Der Feind im oberen Stockwerk

Mit dem Stück „Üst Kattaki Terörist“ (Der Terrorist aus dem ersten Stock) wurde am 18. Januar 2015 im Studio des Dortmunder Schauspielhauses die Reihe „Szene Istanbul“ fortgesetzt. Die Tragikomödie fesselte nicht nur durch sein Thema, sondern auch von der Spielfreude des jungen Hauptdarstellers.

Ins Haus des zwölfjährigen Nurettin zieht ein junger Student, Semih, in den ersten Stock. Das Problem: Semih ist Kurde und Nurettins Bruder wurde vor fünf Jahren durch eine Tretmine im türkisch-kurdischen Konflikt getötet. Nurettin hält alle Kurden für Terroristen, somit auch Semih. Semih muss getötet werden, wenn da nicht Semihs Freundin wäre, in die sich Nurettin ein klein wenig verliebt.

Das Stück ist eine Bearbeitung einer Kurzgeschichte von Emrah Serbes aus seinem Band „Erken Kaybedenler“ („Junge Verlierer“). Das Theater „Ikincikat Tiyatro“ aus Istanbul machte daraus eine tragikomische Geschichte über das Erwachsenwerden.

Nurettin sieht sich als Rächer seines Bruders, der beim Militärdienst umgekommen ist. Schon früh wurde er in die Rolle des „Rächers“ gedrängt. Er durfte nicht weinen, weil man ihm gesagt hat, das würde die Terroristen freuen. Nun zieht mit dem Kurden Semih ausgerechnet ein „Terrorist“ über ihn ein. Eins steht fest: Denizhan Akbaba, der Darsteller des Nurettin, ist der absolute Star des Stückes. Mit seiner Naivität, seinem kindlichen Nationalismus und seinen Plänen bringt er das Publikum zum Lachen.

Doch schnell wird klar, wie verführbar Menschen sind. Parolen wie „Die Kurden müssen alle sterben“ werden selbst von Kindermund zu gefährlichen Drohungen. Wenn Nurettin bei den rechtsextremen „Grauen Wölfen“ dafür sorgt, dass Semih verprügelt wird oder die Kontrollen im Wohnungsheim von Semihs Freundin verstärkt werden, so dass sie ihn nicht mehr so oft besuchen kann, spürt der Zuschauer wie aus kindlichen Ideen handfeste Probleme erwachsen.

Zum Erwachsenwerden gehört auch das erste Verliebtsein. Ausgerechnet für Semihs Freundin Evin schwärmt Nurettin, obwohl sie Halbkurdin ist. Sein Gefühlschaos wird sehr gut in Szene gesetzt, wenn er plötzlich Stammgast im oberen Stockwerk ist. Nurettins Mutter ist mit seiner Erziehung überfordert und der Vater ist im Stück abwesend.

„Üst Kattaki Terörist“ ist eine wunderbare Geschichte, die zeigt, wie der Saat der Freundschaft langsam den Hass überwuchern kann. Zum Schluss geht Nurettin sogar auf eine Studentendemo mit Semih mit und bekommt die Gewalt des türkischen Staates, auf den er ja so stolz ist, selbst zu spüren.

Neben Akbaba spielten Banu Çiçek Barutçugil, Bedir Bedir und Gozde Kacaoğlu ihre Rollen sehr sensibel.

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