Dortmunder Jugendorchester trifft heimische Philharmoniker

Am 09.02.2026 bot sich beim 2. Konzert für junge Leute unter dem Titel „DOJO meets Dortmund Philharmonic: America!“ wieder die Gelegenheit, die Dortmunder Philharmoniker unter der temperamentvollen Leitung von Olivia Lee-Gundermann gemeinsam mit dem DOJO (Dortmunder Jugendorchester) zu erleben. Thematisch drehte sich im Konzerthaus alles um die sich aus vielen Quellen speisende Musik der USA des 20. Jahrhunderts.

Zu Beginn stand die durch europäische Immigranten beeinflusste Musik von Leonard Bernstein (1918–1990) sowie George Gershwin (1898–1937) auf dem Programm. Engagiert geleitet von der Dirigentin, erweckten die Dortmunder Philharmoniker die dramatischen Klänge und Geschichten aus der „West Side Story“ (Bernstein) sowie „Porgy and Bess“ (Gershwin) instrumental und sinnlich zum Leben.

Anschließend ergänzte das Jugendorchester unserer Stadt mit musikalisch frischer Kraft die Philharmoniker auf der Bühne bei den folgenden Programmpunkten. Der afroamerikanische Einfluss wurde eindrucksvoll durch den 3. Satz „Juba Allegro“ aus der Sinfonie Nr. 4 d-Moll der Komponistin Florence Price (1887–1953) vermittelt. Der Titel bezieht sich auf den „Juba Dance“; Price gelang es hier erstmals, originäre afroamerikanische Musikelemente in eine Sinfonie einzubringen.

Das Jugendorchter und die Dortmunder Philharmoniker zusammen in einem Konzert. (Foto-Credit: Sophia Hegewald)
Das Jugendorchester und die Dortmunder Philharmoniker zusammen in einem Konzert. (Foto-Credit: Sophia Hegewald)

Europäisch geprägt war wieder der ruhige, etwas melancholisch klingende Satz „Molto Adagio“ aus dem „Adagio for Strings“ von Samuel Barber (1910–1981). In moderne Filmwelten führten dann bekannte, dramatische Melodien aus „Der weiße Hai“ und „Star Wars“ von John Williams (*1932).

Zum Abschluss gab es noch eine Zugabe aus „Indiana Jones“. Es ist erfreulich, dass auch dem Orchesternachwuchs die Möglichkeit geboten wird, sich einem großen Publikum zu präsentieren.




Wenn der Kaffee nach Träumen schmeckt – Eine Rezension von Superspecial

Früher gab es „nur“ Filterkaffee, heute stehen wir vor der Wahl: Muss es ein Java Chocolate Chip Frappuccino sein oder doch der klassische Schwarze? Die Bestellung an der Kaffeebar ist längst zu einem kleinen Akt der Selbstdarstellung geworden. Wer heute bestellt, kommuniziert weit mehr als nur seinen Durst. Er signalisiert eine Zugehörigkeit, einen Lifestyle. „Normal“ ist fast schon ein Schimpfwort und Durchschnitt ein absolutes No-Go. Am Ende bleibt jedoch die Frage: Schmeckt uns die Individualität wirklich besser, oder genießen wir einfach nur das Gefühl, nicht „wie alle anderen“ zu sein?

Genau in dieses Spannungsfeld entführte uns das Tanztheaterstück „Superspecial“, das am 31. Januar 2026 im Fritz-Henßler-Haus Premiere feierte.

Zwischen Frappuccino und Transformation

Das Stück startete in einem „Café am Rande des Wahnsinns“. Hier stellten sich nicht nur Fragen nach der richtigen Milchvariante, sondern auch die ganz großen Fragen des Lebens: Wann kommt eigentlich die Band? Und ist JETZT die richtige Zeit für eine allumfassende Transformation?

Das Publikum begegnete Figuren, die wir alle kennen – oder in denen wir uns selbst ertappt fühlen. Da war zum Beispiel Gerd, der nervige Kunde, der dem Personal ungefragt die Welt des Kaffees erklärt. Er steht exemplarisch für den modernen Drang, sich durch Wissen und Kennerschaft von der Masse abzuheben. Doch hinter der Fassade des „Bescheidwissers“ und den coolen Bestellungen schlummerten bei den Figuren tiefe Wunden: das Gefühl, übersehen zu werden, oder der Schmerz, wegen der Hautfarbe diskriminiert zu werden.

Die Karte von "Superspecial".
Die Karte von „Superspecial“.

Eine Goldcard für das Publikum

Unter dem Coaching von Birgit Götz und Cordula Hein präsentierte das Kollektiv „wichtigemenschen“ eine humorvolle, schräg-sinnliche Tour durch diese Megatrends der Individualisierung. Besonders eindrucksvoll war, dass die Transformation nicht nur auf der Bühne behauptet, sondern physisch erlebbar gemacht wurde.

Ausgestattet mit einer „Goldcard“ musste das Publikum das Café verlassen und den Spielort wechseln – von der Cafeteria hinüber in den Kinosaal. Ein kluger Schachzug: Der Weg vom Alltäglichen ins „große Kino“ der Träume wurde so zur gemeinsamen Bewegung. Mit viel Musik, Witz und Tanz erkundeten die Darstellenden, ob sich Einzigartigkeit und Gemeinschaft überhaupt vereinen lassen.

Es war ein Abend, der bewegte – räumlich wie emotional. Weitere Termine gibt es aktuell leider nicht, was die Premiere im Rückblick genau zu dem macht, was der Titel versprach: „Superspecial“.

Es spielten (Kollektiv wichtigemenschen): Carla Brockmann, Greta Heimbach, Marcia Kemper, Anneli Koch, Maya Krämer, Bhavdeep Kumar, Mathis Pollmann, Henna Schmaler, Lotta Severin & Sam Meier.




Echo der Abwesenheit: Wenn Klänge ohne Lautsprecher den Raum erobern

In der aktuellen Ausstellung „8 Ω LESS“ im Künstler*innenhaus Dortmund wird eine radikale Grenze gezogen: Die Abwesenheit von Lautsprechern. Was zunächst wie ein technisches Defizit klingt, entpuppt sich als eine tiefgreifende Untersuchung des Klangs als physisches, skulpturales Medium. Unter der Leitung von Kurator Ach Kuhzunft präsentieren Künstler:innen der Kunsthochschule für Medien Köln Werke, die Klänge durch mechanische Prozesse wie Streichen, Schlagen oder Blasen direkt im Raum erzeugen.

Die Mechanik der Unruhe und industrielle Nachklänge

Ein zentrales Motiv der Schau ist die Spannung zwischen sichtbaren und unsichtbaren Klangquellen. Yue Cao verarbeitet in „Übernächtigung“ traumatische Erinnerungen an scharrende Stühle während seiner Studienzeit in China. Zwei mechanische Vorrichtungen schieben Stühle über eine konstruierte Decke und erzeugen ein schrilles Kratzgeräusch, das für das Publikum unsichtbar bleibt und eine Atmosphäre existenzieller Angst heraufbeschwört.

Ähnlich industriell, aber mit Fokus auf den Verfall, agiert dennis aycicek mit seinem Werk „ZONE“. Unter Verwendung von Spundwänden und Moniereisen reflektiert er das Verstummen einer Industrieregion und die Anziehungskraft von Gefahrenzonen. Den technoiden Gegenpol bildet Justus Kaufmann, dessen Installation „Bellwech“ Stahlbleche durch Motoren in Schwingung versetzt und so Klänge erzeugt, die zwischen „Gewitter- und UFO-Geräuschen“ changieren.

Poesie der Fragilität und des Widerstands

Die Ausstellung bietet jedoch auch Raum für zarte, fast sphärische Momente, die mechanische Präzision mit inhaltlicher Tiefe verweben. So erzeugt Tina Tonagel in ihrer Arbeit „Gedicht“ eine meditative Atmosphäre, indem sie hinter Schlitzen verborgene Gitarrensaiten mittels E-Bows in dauerhafte Schwingung versetzt. Eine ähnliche Fragilität, jedoch getrieben von Unberechenbarkeit, zeigt Farah Wind in „NETZ_TEILE“: Hier werden kleine Motoren und Luftströmungen zu Akteuren, die fragile Rhythmen entstehen und wieder zerfallen lassen. Politisch aufgeladen wird diese Ästhetik schließlich bei Bella Comsom, deren Klangskulptur „Sie dachten, sie würden verschwinden“ Keramik und Mini-Ventilatoren nutzt, um symbolisch den „Atem“ von Schlangen zu erzeugen – ein akustischer Widerstand gegen die jahrhundertelange Unterdrückung weiblichen Wissens.

Der Staub saugende Chor und tanzende Tüten

Besonders kurios wirkt der Beitrag von Karen Fritz. Ihr „blow connector“ lässt einen handelsüblichen Nass-/Trockensauger durch den Raum rollen. Das Dröhnen des Motors vermischt sich mit dem Singen metallischer Gestänge zu einer unerwarteten klanglichen Performance. Kontrastiert wird diese rohe Energie durch die „Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland, deren leises Knistern beim Drehen der Papiertüten eine fast geisterhafte Präsenz im Raum schafft.

„Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland,
„Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland,

Zwischen Ritual und Vergänglichkeit

Die Partizipation bleibt ein Herzstück der Schau. Während Samuels Ozoliņš mit seinen „stillen Altären“ lettische Zaubersprüche durch das laute Aussprechen der Besucher:innen zum Leben erweckt, lädt Jeongan Choi in „Tearable Sound“ dazu ein, Papierstapel nach bestimmten Linien zu zerreißen. Hier wird der Klang des Reißens selbst zur Partitur.

Fazit

„8 Ω LESS“ ist weit mehr als eine formale Fingerübung. Die Ausstellung zwingt uns, genau hinzusehen, woher ein Geräusch kommt, und die Materialität unserer akustischen Umwelt neu zu bewerten. Sie zeigt, dass die Abwesenheit von Technik (hier: Lautsprechern) den Weg ebnet für eine unmittelbare, körperliche Erfahrung von Kunst.

 

Besuchshinweise:

  • Ort: Künstler*innenhaus Dortmund, Sunderweg 1.
  • Öffnungszeiten: Do – So 16 – 19 Uhr.
  • Eintritt: Frei.
  • Hinweis: Die Ausstellungsräume sind derzeit nicht barrierefrei.



Gipfeltreffen der Siebten: Marek Janowskis triumphale Rückkehr zu den Dortmunder Philharmonikern

Es war mehr als nur das 4. Philharmonische Konzert am 27. Januar 2026 im Konzerthaus. Es war eine historische Rückkehr und ein musikalisches Statement. Als Marek Janowski, der die Dortmunder Philharmoniker bereits von 1975 bis 1979 als Generalmusikdirektor prägte, das Podium betrat, schloss sich ein Kreis. Auf dem Programm standen keine solistischen Kabinettstückchen, sondern zwei gigantische Monolithen der Romantik: Schuberts Siebte und Bruckners Siebte.

Man könnte diese mutige Zusammenstellung als eine Reise von der „Keimzelle“ zur „Kathedrale“ bezeichnen. Die Dramaturgie des Abends schlug eine historische Brücke: Schubert, der Urvater der romantischen Sinfonik, der mit seinem Mut zu langen, singenden Themen und atmosphärischen Wanderungen den Weg bereitete – und Bruckner, der diesen Stil später in gigantische Dimensionen führte. Ohne Schuberts Vorarbeit wäre Bruckners Klangkosmos kaum denkbar gewesen.

Von der himmlischen Länge zur architektonischen Tiefe

Beide Werke eint das Spiel mit der Zeit, doch auf völlig unterschiedliche Weise. Was Robert Schumann einst bei Schubert als „himmlische Länge“ bezeichnete, nutzt dieser für einen unaufhaltsamen, rhythmischen Puls. Es ist ein musikalisches „Ja“ zum Leben, strahlend, tänzerisch und voller Vorwärtsdrang trotz aller innewohnenden Melancholie.

Nach der Pause dann der Kontrast in der Energie: Bruckners Siebte in E-Dur. Hier wird die Zeit genutzt für einen monumentalen, fast sakralen Aufbau. Vom ersten, endlos strömenden Thema bis zum berühmten Adagio – der Totenklage für Richard Wagner – füllt die Musik Raum und Zeit auf eine Weise, die eher dem Besteigen eines Berggipfels gleicht als einer Wanderung im Tal.

Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.
Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.

Der Architekt am Pult

Dass dieses „schwere“ Programm nicht unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach, ist dem Rückkehrer am Pult zu verdanken. Marek Janowski erwies sich einmal mehr als der „Architekt“ unter den Dirigenten. Er ist kein Mann des bloßen Pathos, sondern ein Analytiker, der Strukturen offenlegt.

Bei Schubert verhinderte Janowskis Zugriff konsequent, dass die „Große C-Dur“ im rein „Gemütlichen“ stecken blieb; stattdessen verlieh er ihr den nötigen Drive und rhythmische Schärfe. Bei Bruckner wiederum sorgte er mit struktureller Klarheit dafür, dass die riesigen Steigerungswellen nicht zerflossen, sondern sich logisch und zwingend aufbauten.

Ein Wiedersehen mit der „Janowski-Schule“

Für das Orchester war der Abend wie ein Wiedersehen mit einem strengen, aber hochgeschätzten Lehrmeister. Der spezifische, transparente Orchesterklang, den Janowski fordert, war deutlich zu hören. Es wirkte wie eine Rückbesinnung auf die eigene Identität und das Kernrepertoire der deutschen Romantik.

Dabei blieb Janowski seinem Ruf als „Anti-Star“ treu. Dass er zwei so massive Sinfonien ohne Solisten und ohne Beiwerk nebeneinanderstellte, passt perfekt zu seinem Ethos: Keine Mätzchen, die Musik soll für sich selbst sprechen. Es war ein puristisches Programm, das volles Vertrauen in die Substanz der Kompositionen setzte.

Eine Brücke in die Vergangenheit

Der langanhaltende Applaus am Ende galt nicht nur der künstlerischen, sondern auch der physischen Leistung. Für den 1939 geborenen Dirigenten ist ein solches Programm ein Kraftakt, der höchste Konzentration und Ausdauer verlangt. Dass er diese Energie mit weit über 80 Jahren noch aufbringt, rang dem Saal tiefen Respekt ab.

Besonders für jene Besucher, die Janowski noch aus den 70er Jahren kannten, war dieser Abend eine emotionale Brücke in die eigene Vergangenheit. In einer sich schnell verändernden Welt wirkte Janowskis Beständigkeit – als sachdienlicher, strenger Diener der Partitur – beruhigend und erdend. Ein großer Abend für Dortmund.




Märchen im Grand-Hotel – Eine Hommage an die 30er Jahre

Das luxuriöse Grand-Hotel in Cannes bildet die glamouröse Kulisse für einen rasanten Zusammenprall zweier Epochen: Hier versucht das „alte Europa“ verzweifelt, die Fassade zu wahren, während das „neue Amerika“ bereits mit der Scheckbuch-Mentalität an die Tür klopft.

Regisseur Jörg-Felix Alt beweist bei dieser Inszenierung ein glückliches Händchen. Er präsentiert das Stück als wunderbare Hommage an die 30er Jahre, ohne den modernen Witz zu vergessen. So streut er gekonnt Bonmots und sogar popkulturelle Referenzen ein – etwa das legendäre „Nein! – Doch! – Oh!“ von Louis de Funès –, was dem Abend eine frische, humorvolle Dynamik verleiht.

Getragen wird diese Inszenierung von einem bestens aufgelegten Ensemble. Im Zentrum des Geschehens steht Tanja Christine Kuhn als herrlich indignierte Infantin Isabella. Sie rümpft über das „normale Volk“ standesgemäß die Nase, muss sich jedoch mit der energischen Marylou auseinandersetzen. Diese Rolle der modernen Powerfrau und Produzententochter wird von Nina Weiß adäquat und kraftvoll verkörpert. Sie ist es, die eine Intrige spinnt, um das echte Leben des Adels für Hollywood zu filmen.

Ob er sie bekommt? Albert (matthias Störmer) ist jedenfalls stark in Isabella (Tanja Christine Kuhn) verliebt. (Foto: (c) Björn Hickmann)
Ob er sie bekommt? Albert (matthias Störmer) ist jedenfalls stark in Isabella (Tanja Christine Kuhn) verliebt. (Foto: (c) Björn Hickmann)

Dabei gerät Matthias Störmer als Zimmerkellner Albert zwischen die Fronten. Störmer spielt den jungen Mann, der eigentlich der Sohn des Hotelbesitzers Chamoix ist, mit viel Charme und hält sein Geheimnis lange verborgen. Während Albert sein Herz an die Prinzessin verliert, sorgt Rob Pelzer als Prinz Andreas Stephan für weitere Verwicklungen: Er wäre nämlich viel lieber ein gefeierter Filmstar als der Verlobte der Infantin.

Für die nötige Prise Humor und musikalische Farbtupfer sorgen Johanna Schoppa als schlagfertige Gräfin Inez sowie ein harmonisches Männerquartett. Musikalisch untermalt wird das turbulente Geschehen von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Dirigent Koji Ishizaka, die das Publikum klanglich perfekt in die Ära der Jazz-Operette und der 30er Jahre versetzen.

Doch wie endet dieses Spiel um Sein und Schein? Bekommt Albert seine Isabella wie in einem echten Märchen, oder zerbricht die Illusion im Blitzlichtgewitter der Presse? Gespoilert wird hier nicht – zur Auflösung und um zu sehen, ob das „Happy End“ wirklich happy ist, müssen Sie sich das Stück schon selbst ansehen.




Ein familiäres Fest der Liebe

Wer beim Titel des Konzertabends, „Meine Freundin, du bist schön“, ausschließlich an weltliche Liebeslyrik dachte, wurde überrascht – und doch bestätigt. Das Programmgerüst war zwar geistlicher Natur, doch die Frage, ob die Werke „zu sakral“ für diesen Titel seien, ließ sich an diesem Abend mit einem klaren Nein beantworten. Vielmehr gelang hier der kunstvolle Spagat, der für die Barockzeit so typisch war: Die Verschmelzung von irdischer Leidenschaft und göttlicher Verehrung.

Ein Programm zwischen Himmel und Erde

Das titelgebende Werk von Johann Christoph Bach fungierte dabei als emotionales Herzstück. Basierend auf dem Hohelied Salomos, dem wohl sinnlichsten Text der Bibel, wurde die Grenze zwischen der Liebe zu Gott und der zwischenmenschlichen Erotik bewusst verwischt. Es war kein strenges Kirchstück, sondern ein Dialog voller Zärtlichkeit, der den Ton für den gesamten Abend setzte: Es ging nicht um Buße oder Trauer, sondern um Hochzeit, Festlichkeit und Gemeinschaft.

Unterstrichen wurde dieser festliche Charakter durch die kluge Auswahl der begleitenden Werke. Johann Sebastian Bachs Kantate „Der Herr denket an uns“ (BWV 196) erklang als sprühende Hochzeitsmusik, Heinrich Schütz besang in seinem Psalm die Lieblichkeit des brüderlichen Beisammenseins, und die Ouverture von Johann Bernhard Bach brachte mit ihren französischen Tanzformen sogar höfischen Glanz und weltliche Eleganz in den Konzertsaal.

Das Prgrammheft des Abends. (C) Klangvokal
Das Prgrammheft des Abends. (C) Klangvokal

Musikalisch entpuppte sich der Abend dabei als ein faszinierendes „Familientreffen“ der Dynastie Bach. Das Programm las sich wie ein Stammbaum: Vom „Stammvater“ der Arnstädter Linie, Heinrich Bach, über dessen Söhne Johann Christoph und Johann Michael (dem späteren Schwiegervater Johann Sebastians) bis hin zum Cousin Johann Bernhard. Heinrich Schütz thronte über allem als der geistige Großvater, der den musikalischen Nährboden für diese Generationen bereitet hatte.

Kongeniale Partnerschaft

Dass für dieses Programm mit dem belgischen Vokalensemble Vox Luminis und dem Freiburger BarockConsort zwei der führenden Spezialisten für die Musik des 17. Jahrhunderts gemeinsam auf der Bühne standen, erwies sich als Glücksfall. Die Kombination dieser beiden Klangkörper hob den Abend weit über eine historische Werkschau hinaus.

Vox Luminis, unter der Leitung von Lionel Meunier, machte seinem Namen („Stimme des Lichts“) alle Ehre. Das Ensemble ist berühmt für seinen unnachahmlich warmen, homogenen Klang und die Fähigkeit, Text nicht nur zu deklamieren, sondern emotional aufzuladen. Gerade für das Titelwerk „Meine Freundin, du bist schön“ war dies essenziell: Statt akademischer Kühle brachten die Sängerinnen und Sänger jene menschliche Wärme und Sinnlichkeit mit, die dem Text aus dem Hohelied innewohnt. Sie verwandelten die theologische Symbolik zurück in spürbare Emotion.

Das Freiburger BarockConsort bildete dazu das perfekte instrumentale Gegenüber. Als Kammermusikformation des renommierten Freiburger Barockorchesters sind sie Experten für die „sprechende“ Musizierweise des Frühbarocks. Ihr Spiel zeichnete sich durch rhetorische Klarheit und einen energetischen Zugriff aus, der den Tanzsätzen den nötigen Schwung verlieh, ohne die vokale Zartheit zu überdecken.

Fazit

Das Zusammenspiel wirkte organisch und tief vertraut. Hier trafen die instrumentale Brillanz der deutschen Stadtpfeifer-Tradition auf europäische Vokalkunst höchster Güte. Gemeinsam gelang es den beiden Ensembles, die „sakralen“ Werke von ihrer Strenge zu befreien. Es entstand ein intimer Einblick in das thüringische Musikleben des 17. und 18. Jahrhunderts – eine Feier der Familie, der Verbundenheit und der Liebe in all ihren Facetten.




Kanonenmütter, Tradwives und ein großer Abschied: So startete der Geierabend 2026

Er ist ein fester Bestandteil des Dortmunder Kulturlebens: der Geierabend. Mit einer ebenso politischen wie pointierten Premiere ist die alternative Karnevalssitzung am 2. Januar 2026 auf Zeche Zollern in die neue Session gestartet. Vor vollem Haus präsentiert das Ensemble noch bis Veilchendienstag ein Programm, das aktuelle Debatten, Ruhrgebietsrealität und bewusst albernen Klamauk gekonnt miteinander verknüpft.

An Themen mangelt es dem Geierabend keinesfalls. Denn alles scheint wiederzukommen, wie Steiger Martin Kaysh zurecht anmerkte – beispielsweise der Wehrdienst. Mit der Szene „Kanonenmütter“ nimmt das Ensemble die Debatte um Wehrpflicht und Aufrüstung ins Visier: Zwei Mütter rücken kurzerhand selbst ein, inklusive olivgrünem Wellness-Programm und militärischem Gebrüll. Auch die 50er-Jahre feiern ein Wiedersehen in Form von „Tradwives“, die ihre Bestimmung im traditionellen Rollenverständnis suchen. Natürlich versucht auch die alleinerziehende Mutter Jessica Schmottke (Sandra Schmitz), davon zu profitieren. Dass auch Trends zu Ende gehen können, erlebten zwei Labubus, die auf dem „Friedhof der Kuscheltiere“ auf Relikte vergangener Tage schauten.

Auch die Situation der Dortmunder SPD wird aufs Korn genommen. Politisch-historisch wird es in „SPD – Der Geist von Godesberg“, wenn die letzten Dortmunder Sozialdemokraten in ihrer Verzweiflung den legendären Parteitag von 1959 heraufbeschwören. Denn früher war die Stadt die „Herzkammer der Sozialdemokratie“, heute regiert ein CDU-Bürgermeister. Der neue OB, Alexander Kalouti, war dabei immer wieder Zielscheibe des Spotts.

Premiere Geierabend auf Zeche Zollern. (Foto: (c) Anja Cord)
Premiere Geierabend auf Zeche Zollern. (Foto: (c) Anja Cord)

Der Ruhrpott-Blick auf gesellschaftliche Trends kommt ebenfalls nicht zu kurz. In „Bottrop statt Botox“ persiflieren „Dr. Dick und Dr. Fick“ die Schönheitschirurgie auf radikal ehrliche Art, während die Nummer „Hobby Horsing und Köttbullar“ den Trendsport aus der IKEA-Betriebssportgruppe Kamen mitten ins Revier holt. Was für spannende Geschichte mag wohl die WAPO Phoenixsee erzählen?

Musikalisch spannen Pele Götzer und seine Band einen weiten Bogen von viralen Popsongs wie „Gangnam Style“ über „Walking on Sunshine“ bis zu aktuellen Chart-Hits wie „APT“. Für den roten Faden sorgt einmal mehr Steiger Martin Kaysh, der mit bissigen Moderationen und Kommentaren zum politischen Tagesgeschehen durch den Abend führt.

Ein besonderer Moment ist in diesem Jahr der Abschied von Geierabend-Präsident Roman Henri Marczewski. Der Mitgründer und langjährige Kopf der Veranstaltung verabschiedet sich nach mehr als drei Jahrzehnten mit einer musikalischen Verneigung vor dem Publikum – ein emotionaler Höhepunkt für eine prägende Figur der Ruhrgebietskultur.

Traditionell gehört zum Geierabend auch die Vergabe des Pannekopp-Ordens, und hier gab es direkt bei der Premiere eine Entscheidung: Den Tagessieg holte sich Bettina Hartmann. Die stellvertretende Bürgermeisterin von Marl, die sich mit Stimmen der AfD hatte wählen lassen, setzte sich damit gegen NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst durch. Wüst war mit seiner Idee der „Leading Losing City Köln“ nominiert worden.

Das Ensemble musste in dieser Session zwei neue Mitglieder integrieren, was über weite Strecken sehr gut gelang. Es liefert eine Bandbreite von Ruhrpottsatire über Medienkritik bis hin zu politischer Satire – Gesangs- und Tanzeinlagen inklusive. Lediglich die Szene mit den beiden „Facharbeitern“, die zuvor von zwei ausgeschiedenen Mitgliedern verkörpert wurde, wirkte etwas routiniert – das Gabelstapler-Thema hat sich inzwischen ein wenig abgenutzt. Dennoch spielte, sang und tanzte das Ensemble insgesamt wie aus einem Guss.

Auch das Publikum war an diesem Abend bestens aufgelegt. Alle Szenen wurden ausgiebig bejubelt, und die Hymne „Dortmund“ durfte als Zugabe nicht fehlen.

Alle Infos zum Geierabend 2026

  • Spielort: Zeche Zollern, Dortmund
  • Termine: Die Session läuft noch bis zum 17. Februar 2026 (Veilchendienstag).
  • Tickets: Karten sind unter geierabend.de erhältlich.
  • Das Ensemble: Roman Marczewski, Sandra Schmitz, Martin Kaysh, Benjamin Werner, Silvia Holzhäuser und Stefan Peters.

















Kollektive Kreativität: „Vier auf Papier“ im Kunstbonbon

Unter dem Titel „Vier auf Papier“ präsentiert die Galerie „Das Kunstbonbon“ ab dem 10. Januar 2026 ein Gemeinschaftsprojekt der Künstler:innen Wibke Brandes, Nieneke Elsjan, Hans Heeg und Angela Kommoß. Die Ausstellung, die ursprünglich an anderer Stätte geplant war, fand aufgrund organisatorischer Änderungen kurzfristig ihren Weg in die Räumlichkeiten an der Chemnitzer Straße.

Im Zentrum der Schau steht der dialogische Prozess des Zeichnens. Das Quartett experimentiert mit verschiedenen Formen der Zusammenarbeit: Mal arbeiten alle zeitgleich an einer Szene, mal wird ein gemeinsamer Begriff individuell interpretiert. In anderen Werken wurde das Blatt nach dem Prinzip des „Cadavre Exquis“ weitergereicht, wobei jeder Künstler auf vorhandene Strukturen oder Zufallsformen reagierte. So entstanden durch den Wechsel der Techniken und Handschriften vielschichtige, fantasievolle Bildwelten.

Plakat zur Ausstellung "Vier auf Papier" im Kunstbonbon.
Plakat zur Ausstellung „Vier auf Papier“ im Kunstbonbon.

Ergänzend zu den Gemeinschaftswerken werden individuelle Arbeiten der Beteiligten gezeigt. Wibke Brandes und Angela Kommoß sind dem Galeriepublikum bereits durch vergangene Einzelausstellungen bekannt. Hans Heeg zeigt Arbeiten aus den Bereichen Drucktechnik, Zeichnung und Malerei. Erstmals im Kunstbonbon vertreten ist die niederländische Grafikdesignerin Nieneke Elsjan, die neben kleinformatigen Illustrationen auch Keramikarbeiten präsentiert. Die Ausstellung lädt dazu ein, das Zusammenspiel der unterschiedlichen Stile im kollektiven Schaffensprozess zu entdecken.

Vier auf Papier – Gemeinschaftsprojekt Vernissage: 10.01.2026, 15:00 Uhr Laufzeit: 10.01. bis 07.02.2026 Ort: Das Kunstbonbon, Chemnitzer Straße 11




Zwischen Peitschenhieben und Kerzenschein: Ein Abend der Kontraste im Theater im Depot

Am 05.12.2025 präsentierte das Theater im Depot „Things Falling“. Die Produktion ist weit mehr als konventionelles Tanztheater; sie ist eine intensive, körperliche Auseinandersetzung mit der Erinnerung. An der Schnittstelle von queerem Ausdruck und Diversity erforscht das Ensemble unter der Leitung von William Sánchez H., wie sich Konflikte in unsere Körper einschreiben.

Der Abend eröffnete mit einer beinahe sakralen Szenerie. Das Bühnenbild war von Teelichtern und Kerzen geprägt, untermalt von einer ruhigen musikalischen Klangkulisse. Doch diese Stille währte nicht lange. Das Stück verdeutlicht, dass der Terror epochenübergreifend dieselbe Sprache spricht. Es wirft drängende Fragen auf: Was verändert uns? Wie hallt das Weltgeschehen in uns nach?

Plakat zu "Falling Things".
Plakat zu „Things Falling“.

Dementsprechend steigerten sich Musik und Choreographie zunehmend ins Aggressive – bis hin zu knallenden Peitschen, die knapp über die Köpfe der Tanzenden geschwungen wurden. Das Finale bildete einen ruhigen Kontrapunkt: Durch einen Kostümwechsel verwandelten sich die Performer in sphärische Naturgestalten. Bleibt am Ende die Rückbesinnung auf die Natur als Lösung? Ist sie die Heilung für die zugefügten Wunden?

Mit einem starken Ensemble und einer eindrucksvollen visuellen Wandlung gelingt „Things Falling“ der Spagat zwischen Brutalität und Sanftheit.




Transmission in Dortmund: Wenn der digitale Zwilling beerdigt wird

Vom 13. bis 16. November 2025 verwandelte das NEXT LEVEL Festival die Stadt in ein Labor der digitalen Gegenwart. Ein Streifzug zwischen KI-Fegefeuer, Retro-Charme und der Frage: Darf man eigentlich etwas beerdigen, das nie gelebt hat?

Unter dem Leitthema „TRANSmission“ wurde Dortmund an diesem Wochenende zu weit mehr als nur einem Austragungsort: Die Stadt präsentierte sich als lebendiger Treffpunkt einer digitalen Kultur, die längst den Kinderschuhen der reinen Unterhaltung entwachsen ist. Das Festival positionierte Computerspiele und digitale Künste selbstbewusst als kreative Ausdrucksformen und als Motor technologischer wie kultureller Innovation.

Der Begriff „TRANSmission“ diente dabei als intellektuelle Klammer für das, was Besucher vor Ort erleben konnten: Prozesse der Übersetzung, Weitergabe und Umwandlung. Wie verändern sich Wahrnehmung und Gemeinschaft im digitalen Raum? Und wie werden Spiele zur Schnittstelle zwischen dem physischen Körper und dem digitalen Avatar? Das Programm gab darauf keine theoretischen Antworten, sondern forderte zum Mitdenken und – ganz im Sinne des Mediums – zum Mitmachen auf.

Ein Parcours der Neugier: Die Ausstellungen

Wie vielschichtig diese „kulturelle Praxis“ Gaming sein kann, zeigte sich besonders eindrücklich beim Besuch der Ausstellungsorte. Im Projektspeicher etwa lockte die Ausstellung „No end to the road“. Hier trafen Besucher auf spannende Arbeiten von Künstlern wie Lukas Schäfer, Rhys Connolly oder Mayuko Kudo. Die Atmosphäre wechselte spielerisch zwischen Interaktion, wohligem Retro-Charme und Klangkunst – ein gelungener Einstieg in die Materie.

Doch wer tiefer graben wollte, fand im Künstlerhaus Dortmund ein noch dichteres Feld vor. Hier entfaltete sich zwischen VR-Erfahrungen, Videoinstallationen und interaktiven Interfaces ein Raum, der spielerische Neugier nahtlos mit gesellschaftlichen Fragen verknüpfte. Es war ein Ort, an dem die Grenzen zwischen Kunst und Spiel, zwischen bloßem Beobachten und aktiver Teilnahme verschwammen.

Ein Blick hinein in den großen Raum des Künstlerhauses Dortmund während NEXT LEVEL.
Ein Blick hinein in den großen Raum des Künstlerhauses Dortmund während NEXT LEVEL.

Man konnte durch Mélanie Courtinats entschleunigte „Dreamscapes“ wandern und sich auf eine Rettungsmission begeben, die den gewohnten Blickwinkel plötzlich umkehrte. Oder man erspielte sich durch eine Kristallkugel die Zukunft und strich durch einen „Quanten Jungle“. Es wurde deutlich: Hier werden neue Formen des Erzählens sichtbar.

Vom KI-Schatten zum digitalen Begräbnis

Dass das NEXT LEVEL Festival auch performativ neue Wege geht, bewiesen zwei herausragende Darbietungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide den Nerv der Zeit trafen.

In „Waluigis Fegefeuer“ des Künstlerduos dmstfctn fand sich das Publikum in einer interaktiven Simulation wieder. Die Protagonistin: Eine KI, gefangen in einem eigens für künstliche Intelligenzen geschaffenen Fegefeuer, weil sie beim Training „geschummelt“ hatte. Begleitet vom atmosphärischen Soundtrack der Musikerin Evita Manji, der zwischen schwebenden Loops und intensiven Ausbrüchen oszillierte, steuerten die Zuschauer den Weg der KI per Smartphone. Tausende individuelle Lichtpunkte bewegten sich durch die 3D-Simulation – eine kollektive Entscheidungsgewalt über eine Figur, die, inspiriert von C.G. Jungs Konzept des „Schattens“ und dem Internet-Phänomen des „Waluigi-Effekts“, ihr chaotisches Alter Ego offenbarte. Es war ein faszinierendes Spiel mit der Idee, dass unsere hilfreichen digitalen Assistenten vielleicht doch ein unheimliches Eigenleben führen.

Ganz anders, aber nicht weniger eindringlich, präsentierte sich die audiovisuelle Performance „3-LA Burial Ritual“ von allapopp. Hier wurde das Festival-Thema der „Transformation“ radikal zu Ende gedacht: Was passiert, wenn der transhumanistische Traum von der Unsterblichkeit zum Albtraum wird? Allapopp inszenierte das Begräbnis des eigenen digitalen Zwillings, „3-LA“. Die Performance warf Fragen auf, die noch lange nachhallten: Wie verabschiedet man etwas, das nie biologisch lebendig war? Welche Moral gilt beim „Unlebendig-Machen“ einer digitalen Entität? In einer Zeit, in der Arthur C. Clarkes Gesetz – „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden“ – immer spürbarer wird, wirkte dieses Ritual wie ein notwendiger Exorzismus unserer digitalen Obsessionen.

Fazit

Das NEXT LEVEL Festival hat es geschafft, internationale Positionen mit der lokalen Szene zu verweben und so einen Rahmen für Dialoge zu schaffen, die dringend geführt werden müssen. Es hat gezeigt, dass Games mehr sind als Zeitvertreib: Sie sind ein Werkzeug, um die Übergänge unserer Zeit nicht nur zu beschreiben, sondern sie greifbar und gestaltbar zu machen.