seine Patienten mit deren Einverständnis zu fotografieren. Gegen Ende kam noch Reportagefotograf Andreas Hub hinzu, der mit seinen Farbfotos die schwarz-weißen Werke von Müller ergänzte und der Texte schrieb. Bis zum 23. August 2015 ist die Fotoausstellung „Martin Müller: Auf Augenhöhe – Andreas Hub: Hier geht´s zum Doc“ mit über 75 Bildern im Kulturort Depot zu sehen.

Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte. Eine gute oder schlechte. Meistens bricht sie irgendwann abrupt ab wie bei dem jungen Rumänen, der kein Deutsch sprach und im Winter nur mit T-Shirt und Jeans bekleidet in Dortmund auftauchte. Er arbeitete wahrscheinlich als Stricher. Andreas Hub über ihn: „ Der Junge träumte davon, Model zu werden. Er hat mir in seinem Smartphone immer irgendwelche Modelagenturen in Paris gezeigt, ob ich die kennen würde, ich wäre doch Fotograf. Er tauchte mehrere Wochenlang immer auf und plötzlich war der von einem auf den anderen Tag verschwunden.“ Ging die Geschichte gut aus? Niemand weiß es. Doch das Leben auf der Straße ist hart. Müller: „Von den 44 Personen auf den Schwarzweiß-Portraits sind mindestens sieben schon unter der Erde.“ Doch es gibt auch positive Beispiele vom Menschen, die sich wieder gefangen haben.

Wie kommt es eigentlich dazu, dass in Deutschland mehr als 100.000 Menschen leben, die keine Krankenversicherung haben? Müller dazu: „80% der deutschen Klientel bekam Hartz IV. Kommt man seinen Pflichten gegenüber dem Amt nicht nach, geht es ratz-fatz und man ist draußen. Wenn man dann nicht alles im Griff hat, dann passiert das nochmal so schnell. Wenn der Leistungsbezug endet, endet auch der Krankenversicherungsschutz. Mit einer gewissen Anstrengung ist das umkehrbar, aber alleine haben es viele nicht geschafft.“

An zehn Orten in der Dortmunder Nordstadt behandelte Müller seine Patienten: im Café Berta, in der Beratungsstelle für Wohnungslose, in der Methadon-Ambulanz, im Nordmarkt-Kiosk, in der Suppenküche, der Männerübernachtungsstelle Unionstraße oder im Streetwork-Café Leopoldstraße.„Es gab wenig Vorbehalte, Fotografiert zu werden“, erinnert er sich. „ Ich habe auch erst, nachdem ich drei Jahre in Arbeit war, angefangen zu fotografieren. Ich wollte sie besser im Gedächtnis haben, vielleicht habe ich unbewusst im Hinterkopf schon die Idee gehabt, da könnte man vielleicht etwas daraus machen.“

Andreas Hub kam hinzu, nachdem er eine Reportage über den Arzt in der Zeitung gelesen hatte. Er begleitete „Doc“ Müller im letzten Jahr vor dessen Ruhestand. Die Reportage wurde in der TAZ und im Straßenmagazin BODO veröffentlicht und ins „Pixelprojekt_Ruhrgebiet“ aufgenommen. Aber um sie in der Öffentlichkeit wie im Depot zu zeigen, braucht man Geld. „Ich habe Sponsoren gesucht, denn so eine Ausstellung ist natürlich wahnsinnig teuer und dann bin ich an die Zukunftsstiftung Bildung der GLS-Bank in Bochum gegangen und die waren von dem Konzept so begeistert, dass sie die gesamte Ausstellung gesponsert haben.

Auch wenn viele Bilder vielleicht einen anderen Eindruck machen. Es war wohl nicht ganz so trist. „Es gab auch manchmal Augenblicke, wo es lustig war und wo man gelacht hat“, erinnert sich Hub. „Die gab es öfter. Sonst hätte ich das nie ausgehalten“, ergänzt Müller.

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