Das neue Bildungsfernsehen?

Einen kleinen Einblick in den Ausstellungsraum.
Einen kleinen Einblick in den Ausstellungsraum.

Früher, ja früher gab es Bücher, wie man sein Auto repariert oder auf den Dritten Programmen erzählten Menschen wie man auf Italienisch zählt oder wie man Bier braut. Einer der bekanntesten dürfte sicher Jean Pütz mit seiner Hobbythek sein. In unserer neuen Internetwelt hat dies Youtube übernommen. Auf der Video-Plattform zeigen unzählige Menschen sogenannte Tutorials, in denen der Zuschauer lernen kann, wie man Wasser kocht, Regenwürmer züchtet oder sich richtig schminkt. 100 ausgewählte Videos zeigt der Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U vom 05. Juli bis zum 31. August unter dem Titel „Jetzt helfe ich mir selbst“ auf der dritten Etage.

 

Wer die Ausstellung betritt, hat zunächst das Gefühl er ist in eine Verkaufsabteilung für Fernseher gelandet. Unterschiedliche Bildschirme, mit Röhre oder flach, spulen ununterbrochen die Lehr-Videos der ausgewählten Youtube-Beiträge. Wer etwas hören möchte, nimmt sich einen Kopfhörer und schließt ihn an eine Buchse an und schon kann er erfahren, ob man einen „Kotflügel bördeln kann ohne Bördelgerät“ (Video Nr. 69) oder wie man Papst wird (Video Nr. 40).

 

Auch die Künstlerische Leiterin des HMKV, Inke Arns, hat sich schon einmal privat ein Tutorial auf Youtube angesehen. „Ich hatte ein Hardwareproblem und konnte es nach Betrachtung des Videos lösen. Demnächst schaue ich mir an, wie ich einen Fahrradschlauch wechseln kann.“

 

Die Ausstellung ist entstanden in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Kulturreflexion der Universität Witten/Herdecke. Es geht auch um die Frage: Warum machen die Leute das?

 

Die Antwort fällt sicher unterschiedlich aus. Zum einen der Spaß am reinen Wissensvermitteln, aber bei anderen Videos steht die Selbstinszenierung sicherlich im Mittelpunkt. Hier wird versucht, sich selbst als „Youtube-Star“ zu inszenieren. Bei manchen hat dies auch funktioniert. Es sind beispielsweise Videos dabei, die über 20 Millionen Aufrufe generiert haben. Videos mit so einer großen Besucherzahl sind natürlich ein gefundenes Fressen für Produkthersteller.

 

Sind jetzt Personen wie Tori Locklear oder Howcast die legitimen Nachfolger von Jean Pütz oder dem Fernsehmaler Bob Ross? Prof. Dr. Christian Grüny von der Uni Witten/Herdecke sieht dies nicht so. „Pütz und Ross sendeten aus der Position der Autorität“; so Grüny, denn sie agierten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Heute kann jeder ein Tutorial-Video ins Netz stellen, aber wer überprüft, ob das richtig ist, was mir erzählt wird.

 

Eine Besonderheit von Youtube-Filmen im Gegensatz zum Fernsehen ist die direkte Kommunikation mit dem Betrachter. Musste man, um Pütz zu kontaktieren, einen Brief an den WDR schreiben, geht das mit der Kommentarfunktion auf Youtube direkter. Das hat natürlich den Nachteil, dass auch negative Kritik bis hin zu Hass-Mails ungefiltert auf den Ersteller des Videos einprasseln können.

 

Insgesamt hatte sich das Team rund 1.400 Tutorial-Videos angesehen, um daraus 100 auszuwählen. Den Untertitel „Die 100 besten Video-Tutorials aus dem Netz“ sollte mit ein wenig Augenzwinkern aufgenommen werden.

 

Die Ausstellung macht neugierig auf das neuentstandene Netzphänomen der Tutorials. Wer weiß, wenn sie wissen wollen, wie man Zwiebeln schneidet, ohne zu weinen, schauen sie sich einfach mal auf Youtube um (oder in der Austtellung Video Nr. 83). Der Eintritt ist frei.

 

„Jetzt helfe ich mir selbst“

HMKV im Dortmunder U, Ebene 3

5. Juli bis 31. August 2014

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