Die Reise zum Sehnsuchtsort

Endstation Sehnsucht für Wenja (Uwe Rohbeck)?! (Foto: © Birgit Hupfeld)
Endstation Sehnsucht für Wenja (Uwe Rohbeck)?! (Foto: © Birgit Hupfeld)

Moskau-Petuschki. eigentlich eine Reise von zwei Stunden mit der Bahn, doch für den Säufer Wenedikt (Wenja) Jerofejew wird es keine einfache Tour. Das Buch des gleichnamigen Autors wurde in der Fassung von Stephen Mulrine von Regisseurin Katrin Lindner als ein-Personen-Stück konzipiert. „Die Reise nach Petuschki“ hatte am 16. Januar 2016 im Studio Premiere und bot einen Uwe Rohbeck in Höchstform.

Die Geschichte in Kürze: Wenja besteigt am Kursker Bahnhof den Zug Richtung Petuschki. Auf der Fahrt hat er skurrile Erlebnisse.

Das Buch von Jerofejew wird mit „der hochprozentigsten Sauftour der Weltliteratur“ beworben. Doch wer denkt, dass sei eine Art Erlebnisbericht vom feucht-fröhlichen Samba-Zug, der irrt. Denn unterm Strich ist das Buch tieftraurig. Es handelt nämlich vom Scheitern und letztlich dem Tod des Trinkers Wenja. Alles, was im Buch passiert, ist das Ergebnis des Deliriums der Hauptperson. Damit ist Wenja einer anderen Hauptfigur nicht unähnlich, dem Trinker Andreas aus „Die Legende des heiligen Trinkers“ von Joseph Roth. Ähnlich wie Andreas hat auch Wenja eine Sehnsucht. Wenja will nach Petuschki, wo seine Freundin und sein Sohn auf ihn warten. Auch hat der belesene Autor Jorofejew einige religiöse Bezüge in sein Werk eingebaut.

Regisseurin Lindner konzentriert sich hauptsächlich auf die Figur des Wenja. Die systemkritischen Bezüge auf das Sojwetsystem fallen fast komplett raus. Auch die Bühne ist karg. Eine kleine Bank und ein großes Plakat des sowjetischen Tourismusministeriums für den Oblast Wladimir, in dem Petuschki liegt. Das reicht.

Uwe Rohbeck macht einen sehr guten Job als Wenja. Es gibt kein Herumtorkeln, kein Gelalle, überhaupt wird in dem Stück nur einmal kurz getrunken. Zwar gibt es durch die surrealen Erinnerungen von Wenja einige Lacher, aber das Stück bleibt tiefernst. Dazu kommt, dass Rohbeck ein Meister im Darstellen von Außenseitern ist. Das hat er vor allem in den Produktionen mit Jörg Buttgereit („Der Elefantenmensch“ oder „Kannibale und Liebe“) unter Beweis gestellt. Auch Wenja spielt Rohbeck mit Würde und Stolz. Für diese besondere Zugfahrt sollte man auf jeden Fall eine Fahrkarte kaufen.

Mehr Informationen finden Sie unter www.theaterdo.de

Für alle, die wissen möchten, wie es so in Petuschki aussieht, hier ein Bild von Google Streetmap: In der Nähe des Bahnhofs von Petuschki

 

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